Tarifvertrag

Metaller ziehen freie Tage einer Lohnerhöhung vor

Rolf Obertreis, Jörg Buteweg, Ralf Strittmatter, dpa

Von Rolf Obertreis, Jörg Buteweg, Ralf Strittmatter & dpa

Mo, 21. Januar 2019 um 19:09 Uhr

Wirtschaft

Viele Beschäftigte in der Metallindustrie wollen eine im Tarifvertrag festgelegte Zusatzzahlung lieber gegen acht zusätzliche freie Tage eintauschen.

50 000 Beschäftigte haben nach Angaben der IG Metall im Südwesten in ihren Unternehmen einen entsprechenden Antrag gestellt. Und mehr als 90 Prozent dieser Anträge seien bewilligt worden. "Es ist ein Renner und es funktioniert", sagte der Landeschef der Gewerkschaft, Roman Zitzelsberger, in Stuttgart. Die Arbeitgeber kritisierten die "holprige Umsetzung".

Die neue Wahlmöglichkeit ist Teil des Tarifabschlusses, der vor knapp einem Jahr ausgehandelt worden war. Sie soll besonders belasteten Berufsgruppen zugutekommen: Schichtarbeitern, Eltern junger Kinder und Beschäftigten, die Angehörige pflegen.

Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Peer-Michael Dick, kritisierte, dass es in vielen Betrieben nicht gelungen sei, die zusätzlichen freien Tage durch Mehrarbeit an anderer Stelle auszugleichen, wie es der Tarifvertrag vorsehe. "Nur, weil viele Unternehmen in den sauren Apfel gebissen haben, Anträge auch ohne entsprechenden Ausgleich zu genehmigen, um den Betriebsfrieden zu wahren, konnte das Gros der Anträge bewilligt werden", betonte er. Manche Betriebsräte hätten nicht konstruktiv an Lösungen mitgearbeitet.

Auch auf Bundesebene ist der Wunsch nach freien Tagen groß: "Sage und schreibe 260 000 Beschäftigte bundesweit, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder Schicht arbeiten, wollen im nächsten Jahr lieber acht zusätzliche freie Tage statt mehr Geld", sagte IG-Metall-Bundeschef Jörg Hofmann. Er forderte eine Angleichung der Löhne in Ost und West. "30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer darf keine Mauer mehr durch unseren Arbeitsmarkt gehen." An die Arbeitgeber appellierte der Gewerkschaftschef: "Bewegt euch oder ihr werdet bewegt."

IG-Metall-Chef befürchtet Wegfall von vielen Stellen

2019 müssen nach seiner Ansicht die Weichen für die Mobilitäts- und Energiewende gestellt werden. Dabei ist vor allem auch die Automobilindustrie gefordert. Die notwendige massive Elektrifizierung auf einen Anteil von 50 Prozent E-Fahrzeuge bei den Neuzulassungen bis 2030 führe nach seiner Prognose zum Wegfall von 150 000 Arbeitsplätzen, weil weniger Getriebe und Verbrennungsmotoren notwendig sind. Im Gegenzug würden aber nur 40 000 neue Jobs entstehen. Investitionen in die Batterieproduktion, in flächendeckende Lademöglichkeiten, neue Mobilitätskonzepte und den öffentlichen Nahverkehr seien ebenfalls notwendig, sagte der IG-Metall-Chef.

Allerdings lehnt er höhere Spritpreise ab. Er verweist auf mögliche Folgen wie in Frankreich. Wer Pendler, die auf das Auto angewiesen seien, so unter Druck setze und den ÖPNV nicht fördere, "sollte wissen", so Hofmann, "dass es gelbe Westen auch in deutschen Autos gibt." Das sei nur ein Hinweis und keine Aufforderung zu Protesten. Von einem Tempolimit von 130 halte er "als bekennender Schnellfahrer" nicht viel. Aber man müsse darüber wohl diskutieren.

2018 haben nach Gewerkschaftsangaben 133 167 Menschen bundesweit einen IG-Metall-Mitgliedsantrag unterschrieben. Wenn man die Austritte und Sterbefälle berücksichtigt, hat die Gewerkschaft unter dem Strich auf Bundesebene 7934 neue Mitglieder gewonnen. Damit zählt sie jetzt 2 270 595 Mitglieder, davon 410 069 Frauen. Die Beitragseinnahmen stiegen um 24 Millionen auf 585 Millionen Euro. Für die 155 Geschäftsstellen gab die IG Metall 214 Millionen aus, 32 Millionen flossen in Bildung.

Die IG Metall in Baden-Württemberg teilte mit, sie habe netto 8134 neue Mitglieder gewonnen. Das bedeutet: Wenn die Baden-Württemberger richtig gezählt haben, hat die IG Metall im Rest des Bundesgebietes trotz guter Konjunktur und steigenden Beschäftigtenzahlen Mitglieder verloren. Im Raum Freiburg verzeichnete die IG Metall nach eigenen Angaben einen Zuwachs von 1,1 Prozent auf 10 521 Mitglieder. In Lörrach gab es einen Zuwachs von 3,3 Prozent auf 7070. "Dort haben wir erstmals die 7000er-Marke geknackt", sagte IG-Metall-Geschäftsführer Marco Sprengler. Diese Entwicklung bewertete er positiv. Damit setze sich ein jahrelanger Trend fort. Immer mehr Menschen würden erkennen, wie wertvoll ein Tarifvertrag sei.