Bezieher von Grundeinkommen

"Nicht fauler als die Vergleichsgruppe"

Hannes Koch

Von Hannes Koch

Di, 12. Februar 2019 um 14:00 Uhr

Wirtschaft

Ein Grundeinkommen senkt nicht die Bereitschaft zum Arbeiten. Das ist das Ergebnis eines finnischen Experiments.

Zwei Jahre lang erhielten 2000 erwerbslose Einwohner Finnlands ein Grundeinkommen. Die erste wissenschaftliche Untersuchung ermöglicht nun unterschiedliche Sichtweisen auf die Ergebnisse des staatlichen Experiments. Die Situation der Teilnehmer am Arbeitsmarkt ist nicht besser als die einer Vergleichsgruppe. Allerdings schauten die Bezieher des Grundeinkommens optimistischer in die Zukunft, empfanden weniger Stress und waren weniger krank.
In vielen Staaten, auch in der Bundesrepublik, ist seit vielen Jahren eine Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen im Gange. Die Befürworter sehen darin eine nötige Modernisierung des Sozialstaates, die Gegner kritisieren es als Anstiftung zu Faulheit.

So entschied sich die Mitte-rechts-Regierung des finnischen Premierministers Juha Sipilä 2016, ein Experiment zu machen. Von Anfang 2017 bis Ende 2018 erhielten 2 000 ausgeloste Arbeitslose 560 Euro monatlich zusätzlich vom Staat, wenn sie eigene Einnahmen erwirtschafteten. Der Zuschuss und das selbstverdiente Geld wurden nicht miteinander verrechnet. Die zentrale Frage lautete: Wirkt dieses Geld als Anreiz, sich selbst um neue Jobs zu kümmern, also als bessere Hilfe, aus dem Arbeitslosen-Zustand herauszukommen?

Die erste, begrenzte Auswertung für 2017 zeigt nun, dass die befragten Teilnehmer des Experiments an 49,6 Tagen des Jahres einer bezahlten Arbeit nachgingen, während die Angehörigen einer Kontrollgruppe ohne Grundeinkommen an 49,3 Tagen arbeiteten. Studienleiter Olli Kangas und Minna Ylikännö, Forscherin der finnischen Sozialversicherung Kela, betrachten diesen Unterschied als "nicht signifikant". Aus dem Ergebnis lässt sich damit nicht ableiten, dass das Grundeinkommen als Anreiz für eigene Aktivität funktionierte.

Kangas wies allerdings auf eine weitere mögliche Schlussfolgerung hin: "Die Teilnehmer des Experiments waren nicht fauler als die Vergleichsgruppe." Soll heißen: Das Vorurteil, quasi bedingungsloses Geld vom Staat begünstige das Nichtstun, treffe offenbar nicht zu.

Stärkeres Vertrauen in die Zukunft

Eindeutig sind die bisherigen Ergebnisse in anderer Hinsicht. "Das Grundeinkommen hatte einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden der Empfänger", sagte Ylikännö. 55,4 Prozent der befragten Teilnehmer erklärten, ihre Gesundheit sei sehr gut oder gut. Unter den normalen Erwerbslosen waren es dagegen 46,2 Prozent. 54,8 Prozent der Teilnehmer gaben an, sie empfänden keinen oder wenig Stress, während es bei der Vergleichsgruppe nur 45,6 Prozent waren. Ähnliche Unterschiede gab es bei der Fähigkeit sich zu konzentrieren und beim Vertrauen in die Zukunft – auch bei diesen Parametern schnitten die Grundeinkommen-Leute besser ab.

Die Forscher arbeiten derweil an weiteren Studien. Wie es politisch weitergeht, steht auf einem anderen Blatt. Gegenwärtig scheint das Grundeinkommen keine Rolle in den Überlegungen der Regierung zu spielen – was auch mit den Parlamentswahlen im April zu haben mag. Stattdessen peilt die Regierung kleinere Reformen der bestehenden Arbeitslosenversicherung an. An der Prüfung des finanziellen Bedarfs der Erwerbslosen und auch an Sanktionen bei Fehlverhalten will man offenbar festhalten. Die finnischen Grünen verlangen, ein weiteres Grundeinkommen-Experiment mit 10 000 Teilnehmern zu machen.