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19. Juni 2017

"Junge werden massiv umworben"

BZ-INTERVIEW mit dem Emmendinger Kreishandwerksmeister Martin Schubnell.

  1. Martin Schubnell Foto: Matthias Maier

  2. Die Anforderungen an die Ausbilder steigen auch in der Kfz-Werkstatt. Dort sind Computer & Co. nicht mehr wegzudenken. Foto: Oliver Berg (dpa), Matthias Maier

Fast alle Handwerksbetriebe der Region sind mit ihrer Auftragslage zufrieden. Allerdings mangelt es an ausreichend Fachkräften und Nachwuchshandwerkern. Darüber sprach Manuela Müller mit Martin Schubnell, dem Kreishandwerksmeister im Kreis Emmendingen.

BZ: Im Handwerk wird seit Jahren geklagt, dass es schwer ist, ausreichend Nachwuchs zu gewinnen. Ist das nach wie vor so?
Schubnell: Es war noch nie leicht, weil die Möglichkeiten in unserem Land sehr vielfältig sind. Aber heute schauen alle, dass sie Abitur machen, weil sie der Meinung sind, dass man nur mit Abi ein "guter" Mensch wäre. Das macht sich im Handwerk bemerkbar.

BZ: Vielleicht meinen die jungen Leute aber auch, dass man nur mit Abi gut Geld verdienen kann.
Schubnell: Das ist oft eine Fehleinschätzung. Über Mindestlohngesetze, die einen Stundenlohn von 8,50 Euro vorschreiben, lachen wir im Handwerk. Die guten Leute verdienen im Handwerk gutes Geld. Natürlich braucht es dafür auch eine gewisse Qualifikation.

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BZ: Im Handwerk sind die Anforderungen an Schulabgänger aber auch gestiegen – im Elektrohandwerk zum Beispiel.
Schubnell: Die Anforderungen dürfen wir nicht kleinreden, das ist richtig. Wenn jemand kein so starker Bewerber ist, dann gibt es die Möglichkeit der ein- und zweijährigen Berufsfachschule. Damit erwirbt der Bewerber eine Vorqualifikation mit theoretischen und praktischen Unterrichtsteilen. Wenn er gut war, bekommt er dieses Jahr anerkannt – als ganzes Ausbildungsjahr. Und wenn das Schuljahr nicht von so großem Erfolg gekrönt war, hat man schon eine Vorbildung. Wenn man dann ins erste Lehrjahr geht, hat man es in der Ausbildung leichter. Das haben wir schon x-fach so praktiziert. Und aus den Leuten sind dann gute Handwerker geworden. Die tun sich in der Schule mal ein bisschen schwer, aber im Praktischen sind sie dann umso besser. Die Theoriedefizite kompensiert man mit internen Schulungen. Das ist das, was das Handwerk schon immer ausgemacht hat: dass wir auch den schwächeren Schulabsolventen eine Chance bieten.

BZ: Der heutige Präsident der Handwerkskammer, Johannes Ullrich, hat vor einigen Jahren mal gesagt, als Lehrherr müsse man immer auch erzieherische Aufgaben übernehmen. Wie sehen Sie das?
Schubnell: Ja, da hat er Recht, denn da kommen ja junge Menschen zu uns – aus jedweder Struktur. Was früher eine feste Familienbasis war, dass fehlt heute manchmal. Da müssen wir diese jungen Menschen unterstützen. Die nehmen das auch gerne an. Die sind ja praktisch in einer neuen Familie, weil ein Handwerksbetrieb in der Regel zwischen einem und zehn Mann stark ist. Ich denke schon, dass das ein familiäres Umfeld ist und man näher am Menschen dran ist. Es geht da auch um die Grundwerte: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Anforderungen des Kunden.

BZ: Die Auftragslage ist schon seit vielen Jahren sehr gut. Wie kann sich ein Handwerksbetrieb so positionieren, dass er trotzdem ausreichend Fachkräfte kriegt?
Schubnell: Wenn ich dazu ein Patentrezept hätte, wäre ich sicherlich sehr gefragt. Über den Fachkräftemangel diskutieren wir schon seit mehr als zehn Jahren. Warum? Weil wir in Südbaden leben. Das ist ein Zuzugsgebiet. Deswegen haben wir diese Konjunkturlage. Was wir tun? Es gibt seit sieben Jahren die Imagekampagne. Damit haben wir das Image der Handwerksberufe grundlegend auf neue Säulen gestellt. Denn der Konkurrenzkampf um die Schulabgänger zwischen Industrie, Hochschulschiene und Handwerk ist groß. Die Jungen werden schon massiv umworben. Das erkennt man, wenn von Großbetrieben Schulkooperationen angeboten werden. Oder, wenn große Wissenschaftstage abgehalten werden. Das ist einfach vom Budget her für kleinere Handwerksbetriebe nicht machbar. Aber wir nehmen an der Jobstartbörse (JSB) im Landkreis teil. Da kann sich auch jeder über Handwerksberufe informieren. Wir würden uns freuen, wenn die Eltern da ein bisschen mehr Engagement zeigen würden. Ich war vergangenes Jahr mit einem eigenen Stand auf der JSB in Emmendingen und habe mit vielen Jugendlichen gesprochen. Aber die werden wahrscheinlich in eine andere Richtung abbiegen und nicht ins Handwerk kommen. Warum? Weil von daheim aus gewünscht war, dass das Kind studiert.

INFO

Martin Schubnell (50) ist seit 1999 Obermeister der Innung für Elektro- und Informationstechnik Emmendingen – seit 2008 zudem Kreishandwerksmeister. Er wohnt mit seiner Familie in Reute.  

Autor: manu

Autor: manu