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23. August 2011
Fischereipolitik
Kein Lachs für Hausmädchen
Umweltschützer warnen vor dem Aussterben vieler Fischarten / Die Fischer dagegen klagen über zu viele Fische.
Noch vor 150 Jahren galt die Elbe als fischreichster Strom Europas. Lachse gab es fast so viele wie Sand am Meer. "Das war die Zeit, als sich die Hausmädchen der vornehmen Hamburger Bürger schriftlich zusichern ließen, dass sie nicht öfter als ein Mal wöchentlich Lachs zu essen bekommen", erzählt Olaf Jensen (53).
Er ist Elbfischer und das ist mehr als eine Arbeit, das ist ein Beruf. Sein Fangrevier liegt im Übergang von der Nordsee zu einer der meist befahrenen Wasserstraßen Europas. Nach einem sozialwissenschaftlichen Studium entschied sich Jensen für seinen Traumberuf. Das war vor fast drei Jahrzehnten. Heute komme er über die Runden, meint der Angehörige der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein lakonisch. Damit gibt Jensen den Ton vor, der in der ganzen deutschen Fischwirtschaft zu herrschen scheint, egal, ob auf hoher See, vor der Küste oder in Förden und Flüssen: Die Lage ist nicht gut, sie ist nicht schlecht, sie könnte besser sein. Vom Aussterben der Fische und der Fischerei redet kein Fischer.
Anders sieht die maritime Wirklichkeit aus dem Blickwinkel vieler Nichtregierungsorganisationen aus. Umweltschutzverbände warnen vor dem Kollaps der Unterwasserwelten. Ebenso finster umschreibt die EU-Kommission die Situation. Fast 85 Prozent der weltweiten Fischbestände sieht sie "vollständig ausgebeutet oder überfischt". Drohen uns also tote Meere ohne Seelachs, Hummer und Miesmuscheln?
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Bemerkenswert ist, dass die lautstarken Parteigänger einer maritimen Endzeitstimmung auf dieselben Daten zurückgreifen wie ihre gelassen bleibenden Kritiker. Laut der Welternährungsorganisation FAO sind 32 Prozent der Fischbestände "überfischt oder bereits erschöpft"; 53 Prozent werden als "vollständig ausgebeutet" klassifiziert. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bestände schon zum Aussterben verdammt seien. Sondern es sei lediglich die maximale Grenze erreicht, bis zu der eine von der FAO sogenannte nachhaltige Produktion noch möglich sei. Eine weitere Steigerung der Ausbeutung dieser Meeresgebiete verbiete sich. Wer nun seine Lagebeschreibung dramatisieren möchte, addiert beide Zahlen zu 85 Prozent; wer ein freundlicheres Bild wünscht, verweist auf den ungleich kleineren Kollaps von 32 Prozent der Fischbestände.
Was als gesichertes Wissen gelten kann, sammelt das Johann Heinrich von Thünen-Institut auf seine Internetseite "Fischbestände online". Dort zeigt sich ein bunteres Bild als das öffentlich dargebotene. Unterteilt nach Arten und Fanggebieten findet sich manch Unappetitliches und global nimmt die Überfischung seit der ersten Erhebung 1974 zu. Aber viele Geschöpfe zeigen ihre Lebenskraft unter oft widrigen Bedingungen.
Einen radikalen Ansatz hat nun die EU-Kommissarin Maria Damanaki für ihre Reform der europäischen Fischereipolitik gewählt. Obwohl Kritikern manches nicht schnell genug geht, könnte die 59-jährige Griechin Mitte Juli in Brüssel eine Revolution in Richtung Nachhaltigkeit ausgelöst haben. Im Mittelpunkt ihres Programms stehen zwei Punkte: Die Fangmengen sollen sich in Zukunft nach wissenschaftlichen Empfehlungen richten sowie für einen längeren Zeitraum von mehreren Jahren festgelegt werden. Bislang feilschen 27 Regierungen Jahr für Jahr neue Quoten aus. Außerdem sollen alle gefangenen Tiere angelandet werden. Bislang werden für die Industrie zu kleine Fische oder unerwünschte Sorten als Beifang – meist tot – ins Meer geschmissen. Durch ein Verbot würde es sich für die Fischer rechnen, den Beifang zu reduzieren. Technisch ist dies möglich.
