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27. Juli 2017

Machtkampf ums Erdgas

Die USA werden zu einem Konkurrenten auf dem Weltmarkt für Flüssiggas – zu Lasten Russlands?.

CHIANG MAI. Die USA werden in den nächsten Jahren zu einem der drei wichtigsten Spieler auf dem Markt für Flüssiggas. Die EU-Kommission vermutet, dass die USA nun mit Sanktionen den Konkurrenten Russland auf Europas Gasmarkt bedrängen wollen.

Derzeit windet sich ein Gesetz mit neuen Sanktionen gegen Russland durch den US-Kongress. Es sieht Strafen gegen Firmen vor, die Russland beim Export von Gas helfen. Das US-Repräsentantenhaus hat den Sanktionen bereits zugestimmt. In Berlin und Brüssel ist die Aufregung groß, denn das Gesetz könnte gegen europäische Konzerne angewendet werden, die an der Nord-Stream-2-Pipeline beteiligt sind. Sie soll unter Umgehung der Ukraine noch mehr russisches Gas direkt nach Deutschland liefern.

Die EU-Kommission fürchtet einen Eingriff der USA in Europas Energiepolitik und will "innerhalb von Tagen" mit Gegenmaßnahmen reagieren, falls das Gesetz verabschiedet wird. Die EU-Kommission hat zudem den Verdacht, dass es den USA weniger um die Bestrafung Russlands für die vermeintliche Einmischung in die US-Wahlen geht, sondern um schnöden Profit. Washington sanktioniere russisches Gas, um selbst mehr US-Flüssiggas (LNG) exportieren zu können, glauben viele in Brüssel.

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Aber können die USA beim Gasexport in der gleichen Liga wie Russland spielen? Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: Noch nicht, aber wohl bald. Russland hat vergangenes Jahr rekordhafte 150 Milliarden Kubikmeter Gas an EU-Kunden verkauft – und bestreitet damit ein Drittel des EU-Gasverbrauchs. Im Vergleich dazu sind die US-Exporte minimal. Noch wird über jede US-Lieferung eigens berichtet: Bis jetzt haben Portugal, Polen und Großbritannien LNG aus den USA erhalten.

Die Vereinigten Staaten haben aber erst im Februar 2016 mit dem LNG-Export begonnen. Damals nahm ein erstes Terminal für den Export von Flüssiggas den Betrieb auf. Mittlerweile sind sechs Terminals im Bau, für vier liegen Baugenehmigungen vor. Sind sie alle betriebsbereit, würden die USA zum drittgrößten Exporteur für Flüssiggas aufsteigen, mit einem Marktanteil von 14 Prozent nach Australien (22) und Katar mit 20 Prozent.

Der Transport des flüssigen Gases ist sehr aufwendig

All diese Terminals liegen an der US-Ostküste. US-Energieminister Rick Perry sagt denn auch, wen er als Kunden für das Gas sieht: "Eine zunehmende Zahl an LNG-Lieferungen werden erwartungsgemäß nach Europa verkauft, wenn mehr Terminals entlang der Ostküste die Produktion aufnehmen." Der Transport von Flüssiggas ist recht teuer, da Spezialschiffe (siehe Bild oben) erforderlich sind, auf denen das Gas permanent auf minus 162 Grad gekühlt wird. Dank der Erweiterung des Panamakanals sind auch LNG-Transporte von der US-Ostküste nach Asien möglich. Kürzer und billiger bleibt aber der Weg über den Atlantik. Um Marktanteile im gesättigten Gasmarkt zu erobern, setzen US-Exporteure auf Flexibilität und den Preis. Statt langjährige Lieferverträge abzuschließen, verkaufen sie ihr Produkt oft auf dem Spotmarkt. Der US-Konzern Cheniere Energy bietet außerdem Verträge an, in denen der Endpreis an den Preis gekoppelt ist, der auf Amerikas größtem Gashandelsplatz gilt. Dieser Preis liegt meist deutlich unter dem Gaspreis in Europa oder Asien. Das wird wohl auch so bleiben, denn in den USA ist Gas oft ein Beiprodukt der Ölförderung.

Duane Kokinda vom US-Pipelinekonzern Kinder Morgan sagt: "Ölfirmen wollen das Gas so schnell wie möglich loswerden, damit sie mehr Öl fördern können." Für die Ölfirmen ist das Gas somit nur ein Zubrot – und der Preis nicht entscheidend. Die US-Gasindustrie hat zudem in Präsident Donald Trump einen Fürsprecher und dieser macht eine klare Ansage: Seiner Regierung gehe es nicht länger um "Energie-Unabhängigkeit", sondern um "Energie-Vorherrschaft".

LNG-Exporte hätten einen weiteren Vorteil, meint der Energieexperte Daniel Yergin: "Die Trump-Regierung mit ihrem Fokus auf bilaterale Handelsdefizite sieht LNG als Möglichkeit, diese Defizite anzugehen." Ein Kandidat ist hierbei Südkorea. Das Land könnte LNG aus den USA statt aus Australien oder Katar beziehen, um den Exportüberschuss im Handel mit den USA zu senken. Aus Sicht von Harold Hamm, Chef des Öl- und Gaskonzerns Continental Resources, ist klar: "Gas aus den USA wird weltweiten Einfluss haben." Jetzt müssen die Europäer entscheiden, wo ihr Gas künftig herkommen soll.

Autor: Christian Mihatsch