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22. Januar 2009

Jeder Vierte ist ein Habenichts

Die Unterschiede bei der Vermögensverteilung werden immer größer / Der Osten verarmt zunehmend / Hartz IV frisst manche Rücklagen auf

  1. Foto: dpa

  2. Die einen stehen in der Sonne, andere haben kaum mehr Perspektiven. Foto: ddp/dpa

BERLIN. Die Bundesbürger verfügen über ein gewaltiges Vermögen. Der Wert des Immobilienbesitzes, von Schmuck, Sammlungen oder Geldvermögen beträgt rund 6,6 Billionen Euro. Statistisch betrachtet hat jeder Erwachsene in Deutschland 88 000 Euro angespart. Der Durchschnitt sagt allerdings nichts über die immer ungleichere Verteilung der Rücklagen aus. Mehr als jeder vierte Bürger hat gar kein Vermögen oder ist sogar verschuldet.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass ein großer Teil der Reichtümer sich in den Händen vergleichsweise weniger Bürger befindet. Die Spitzengruppe von einem Prozent der Bevölkerung vereint fast ein Viertel des Gesamtvermögens auf sich. Das reichste Zehntel kommt auf 60 Prozent. In den unteren Schichten fällt die Bilanz deutlich magerer aus. Zwei Drittel der Deutschen verfügen über gar keinen oder nur einen geringen Besitz. Der Mittelwert, bei dem die eine Bevölkerungshälfte weniger, die andere mehr besitzt, liegt bei 15 288 Euro.

Das DIW geht davon aus, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich künftig weiter öffnet, weil zum Beispiel die Erbschaftsteuer oder die Abgeltungsteuer tendenziell den Wohlhabenden mehr nutzt als den Habenichtsen. Die Forscher haben für die Studie das Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewertet, die wohl umfangreichste Befragung der Haushalte in Deutschland mit über 30 000 Beteiligten.

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Zwischen der letzten Auswertung 2002 und der jüngsten aus dem Jahr 2007 hat sich die soziale Kluft demnach weiter vergrößert. Insgesamt sind die Vermögenswerte zwar um etwa zehn Prozent gestiegen. Doch es gibt auch Verlierer, vor allem in Ostdeutschland. Während das Nettovermögen in den alten Ländern von durchschnittlich 91 000 Euro auf 101 000 Euro wuchs, verringerte es sich in den neuen Ländern von rund 34 000 Euro auf 31 000 Euro. Der Trend hat zwei Gründe. Der Wert von Immobilien in Ostdeutschland sinkt und die Arbeitslosigkeit frisst vorhandene Rücklagen auf. Hartz IV bekommt nur, wer zuvor sein Vermögen aufgebraucht hat.

"Das Risiko für Altersarmut steigt", befürchtet DIW-Experte Markus Grabka. Aufgrund der Lücken im Berufsleben und der geringen Vermögenswerten fallen die Renten für viele Ostdeutsche knapp aus. Es gibt zu wenige Vermögenswerte, die diesen Nachteil ausgleichen könnten.

Die zunehmende Ungleichheit ist kein Ost-West-Phänomen. Auch zwischen den Altergruppen und verschiedenen Berufen zeigen sich beträchtliche Differenzen. Am besten stehen die Selbständigen mit mehr als zehn Beschäftigten da. Sie können sich auf Rücklagen im Wert von 1,1 Millionen Euro stützen. Höhere Beamte mit 140 000 Euro und Rentner mit 114 000 Euro gehören auch noch zur Spitzengruppe. Hier spietl der Immobilienbesitz eine große Rolle. Schlusslichter sind Hilfsarbeiter und Azubis, die im Durchschnitt 34 000 Euro beziehungsweise 11 000 Euro angespart haben.

Im internationalen Vergleich steht Deutschland nicht gerade schlecht da. Nach einer Studie eines UN-Instituts ist das Vermögen etwa in Großbritannien und Frankreich ungleicher verteilt. Und im Durchschnitt ist es dort auch höher. Am größten sind die Unterschiede in Schweden, gefolgt von der Schweiz und den USA. Dabei ist das Durchschnittsvermögen der Schweizer mehr als doppelt so hoch wie das der Deutschen. Nur das der Japaner ist mit 227 000 Euro noch höher. Aber: In keinem anderen Land ist der Reichtum so gleichmäßig verteilt wie in Japan.

Autor: Wolfgang Mulke und Klaus Rütschlin