06. Oktober 2009 00:14 Uhr

Interview

Finanzexperte Fuest hält Steuersenkungen für falsch

Wenn Union und FDP die Einkommensteuer reduzierten, würde das nicht zu mehr Wachstum oder langfristig höheren Staatseinnahmen führen. Das sagt der Finanzwissenschaftler Clemens Fuest im BZ-Interview.

Wir die Einkommenssteuer gesenkt? | Foto: Gero Breloer
BZ: Union und FDP begründen die geplanten Steuersenkungen damit, dass sie das Wirtschaftswachstum stimulieren müssten. Was halten Sie von dieser Argumentation?
Fuest: Augenblicklich halte ich es für falsch, die Einkommensteuer zu senken. Denn ein großer Teil der Entlastung käme Privathaushalten zugute, die nicht unter Geldsorgen leiden. Diese würden die zusätzlichen Mittel überwiegend sparen, aber nicht in den Geschäften ausgeben. Wesentlich stärkere Nachfrage oder Impulse für das Wirtschaftswachstum kann die Bundesregierung so nicht auslösen.

BZ: Besonders die FDP plädiert dafür, den Kinderfreibetrag auf 8000 Euro anzuheben. Schafft das mehr Nachfrage und damit Arbeitsplätze in den Unternehmen?
Fuest: Nein, von dem höheren Freibetrag profitieren Familien im oberen Einkommensbereich. Sie nutzen den Freibetrag, weil dieser für sie günstiger ist als das Kindergeld. Wer wohlhabend ist, kauft aber kein neues Fahrrad oder einen Fernseher, nur weil er ein paar Hundert Euro weniger Steuern zahlt. Den Wachstumseffekt, der daraus resultiert, kann man vernachlässigen.

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BZ: Wäre es schlauer, den Eingangssteuersatz für niedrige Einkommen weiter zu senken und die heimlichen Steuererhöhungen für mittlere Verdienste zu reduzieren, also die so genannte kalte Progression zu mildern?
Fuest: Das brächte ebenfalls kaum mehr Nachfrage und Wachstum. In den Genuss dieser Entlastung kämen zwar auch Menschen mit weniger Geld, die sofort in zusätzlichen Konsum investierten. Aber nicht nur diese würden profitieren, sondern auch alle anderen Steuerzahler, die auf Entlastungen nicht angewiesen sind. Deshalb sollte eine niedrigere Einkommensteuer jetzt keine Priorität haben.

BZ: Könnte die Regierung einen positiven Effekt auslösen, wenn sie die Unternehmen entlastete?
Fuest: Das kommt darauf an, wie man es macht. Die Reduzierung der Körperschaftsteuer fördert nur die Firmen, denen es ohnehin gut geht, und die Gewinne erzielen. Sinnvoll wäre es aber, die Wirtschaft insgesamt zu unterstützten. Die Regierung könnte deshalb daran denken, Investitionen zu bezuschussen. Das wirkte als Anreiz, Aufträge zu erteilen, die sonst unterblieben wären. Dadurch nähme die Nachfrage tatsächlich zu. Arbeitsplätze würden gesichert.

Finanzexperte und Regierungsberater Clemens Fuest über die Wahlversprechen von Union und FDP. Foto: privat



BZ: Sie stehen Steuersenkungen also generell skeptisch gegenüber?
Fuest: Instrumente, die nichts bringen, sollte man vermeiden. Im Augenblick fehlt dem Staat Geld. Steuersenkungen kann er sich nicht leisten. Es sei denn, die Regierung kürzt die Ausgaben, um die entstehenden Verluste auszugleichen.

BZ: Union und FDP hoffen, dass niedrigere Steuern das Wachstum ankurbeln und dadurch später die Staatseinnahmen steigen. Darf man mit diesem Selbstfinanzierungseffekt der Steuersenkung rechnen?
Fuest:
Die Auswirkungen niedrigerer Steuern auf das Wachstum sind schwer zu messen. Untersuchungen deuten aber darauf hin, dass der Staat nur darauf hoffen kann, maximal die Hälfte der Einnahmeverluste, die die Steuersenkung verursacht, durch höheres Wachstum und stärkere Einnahmen zu kompensieren.

BZ: Wer Steuern senkt, muss also, um den Staatshaushalt zu finanzieren, entweder Schulden machen oder staatliche Leistungen einschränken?
Fuest: So kann man das sagen.

BZ: Die rot-grüne Bundesregierung hat die Einkommensteuer reduziert. Danach kam es zum Wirtschaftsboom, und die Staatseinnahmen liefen prima. Ein Gegenargument?
Fuest: Nein, trotz Steuersenkung rutschte Deutschland damals erst einmal in die New-Economy-Krise. Später kam zwar der Aufschwung, aber die große Koalition erhöhte die Mehrwertsteuer. Entgegen der Theorie hat das der Konjunktur nicht geschadet. Sie sehen: Der Zusammenhang zwischen Steuererhöhungen und -senkungen sowie dem Wachstum ist nicht so einfach zu beschreiben, wie manche Leute es gerne hätten.

