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03. September 2011

"Minijobs oder Ich-AGs sind Gift für die Rente"

BZ-INTERVIEW mit dem Berliner Forscher Johannes Geyer über sinnvolle Reformen, die Altersarmut verhindern können.

  1. Johannes Geyer, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Foto: DIW

Bildung, Qualifizierung und Innovationen sind aus Sicht von Johannes Geyer der Schlüssel gegen Altersarmut. Mit Geyer, der am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin arbeitet, sprach Bernhard Walker.

BZ: Ist Altersarmut in Deutschland heute ein häufiges Phänomen?

Geyer: Nein. Der Anteil der Älteren, der arm ist, liegt unter der Armutsquote innerhalb der Gesamtbevölkerung. Nur etwa 2,5 Prozent der Älteren sind auf die so genannte Grundsicherung angewiesen. Sie wird dann gezahlt, wenn jemand seinen Lebensunterhalt nicht selbst aufbringen kann, und beträgt im Schnitt 660 Euro im Monat.

BZ: Wie wird sich die Lage entwickeln? Geyer: Es wird zweifellos einen Anstieg der Altersarmut geben. Das wird sich vor allem in Ostdeutschland zeigen. Dort herrschte in den vergangenen Jahren vielerorts eine sehr hohe Arbeitslosigkeit. Zudem ist dort das Lohnniveau sehr niedrig. Da nun im deutschen Rentensystem die Höhe der Rente direkt davon abhängt, wie lange jemand zuvor erwerbstätig war und wie viel er verdient hat, entsteht etwa ab dem Jahr 2020 bis 2025 das Problem steigender Altersarmut. Dies wird sich in den alten Ländern auch bei Personen zeigen, die eine geringe berufliche Qualifizierung haben und aufgrund niedriger Einkommen oder Phasen der Arbeitslosigkeit niedrigere Rentenansprüche erworben haben.

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BZ: Gibt es andere Gründe für den erwarteten Anstieg der Altersarmut?

Geyer: Ja. Die Politik hat in den vergangenen Jahren Einschnitte vorgenommen. Das so genannte Rentenniveau wird künftig sinken, das heißt: Die Renten erhöhen sich durch verschiedene Abschläge nicht mehr direkt nach Maßgabe des Anstiegs bei Löhnen und Gehältern.

BZ: Das soll aber die Riester-Rente ausgleichen.

Geyer: Das tut sie aber nicht zwingend. Auf die Förderung über Riester-Rente haben etwa 35 Millionen Bürger Anspruch. Doch nur 15 Millionen nehmen ihn auch wahr. Und von denen, die ihn wahr nehmen, sparen längst nicht alle den Höchstbetrag von vier Prozent ihres Einkommens an, der gemäß der Regeln bei Riester förderfähig ist.

BZ: Was schlagen Sie vor, um zu vermeiden, dass künftig viel mehr Bürger im Alter die Grundsicherung brauchen?
Geyer: Zunächst stelle ich fest, dass es einen ganzen Strauß von Ideen gibt, die aber noch unausgegoren sind. Ich nenne nur die Stichworte wie Garantierente oder Sockelrente, die jetzt die Runde machen. In einem Rentensystem, das so stark wie das deutsche auf Lohn und Gehalt abstellt, ist es meines Erachtens entscheidend, bei Arbeitsmarkt und Bildung anzusetzen. Wir müssen es schaffen, dass die Bürger das Prinzip des Rentensystems – möglichst lange arbeiten, möglichst viel verdienen – auch erfüllen können, indem sie gut qualifiziert sind und es genügend Jobs gibt, die entsprechend gut bezahlt werden. Deshalb sehe ich die massive Tendenz zu Minijobs oder Ich-AGs mit großer Skepsis. Sie sind Gift für die Rente.

BZ: Bildung stärken, Arbeitslosigkeit bekämpfen – das sind bildungs- und wirtschaftspolitische Aufgaben. Was sollte im Rentensystem selbst getan werden?

Geyer: Die Politik hat sich ja mehrfach bewusst entschieden, das Rentenniveau zu senken. Deshalb wäre es nicht konsequent, nun durch irgendwelche Maßnahmen innerhalb des Systems die Niveausenkung wieder aufzuheben. Das würde ja auch nichts an der eigentlichen Ursache für die künftige Altersarmut ändern, also an hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen. Diese Ursachen gilt es zu beheben – zum Beispiel über bessere Bildung, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Forschungsanstrengungen für innovative und möglichst werthaltige Produkte und Dienstleistungen, die wiederum gute Löhne und Gehälter möglich machen.

BZ: Im Rentensystem selbst würden Sie aktuell nichts ändern?

Geyer: Doch. Die Einschnitte, die schon vor Jahren bei den Erwerbsminderungsrenten vorgenommen wurden, fallen viel zu stark aus. Das mindert die Akzeptanz des Rentensystems. Ich sehe auch nicht ein, warum Ansprüche gegenüber der Rentenversicherung und Riester-Renten voll mit der Grundsicherung verrechnet werden. Da ist ein Freibetrag nötig, weil sich sonst weiter Bürger zu Recht fragen, warum sie vorsorgen sollen, im Falle der Bedürftigkeit im Alter von dem Ersparten aber alles abgeben müssen.

Autor: bwa