HINTERGRUND: Gegen Dürre können sich Bauern nicht versichern

Thomas Magenheim-Hörmann

Von Thomas Magenheim-Hörmann

Do, 12. Juli 2018

Wirtschaft

In anderen EU-Ländern gibt es solche Policen – mit Hilfe des Staats.

Durch die langanhaltende Trockenheit in weiten Teilen Deutschlands befürchtet der Deutsche Bauernverband teils existenzbedrohende Ernteausfälle. Gegen Hagel oder Sturm können sich Bauern versichern – gegen Trockenheit aber nicht. Das ist europaweit eine ziemliche Ausnahme, was an der Politik und einer pokernden Agrarlobby liegen dürfte.

Die Versicherungsbranche trommelt in Deutschland seit Jahren vergeblich für eine landwirtschaftliche Mehrgefahrenpolice inklusive Trockenheit, wie es sie in den USA und vielen EU-Ländern gibt. Laut einer Studie des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) haben Wetterrisiken in Deutschland zwischen 1990 und 2013 im Schnitt jährliche Ernteausfälle von 511 Millionen Euro verursacht. Davon entfällt mit 276 Millionen Euro mehr als die Hälfte auf Trockenheit. Danach folgt Hagel mit 134 Millionen Euro. Der Rest verteilt sich auf Frost, Überschwemmung und Sturm mit Starkregen.

Gegen Hagel können sich Landwirte gut versichern. Etwa drei Viertel der heimischen Ackerflächen seien gegen Hagel abgesichert, sagt Rainer Langner, Vorstandschef des Gießener Spezialversicherers Vereinigte Hagel. Bei Sturm, Starkregen, Überschwemmung und Frost sind es mit 20 bis 25 Prozent schon deutlich weniger.

Dass es eine Police gegen Trockenheit gar nicht gibt, hat aus Sicht der Versicherungsbranche zwei Gründe: Zum einen hat der Gesetzgeber zwar die Versicherungssteuer für Agrarpolicen gegen Hagel, Sturm, Starkregen, Überschwemmung und Frost von 19 auf 0,3 Prozent gesenkt und damit günstiger gemacht. Bei Policen gegen Trockenheit beharrt Berlin aber auf 19 Prozent. Zum anderen – und das ist noch wichtiger – verweigern Bund und Länder heimischen Bauern einen staatlichen Zuschuss zu landwirtschaftlichen Mehrgefahrenpolicen. In Frankreich, Italien, Polen, Spanien, Österreich und den Niederlanden werden solche Policen laut Langner mit bis zu 70 Prozent bezuschusst. Mal werden dazu EU-Agrarfördertöpfe verwendet, mal nationale Gelder.

Trockenheit ist für Versicherungen "ein Kumulrisiko", wie Langner sagt. Er meint damit, dass Dürren oft flächendeckend auftreten – anders als Wettergefahren wie Hagel. Bei Trockenheit drohen hohe Schadenssummen, wodurch die Policen so teuer werden, dass Bauern lieber darauf verzichten oder sie sich auch schlicht nicht leisten können. Die Versicherungsdichte bei Agrarpolicen ist sowieso vergleichsweise gering.

Insgesamt umfasst der Markt dafür laut Vereinte Hagel in Deutschland aktuell ein Beitragsvolumen von rund 200 Millionen Euro. Um auch Dürre zu versichern, benötige die Assekuranz aber ein Volumen von 500 bis 600 Millionen Euro, so Langner. Selbst dann wäre in einem Jahr wie diesem, in dem gut zwei Milliarden Euro Schaden drohen, die Versicherungssumme von vier bis fünf Jahren auf einen Schlag weg.

Der Deutsche Bauernverband fordert bezahlbare Policen. Dazu müsse die Versicherungssteuer für Dürregefahren von 19 Prozent auf 0,3 Prozent gesenkt werden, so der Verband. Staatliche Zuschüsse für Versicherungsbeiträge lehnt er aber ab. "Wir rufen nicht nach staatlichen Zuschüssen", sagt eine BDV-Sprecherin. Genau begründen mag sie das nicht, und sie sieht in der jetzigen Praxis keine Benachteiligung deutscher Landwirte gegen EU-Konkurrenten, die eine solche Förderung erhalten.

Ein Insider erklärt die Ablehnung: Der Bauernverband befürchte, dass ein solcher Zuschuss aus der allgemeinen EU-Agrarförderung abgezweigt würde und den Bauern damit an anderer Stelle fehlt. Entschädigt würden Landwirte bei Dürren in der Regel auch ohne Versicherungsschutz von den Bundesländern. Dieses Mal hat beispielsweise Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger den Betroffenen schon Hilfe zugesagt, wie der RBB meldet.

Staatliche Hilfen für Bauern nach Wetterkatastrophen seien in ihrer Ausprägung aber weder planbar, noch bestehe seitens betroffener Bauern ein Rechtsanspruch, betont die Versicherungslobby – und fordert einen Paradigmenwechsel. Um Policen gegen Trockenheit bezahlbar zu machen, brauche es in Deutschland eine staatliche Ko-Finanzierung wie in drei Viertel der EU-Länder, fordert der GDV.