Clemens Fuest
Clemens Fuest (Jahrgang 1968) forscht und lehrt als Professor für Unternehmensbesteuerung an der Said Business School der britischen Traditionsuniversität Oxford und an der Universität in Köln. Er leitet zudem den Wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums.

 

Autor: Hannes Koch



8 Kommentare

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uak 06. Oktober 2009 - 09:24 Uhr

Sehr richtig, Herr Fuest. Wie immer, wenn FDP/CDU von Steuersenkungen sprechen, hilft dies nicht denen, die es am dringendsten brauchen könnten. Es wäe sehr viel besser, wenn man mit den so fast unnütz einzusetzenden Milliarden die Beiträge zur Sozialversicherung senken würde: Das würde allen Arbeitnehmern UND ARBEITGEBERN nützen. Im Gegenteil ist die Rede von Beitragserhöhungen, ABER NUR ZU LASTEN DER ARBEITNEHMER, während die Arbeitgeberanteile nicht erhöht werden sollen!

stranger56  

stranger56 06. Oktober 2009 - 12:40 Uhr

Hallo,
wie kann es sein das ich das gleiche Interview heute morgen in der TAZ lass? Wer hat nun das Gespräch geführt?

Redaktion (BZ)  

Redaktion (BZ) 06. Oktober 2009 - 12:50 Uhr

@stranger56: Das Interview mit Herrn Fuest haben wir von einem freien Journalisten-Büro. Herr Koch, der das Gespräch führte, hat den Text wohl auch an die taz verkauft. Ein ganz normaler Vorgang.

Dr. Harry  

Dr. Harry 06. Oktober 2009 - 13:14 Uhr

Ah, okay... Meinungen einkaufen ist ein normaler Vorgang. Gut zu wissen!

Warum aber genau dieses Interview, zu unserer geistigen Betrachtung ausgewählt wurde, wird uns die BZ ganz sicher verschweigen, oder ;-)

PTS  

PTS 06. Oktober 2009 - 13:18 Uhr

danke BZ für dieses interview, vor allem die sache mit dem kinderfreibetrag ist interessant!
trotzdem bin ich froh, dass die SPD endlich mal wieder in der opposition ist

Markus Hofmann (BZ)  

Markus Hofmann (BZ) 07. Oktober 2009 - 23:25 Uhr

Lesetipp zum Thema:

Essay von Prof. Clemens Fuest in der FAZ: Der Griff zur Mehrwertsteuer ist alternativlos

http://www.faz.net/s/RubB8DFB31915A443D98590B0D538FC0BEC/Doc~E39C51E532BBF49BF8E570621FAAF8898~ATpl~Ecommon~Scontent.html

 

diemitderronja 07. Oktober 2009 - 23:40 Uhr

@Markus Hofmann (BZ)

Ich habe den FAZ-Essay nicht gelesen und find's trotzdem besser, sich das aufgrund der Finanzkrise notwendige Geld nicht via Mehrwertsteuererhöhung von den einfachen Leuten und den Armen zu holen, sondern bei den Reichen und vor allem bei den Banken und ihren Managern. Ackermann muß bluten!

Auch noch eine Bemerkung zu den Modalitäten dieses Interviews: Ich find's, mit Verlaub, billig und irreführend, einen frei angebotenen Artikel als eigenes Machwerk zu präsentieren. Was wäre an Qualität verloren gegangen, wenn Sie als 'Frager' nicht "BZ", sondern "Hannes Koch" geschrieben hätten? - Dabei habe ich nichts gegen den Einkauf eines Interviews oder von Nachrichten! Im konkreten Fall ist's aber doch für die Zeitung selbst peinlich, als mit offen grün-werbender Lokalredaktion (Mauch) auf eine Stufe mit der taz gestellt zu werden.

 

Uwe Drescher 08. Oktober 2009 - 07:32 Uhr

Hmmm, der Griff zur Mehrwertsteuer ist alternativlos. Toll das belastet dann überhaupt nicht die Familien im unteren und mittleren Einkommensbereich.
Den Herrn Professor lade ich gerne einmal zu einem Gespräch in eine etwas über dem Durchschnitt verdienende Familie ein. Dann kann ich ihm mal erklären, welche Ausgaben alle ausbleiben, weil vom Brutto nicht mehr über bleibt.
Die Reduzierung der Sozialversicherungsbeiträge, wie ein Beitrag erwähnt würde auch eine Entlastung bringen. Allerdings profitieren davon natürlich auch nur die die Arbeit haben und solche Beiträge entrichten.
Das Geschwätz der Staat hat nicht genug Geld für Entlastungen wird nicht besser, wenn man es öfter wiederholt.
Der Regierung, egal welcher Coleur soll einmal damit beginnen sich über die eigenen Ausgaben Gedanken zu machen. Bund der Steuerzahler und die Rechnungshöfe zeigen Jahr für Jahr Sparpotentiale auf. Aber nein, beim Sparen denken unsere "Volksvertreter" wirklich mal ausschliesslich an das Volk. Wie sonst nie.