Immer am Ackern

Jörn Bender/Friederike Marx

Von Jörn Bender/Friederike Marx (dpa)

Di, 28. August 2018

Wirtschaft

Der niedersächsische Bauernsohn und Ex-Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen wird am 1. September 70 Jahre alt.

FRANKFURT. Jürgen Fitschen musste schon als Kind ackern. "Ich habe am Samstagnachmittag erst den Weg zum Fußballplatz finden können, wenn der Hof sauber gefegt war", erinnert sich der ehemalige Co-Chef der Deutschen Bank. Doch der gebürtige Niedersachse, der am 1. September seinen 70. Geburtstag feiert, ist dankbar für die Erfahrungen in der Landwirtschaft der Eltern: "Ich habe auf sehr plastische Art und Weise gelernt, was Säen und Ernten bedeutet. Mit Geduld, aber der nötigen Vorarbeit."

Dass vieles nichts über Nacht geht, bestätigt sich für Fitschen, als er später für die Deutsche Bank Kunden in Asien zu werben versucht. Manchmal dauert es Jahre, bis eine Geschäftsbeziehung angebahnt ist."Auch in der Finanzbranche gilt: zuerst kommt das Säen", sagt Fitschen. "In den entscheidenden Jahren vor der Finanzkrise hatte ich manchmal das Gefühl, dass viele Leute in der Branche unterwegs sind, die nur auf den schnellen Erfolg aus waren und nur für sich ernten wollten und nicht säen. Auf Dauer kann das nicht funktionieren."

Die Scherben musste Fitschen zusammenkehren, als der langjährige Deutschlandchef der Deutschen Bank im Juni 2012 als Co-Chef des größten deutschen Geldhauses antrat. Denn "besenrein", wie von Vorgänger Josef Ackermann versprochen, war das Haus keineswegs. Pikant: Viele der teuren Rechtsstreitigkeiten, die der Bank zu schaffen machten, hatten ihren Ursprung im Geschäftsbereich von Fitschens Partner an der Konzernspitze, dem Investmentbanker Anshu Jain. "Die Partnerschaft hat funktioniert", bekräftigt der Jubilar gleichwohl. "Wenn wir unterschiedlicher Meinung waren – und das waren wir zu einigen Themen – dann haben wir das ausgetragen, bis wir eine gemeinschaftliche Lösung hatten." Er halte bis heute freundschaftlichen Kontakt zu Jain.

Dass mancher Kritiker meint, das ungleiche Duo habe bei der Deutschen Bank nicht konsequent genug aufgeräumt und deshalb sei die US-Konkurrenz noch weiter enteilt, lässt Fitschen nicht auf sich sitzen: "Wer von verlorenen Jahren spricht, hat nicht verstanden, welches Maß an Veränderungen umgesetzt wurde." Zum Aufräumen habe es keine Alternative gegeben, auch wenn es alles andere überlagert habe. Nicht ganz so schnell ging es zudem mit dem "Kulturwandel", den Fitschen von den Mitarbeitern des Weltkonzerns Deutschen Bank forderte. "Beim Thema Kulturwandel musste ich aufgrund interner und externer Widerstände schon sehr hartnäckig sein", sagt er.

Der Deutschen Bank noch tief verbunden

Anshu Jain wurde im Sommer 2015 durch John Cryan ersetzt, Jürgen Fitschen blieb als Co-Vorstandsvorsitzender noch bis zum Ablauf der Hauptversammlung Mitte Mai 2016 im Amt und steht der Deutschen Bank weiterhin als Berater zur Verfügung. "Der Bank bin ich weiter mit Herzblut verbunden", sagt Fitschen.

Eigentlich sollte "der Jürgen", wie Fitschen bis heute in seinem Heimatdorf Harsefeld-Hollenbeck bei Stade genannt wird, den väterlichen Bauernhof übernehmen. "Die Regel bei uns zu Hause ist, dass der älteste Sohn immer vom Vater den Hof übernimmt. Ich war der älteste, hatte aber kein Interesse daran. Mein jüngerer Zwillingsbruder dagegen schon. Und so haben es meine Eltern dann auch bewusst gefördert, dass ich mich auf die Schule konzentrieren konnte." Geboren am 1. September 1948, fällt Fitschen schon früh positiv in der Schule auf. "Dem Jürgen ist immer alles zugeflogen, er musste nicht einmal großartig büffeln dafür", schilderte Zwillingsbruder Hans-Otto einmal. Ende der 50er Jahre ist Jürgen Fitschen der einzige Schüler aus dem Dorf, der es aufs Gymnasium in Stade schafft. Nach einer Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann (1969 bis 1971) studiert er in Hamburg Wirtschaftswissenschaften (1971 bis 1975).

Bei der Citibank (1975 bis 1986) lernt Fitschen die Finanzwelt erstmals aus der Nähe kennen, 1987 wechselt er zur Deutschen Bank. Für sie knüpft der Manager Kontakte zu Kunden in Thailand, Japan, Singapur. Thailand wird für ihn zur zweiten Heimat: Schon während des Studiums hatte er seine spätere Ehefrau, eine Thailänderin, kennengelernt.

Die beiden erwachsenen Kinder des Paares zog es an die Pole von Fitschens Leben: Während die Tochter sich in der Heimat des Vaters niederließ, wo auch die beiden Enkel leben, fand der Sohn seinen Lebensmittelpunkt in der Millionenmetropole Bangkok. Die Mutter der beiden verunglückte vor 14 Jahren tödlich.Fitschen weiß, wo er verwurzelt ist: "Heimat ist mein kleines Dorf. Da kenne ich jeden Strauch und auch heute viele, nicht nur die Nachbarn."