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04. Juni 2010
Geht das Öl früher aus als gedacht?
Regierungen und Experten sorgen sich, dass schon bald weniger Öl gefördert wird .
BANGKOK. Die Weltwirtschaft beruht nach wie vor auf der Verfügbarkeit von billigem Öl. Doch möglicherweise ist das Fördermaximum des schwarzen Goldes schon bald erreicht. Dies dürfte schwerwiegende Folgen für die Weltwirtschaft und verheerende Folgen für die Armen der Welt haben – aber gut sein gut fürs Klima.
Die Peak-Oil-Theorie besagt, dass die weltweite Ölproduktion früher oder später ihr Maximum erreicht und dann wieder abfällt. Da immer wieder neue Ölfelder gefunden werden und sich bei steigenden Ölpreisen auch die Ausbeutung von Tiefseefeldern oder Teersand lohnt, ist es aber schwierig abzuschätzen, ab wann die Welt mit sinkenden Ölfördermengen zu rechen hat. Regelmäßig warnen Experten, dass Peak Oil kurz bevorsteht. Bislang haben sich diese Prognosen aber als falsch erwiesen. Doch nun sorgen sich immer mehr Regierungen und vor allem auch die Internationale Energie-Agentur (IEA), dass das Fördermaximum bald erreicht sein könnte und der Ölpreis in die Höhe schießt. Die erste ernstzunehmende Warnung kam im IEA-Jahresbericht 2008: "Bis ins Jahr 2015 muss die weltweite Ölförderung um 30 Millionen Barrel pro Tag erhöht werden. Es besteht eine reale Gefahr, dass unzureichende Investitionen zu einer massiven Angebotsverknappung in diesem Zeitrahmen führen." Der Chefökonom der IEA, Fatih Birol, wird noch deutlicher: "Die Zeit des billigen Öls ist vorbei." Grundlage dieser Prognose ist die Beobachtung, dass die Fördermenge in bekannten Ölfeldern deutlich schneller sinkt als zuvor angenommen. Birol sagt daher: "Wir müssen das Öl verlassen, bevor es uns verlässt."Werbung
Im März dieses Jahres publizierte die französische Zeitung Le Monde ein Interview mit dem Chef-Öl-Analysten der Regierung Barack Obamas. Dieser bestätigt, dass bereits nächstes Jahr die Ölnachfrage das -angebot übersteigen könnte: "Wenn die Investitionen nicht da sind, besteht die Möglichkeit, dass wir einen Rückgang (der Fördermenge) erleben könnten." Diese Aussage deckt sich mit der Einschätzung des amerikanischen Energiedepartements. Dort rechnet man damit, dass die Ölproduktion von 2012 an sinkt. Bis 2015 steigt demnach die fehlende Menge auf zehn Millionen Fass pro Tag. Das entspricht etwa der Fördermenge Saudi-Arabiens. Auch in Großbritannien macht man sich Sorgen. Dort sorgen die unrealistisch hohen Angaben zu den Ölreserven der Opec-Länder für Stirnrunzeln. "Die Ölreserven werden überschätzt und wenn man dies berücksichtigt, dann wird in den Jahren 2014 oder 2015 das Angebot kleiner sein als die Nachfrage", sagt der Chefwissenschaftler der britischen Regierung, Sir David King.
Welche Auswirkungen ein derartiges Szenario haben könnte, zeigt eine Studie der Deutschen Bank. Sie prognostiziert, dass kurz nachdem die Ölförderung ihr Maximum erreicht hat, der Ölpreis auf 175 Dollar pro Barrel hochschießt. Das wäre etwa zweieinhalbmal so viel wie heute. Anschließend erwarten die Deutschbanker aber wieder fallende Preise, da sie wegen der zunehmenden Zahl von Elektro- und Hybridautos von einer sinkenden Nachfrage nach Benzin ausgehen. In diesem Szenario wäre Peak Oil schlecht für die Wirtschaft, aber gut fürs Klima.
Doch ein Rückgang der Ölförderung hat noch weitere ernstzunehmende Folgen. Die verbleibenden Ölreserven befinden sich hauptsächlich in Opec-Ländern. Die Abhängigkeit der Welt von der politischen Situation im Nahen Osten und im Persischen Golf nimmt somit zu.
Am Gefährlichsten sind aber die Auswirkungen auf die Nahrungsmittelpreise. Peak Oil dürfte zu einer Ausweitung der Biospritproduktion führen. Bereits heute wird ein Drittel der US-Maisproduktion zur Herstellung von Ethanol genutzt – Tendenz steigend.
Zudem ist Öl ein wichtiger Kostenbestandteil der Landwirtschaft. Nicht nur Benzin für Traktoren, sondern vor allem auch die Düngerherstellung benötigt große Mengen Öl. Sollten die Peak-Oil-Auguren diesmal Recht behalten, ist somit nicht nur mit höheren Öl-, sondern auch mit höheren Nahrungsmittelpreisen zu rechnen. In einer Welt, in der schon heute mehr als eine Milliarde Menschen Hunger leidet, kann ein Anstieg der Nahrungsmittelpreise verheerende Folgen haben.
Autor: Christian Mihatsch