Der radikale Ansatz der früheren Sprecherin der Studentenrevolte gegen die Athener Militärdiktatur könnte ein großer Schritt in Richtung einer nachhaltigen Fischerei bedeuten – wenn das überwiegend konservativ-liberale EU-Parlament mitspielt und zustimmungspflichtige Staaten über ihren kurzsichtigen nationalen Schatten springen. Frau Damanaki hofft, bis 2013 die politischen Hürden genommen zu haben, und "bis spätestens 2015" soll die Befischung aller Bestände auf nachhaltiges Niveau gebracht sein. Nach vier Jahrzehnten verfehlter Fischereipolitik ist das ein ziemlich ehrgeiziges Ziel.
Offen bleibt, wie die EU ihre eigenen Regeln endlich nachhaltig kontrollieren will. Offen bleibt auch, wie die Kommission die Fischfangflotten Europas sozialverträglich zu halbieren gedenkt. Etwa 400 000 Arbeitsplätze hängen am Fisch, und vor allem im Süden gibt es Überkapazitäten bei den Fischfangflotten.
Uwe Richter, Jahrgang 1962, nennt die EU-Politik einseitig und überzogen. Der Rüganer ist Vorsitzender des 1918 gegründeten Verbandes der deutschen Hochseefischereien. Nur noch neun Schiffe umfasst die deutsche Hochseeflotte, die bis in den Pazifik auf Fang geht. "Wir haben den Kapazitätsabbau erfüllt." Die Einrichtung der 200-Seemeilen-Wirtschaftszone durch die Seerechtskonferenz in New York 1977 hatte in der Bundesrepublik zu einem gewaltigen Schrumpfungsprozess geführt. Mit dem Ende der DDR wurde zugleich das Ende der ostdeutschen Flotte besiegelt. Dagegen halten Spanien und Portugal, Frankreich, Dänemark und Holland riesige Flotten vor, um Milliarden Euro mit dem Export von Fisch in alle Welt zu verdienen. Viele nationale Regierungen lassen ihren Fischern trotz anders lautender Empfehlungen von EU-Kommission und Wissenschaftlern daher zu hohe Fangmengen durchgehen. Da die europäischen Fischgründe trotzdem bei weitem nicht für die Industrieflotten ausreichen, kauft die EU Quoten vor allem an der Westküste Afrikas und vor Grönland zu.
Peter Breckling (51) blickt gelassen optimistisch in die Zukunft. Insgesamt sei die Fischerei in Deutschland kein sterbendes Gewerbe, versichert der Fischereibiologe und Generalsekretär des Deutschen Fischereiverbandes (DFV), dessen Geschäftsstelle auf dem Venusberg am Rande des Hamburger Stadtteils Sankt Pauli liegt. Er sagt: "Viele Bestände weisen eine steigende Tendenz auf." So habe etwa der Beitritt Polens zur EU dazu geführt, dass die Schwarzfischerei in der Ostsee stark zurückgegangen sei und Polen einen Teil seiner Flotte – gegen EU-Ausgleichszahlungen – abgewrackt habe. Die Folge: Der Dorsch, der selbst vom Küchentisch der Kenner verschwunden war, wird heute im Übermaß gefangen. Das schafft neue, wirtschaftliche Probleme: Die Erzeugerpreise sind abgetaucht.
Mit Niedrigpreisen müssen auch Krabben- und Schollenfischer zu Recht kommen. Doch die Fischer an der Nordseeküste haben den Märkten getrotzt. Im Frühjahr blieben die deutschen Krabbenfischer im Hafen, um gegen die Niedrigpreise der zwei holländischen Großhändler zu protestieren, die rund 90 Prozent des Marktes beherrschen. "Der Streik hat sich gelohnt", sagt Krabbenfischer André Hamann (38), Sprecher der See- und Krabbenfischer an der deutschen Nordseeküste. Der Streik hatte Erfolg, weil man sich auch mit den niederländischen und dänischen Kollegen auf eine Mengenbegrenzung einigen konnte, die den Preis stabilisiert. Zu Beginn des Arbeitskampfes hatte es 1,57 Euro pro Kilo gegeben, dann stieg der Preis auf 2,70 Euro. Jetzt allerdings ist er wieder auf rund 2,50 Euro gefallen.
