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12. August 2008

Minister Seehofer gurkt rum

Die Krümmung der Salatgurke sorgt für Verlegenheit

BERLIN. Was darf gemäß einer EU-Verordnung auf zehn Zentimeter Länge eine maximale Krümmung von zehn Millimetern aufweisen? Die Salatgurke. Seitdem Brüssel 1988 diese Regel erließ, muss der Krümmungsgrad des Gemüses vielen Stammtischen als Beweis für die Regelungswut weltfremder Bürokraten herhalten. Genüsslich haben vor allem Politiker der CSU immer wieder in diese Kerbe gehauen. Genau das bringt nun Parteivize Horst Seehofer in Verlegenheit.

Vor Wochen nämlich schlug EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel vor, nicht nur dem Gurken-Regiment den Garaus zu machen. Die Dänin will weit mehr als die Hälfte der 35 EU-Normen für Obst und Gemüse abschaffen. Nun hätte man vermuten dürfen, dass Seehofer dies mit Freuden unterstützt. Das hatte auch Fischer Boel erwartet, die entsprechend verdutzt war, als Berlin ihren Plan zunächst ablehnte. Erst Ende Juli schwenkten die Deutschen um. Selbstverständlich, sagten sie nun, solle der Gurkenkrümmungsgrad verschwinden.

Einmal in Fahrt gekommen, legte der Minister richtig los. Während Fischer Boel für zehn Produkte wie Äpfel, Birnen oder Tomaten die Normen erhalten will – und diese machen laut EU 75 Prozent des gesamten Absatzes an Obst und Gemüse aus – ficht Seehofer nun für die Total-Abschaffung. Der Kreuzzug gegen alles, was nach Bürokratie aussieht, verwundert nicht nur die Fachleute in Brüssel. Er erzürnt die betroffene Branche. So verweist der von Seehofers Parteifreund Gerd Sonnleitner geführte Deutsche Bauernverband darauf, dass manche Einzelregelung zwar zu kompliziert sei. Allerdings sei Normierung nicht grundsätzlich verkehrt, weil sie Erzeugern und dem Handel Klarheit gebe. "Es erleichtert einfach das Geschäft, wenn jeder weiß, wie die Güteklassen aussehen", sagt Hans-Dieter Stallknecht vom Bauernverband. Deshalb habe sich das System weltweit durchgesetzt. Für Tafeltrauben aus Südafrika gelte es ebenso wie für Zitrusfrüchte aus Israel.

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Ob sich Fischer Boel durchsetzt, ist offen. Derzeit prüft die Welthandelsorganisation ihren Plan. Erst danach kann es in Brüssel zur endgültigen Abstimmung kommen. Setzt sich die Kommissarin durch, wäre Seehofer gewiss zufrieden. Dann könnten der Minister und die CSU verkünden, dass die Gurke nun so krumm sein darf, wie sie eben gewachsen ist.

Allerdings erwartet Stallknecht, dass sich dann andere Akteure der Beschaffenheit von cucumis sativus annehmen. Die Lebensmitteldiscounter hätten hierzulande bei Obst und Gemüse einen Marktanteil von 52 Prozent, während Fachgeschäfte, Wochenmärkte und der Verkauf beim Erzeuger zusammen nur auf zwölf Prozent kämen. Stallknecht meint: "Aldi, Lidl, Netto und so weiter werden ihren Lieferanten natürlich genaue Vorgaben machen, wie die Ware auszusehen hat."

Autor: Bernhard Walker