Vorkämpfer

NGG-Vorsitzender Franz-Josef Möllenberg geht in den Ruhestand

Günther M. Wiedemann

Von Günther M. Wiedemann

Mo, 11. November 2013

Wirtschaft

Keiner war länger Chef einer deutschen Gewerkschaft: Der NGG-Vorsitzende Franz-Josef Möllenberg geht in den Ruhestand.

BERLIN. Nur der aus Polen stammende Papst Johannes Paul II. übertrifft ihn. Selbst Helmut Kohl ist mit 16 Kanzlerjahren nicht so lange an der Macht gewesen, wie Franz-Josef Möllenberg (60) Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) war: 21 Jahre. Am Dienstag geht der gebürtige Hagener in den Ruhestand. Länger als er hat nach 1945 keiner an der Spitze einer deutschen Gewerkschaft gestanden.

Möllenberg hätte diesen Rekord durchaus ausbauen können. Doch im Frühjahr erklärte er völlig überraschend, auf dem heute beginnenden Gewerkschaftstag nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren zu wollen. Sein Verzicht traf Deutschlands älteste Gewerkschaft wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Mit Möllenbergs Namen verbindet sich in erster Linie der Kampf für den gesetzlichen Mindestlohn. Seine NGG, zuständig für Brauer, Hotel- und Gaststättenmitarbeiter sowie die Ernährungswirtschaft mit rund 500 000 Beschäftigten, hat vor über zehn Jahren als erste Organisation im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) eine solche Lohnuntergrenze gefordert und sich dafür eine Rüge der großen Industriegewerkschaften eingehandelt. Inzwischen sind nicht nur Möllenbergs Kollegen von Metall und Chemie dafür, sondern auch die Unterhändler für eine neue große Koalition in Berlin. Der scheidende NGG-Chef, der zu den pragmatischen Gewerkschaftsvorsitzenden gehört, jubelt deswegen aber nicht. Noch steht nicht fest, auf was sich die künftigen Regierungspartner verständigen. Außerdem gesteht Möllenberg im Gespräch mit der BZ: "Es gehört zur Wahrheit: Ich hätte lieber andere Themen besetzt als den gesetzlichen Mindestlohn. Mir wäre es lieber gewesen, ihn nie fordern zu müssen. Ich hätte lieber aus der gewerkschaftlichen Kraft heraus auf tarifvertragliche Regeln gesetzt."

Doch diese Kraft hat die NGG nicht. Erstens: Sie ist mit 206 000 Mitgliedern die zweitkleinste DGB-Gewerkschaft, hat allerdings als eine der ersten nach jahrelangen Mitgliederverlusten eine Trendwende erreicht. Zweitens und für Möllenberg wichtiger: Manche Arbeitgeber haben sich über Jahre tariflichen Regelungen verweigert. In der Fleischbranche haben gerade erst Verhandlungen über einen tariflichen Mindestlohn begonnen.

Das ist symptomatisch für "einen leichten Bewusstseinswandel", den Möllenberg inzwischen bei manchen Managern feststellt. Das Verhältnis zu mittelständischen Arbeitgebern beschreibt er im Rückblick als gut. Manager großer Konzerne hätten jedoch lange Zeit ohne Rücksicht auf Verluste agiert. "Einige haben aber mittlerweile begriffen, dass Arbeitskraft nicht nur ein Kostenfaktor ist."

Über die NGG-Tarifpolitik sagt der Gewerkschafter im Rückblick: "Ich denke, sie war keine schlechte." Die NGG sorgt zwar nicht für Schlagzeilen wie Verdi oder IG Metall mit Verträgen für große Branchen. "75 Prozent unserer Tarifverträge sind Firmentarifverträge." Aber stolz ist Möllenberg auf "300 Tarifverträge zur Altersversorgung. Ich denke, das kann sich sehen lassen." Die Gewerkschaft habe die Arbeitgeber in langen Diskussionen von Pensionskassen überzeugt. "Das ist ein Jahrhundertwerk, eine wichtige sozialpolitische Errungenschaft". Zur Rolle der Gewerkschaften sagt er: "Wir sind die Ideengeber." Die haben, so der NGG-Mann, die demografische Herausforderung früher thematisiert als die Unternehmen.

"Der Einsatz für Menschen" war die Handlungsmaxime des gelernten Bankers. Gewerkschaften und Betriebsräte "organisieren Solidarität", das "ist nichts anderes als praktizierte Nächstenliebe", sagt der aus einem katholischen Elternhaus stammende Westfale. Die "Orientierung an den Interessen der Mitglieder" hat ihn zu einem engagierten Verteidiger der Branchen gemacht, in denen NGG aktiv ist – auch gegen den Zeitgeist: Vom strikten Rauchverbot hält er nichts, weil er sich um die Jobs in der Zigarettenindustrie sorgt. Seiner designierten Nachfolgerin Michaela Rosenberg sagt er voraus, dass "der Streit darüber, was Genuss- und was Suchtmittel sind, noch an Heftigkeit zunehmen wird".