Sonntagmorgen, um sechs Uhr in der Früh verkauft Fischer Olaf Jensen die ersten Aale von seinem Boot aus an Nachtschwärmer, die den Weg zum Altonaer Fischmarkt unten an der Elbe gefunden haben. Seinen Fang verkauft er direkt von Bord oder an Spezialitätenrestaurants.
Nachhaltigkeit, ärgert sich Jensen, sei heute ein Modewort, doch die klassische Familienfischerei habe immer nachhaltig gefangen. Probleme gäbe es erst, seit industrialisierte Fangflotten mit 150 Meter langen Trawlern 24 Stunden am Tag die Fischgründe durchpflügen. Und wenn die Europäische Union mit ihrer Förderung Löcher stopfe, reiße sie an andere Stelle wieder neue auf.
Während die deutsche Landwirtschaft vergleichsweise üppige Subventionen erhält und Holland den Bau neuer Fangschiffe fördert, werden die Fischer in Flüssen und an der deutschen Nord- und Ostseeküste kaum unterstützt. Lediglich beim Schiffsdiesel entfällt der Steueranteil. "Doch ich kriege für eine Scholle nur so viel, wie mich ein Liter Schiffsdiesel kostet" – etwa 70 Cent. Von dem subventionierten Treibstoff profitieren vor allem die Fischereiflotten auf hoher See, deren schwere Dieselmotoren riesige Schleppnetze durchs Meer ziehen, nicht aber die Familienfischerei mit ihren Stellnetzen und Reusen. Die meisten Fischer an Europas Küsten besitzen einen 15 Meter langen Kutter und fahren mit ein, zwei Leuten raus. Mancher hält sich pro forma ein zweites Boot, um eine größere Fangquote abfischen zu dürfen.
Und das ist das zweite Problem neben der EU-Politik, klagt der kräftige Fischersmann: Die Familienfischerei habe keine Chance gegen "die fischenden Aktiengesellschaften". Die Industrie und selbst die Fische im Wasser hätten eine Lobby in der Politik, Fischer hätten keine.
FISCH ESSEN
Die Bundesbürger haben im vergangenen Jahr 1,3 Millionen Tonnen an Fischen, Krebsen und Weichtieren gegessen. Der Pro-Kopf-Verbrauch lag bei fast 16 Kilogramm. Zum Vergleich: Bei Schweinefleisch lag er bei 39 Kilogramm. Drei von vier verzehrten Fischen sind Seefische. Die Verbraucherzentrale Hamburg empfiehlt, beim Kauf auf das MSC-Siegel zu achten. Es wird vom Maritime Stewardship Council, kurz: MSC, vergeben. Die Institution wurde 1997 von der Umweltorganisation WWF und dem Lebensmittelkonzern Unilever gegründet und will nachhaltigen Fischfang fördern. MSC-Fische werden auf Wochenmärkten und im Supermarkt angeboten. "Das MSC-Siegel", rät eine Sprecherin der Verbraucherzentrale, "ist eine gute Einkaufshilfe". Allerdings kommen Bioprodukte oft von sehr weit her. Schollen direkt vom Fischkutter an der Nord- und Ostseeküste munden vielleicht doch besser als ökologisch unverdächtige Shrimps aus Ecuador.
Autor: hape
Fischfang in Nord und Süd
Die Hälfte der Fischimporte in Europa stammt aus Entwicklungsländern, mahnt der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) an. Daher müsse sich Europa dafür einsetzen, dass die EU-Hochseeflotte auch außerhalb der europäischen Gewässer nachhaltig fischt und nicht die Nahrungssicherheit der Entwicklungsländer gefährde. "Immer mehr ausländische Fischtrawler fischen in unseren Gewässern im Senegal", beklagt Gaoussou Gueye, Generalsekretär des Westafrikanischen Fischereiverbandes. Auch in anderen Regionen vergeben Regierungen gerne millionenschwere Lizenzen an die EU, Japan oder die USA, ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Folgen. So wird vielen Familienfischern an den Küsten Afrikas, Asiens und Südamerikas die Lebensgrundlage entzogen. Die Küstenfischer an Nord- und Ostsee fordern eine Erweiterung der Schutzzone, die sie allein befischen dürfen, von bisher drei auf zwölf Seemeilen.
Autor: hape
Autor: Hermannus Pfeiffer
