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04. März 2014

Produkte

Chinesische Raubkopien sind ein Qualitätsmerkmal für das Original

Fehlendes Interesse chinesischer Raubkopierer an einer Ware ist ein guter Indikator für Misserfolg.

  1. Samsungs Smartwatch halten Produktpiraten für einen Flop. Foto: dpa

PEKING/SCHENZEN. Produktpiraten sind ein großes Ärgernis für die globalen Markenhersteller; der Ideenklau kostet sie jedes Jahr ein Vermögen. Mindestens genauso schlimm aber ist es, wenn die Produktpiraten kein Interesse an einem neuen Produkt haben. Dann glauben sie nicht an seinen Erfolg. Und die Raubkopierer haben laut Experten in der Regel ein gutes Näschen dafür, was bei den Käufern gut ankommt und was nicht.

Nicht größer als eine Eckkneipe ist die Schenzhener Hinterzimmermanufaktur, in der drei junge Männer iPads zusammenstecken und sie für den Versand fertigmachen. Ein vierter Jüngling sitzt am Schreibtisch und ballert sich durch ein Computerspiel. "Wir verkaufen nur Originale", behauptet er. Das angeblich originale iPad ist bei ihm ab 50 Euro pro Stück zu haben. Vermeintliche iPhones hat er auch, genauso wie Telefone, auf denen Samsung steht, und Kopfhörer mit der Aufschrift "Beats by Dr. Dre".

Zhang Wei ist der Name des jungen Mannes. Er beschreibt sich selbst als Großhändler. Nach ein bisschen Plauderei und ein paar Zigaretten taut er auf und gibt fröhlich zu, dass natürlich alle Waren gefälscht sind. "Unsere Kunden kommen aus Ländern wie China und der Türkei", sagt er. "Die können sich die Originale einfach nicht leisten."

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Produktpiraten wie Zhang sind ein Ärgernis für westliche Marken. Andererseits ist es ein Kompliment, kopiert zu werden. Es beweist, dass die Produkte beliebt sind. Darum gibt es in den Augen mancher Schlimmeres als Raubkopien – ignoriert zu werden. Das passiert Samsung mit einer Smartwatch namens Gear.

Die professionellen Nachmacher in Schenzhen zeigen der angeblich smarten Uhr die kalte Schulter. Dabei sollen die neuen Wearable devices wie Uhren und Brillen für Samsung, Apple, Google und Konsorten das nächste große Ding sein. Aber wenn dem Urteil der chinesischen Piraten zu trauen ist, dann könnten die neuartigen Geräte ein Nischenprodukt für verspielte Technikliebhaber bleiben – eine Art CB-Funk des 21. Jahrhunderts.

"Ich habe noch nie eine Kopie von Samsungs Smartwatch gesehen", sagt Zhang, der selbst ernannte Großhändler in der Schenzhener Minimanufaktur. "Ich habe überhaupt noch nie jemanden gesehen, der so ein Ding trägt", fügt er nach einer kurzen Denkpause hinzu.

Zhangs Laden befindet sich im "Internationalen Elektronikzentrum", einem ranzigen Hochhaus, dessen 14 Stockwerke mit kleinen Fabriken und Markthallen gefüllt sind. In denen geht es ausschließlich um Mobiltelefone, Tablets und die dazu passenden Accessoires. Die Verkaufsbüdchen und Hinterzimmer quellen über vor Telefonen. Das Elektronikzentrum im Schenzhener Stadtteil Huaqiangbei ist nicht das einzige Gebäude seiner Art, sondern eines von Dutzenden, welche die Hauptstraße im Viertel säumen.

Apple und Samsung sind die dominanten Marken in der Gegend. Einige, wenige Läden verkaufen auch Samsungs neue Gear-Uhr, aber nur die teure Variante für umgerechnet knapp 250 Euro. "Die sind alle aus Korea importiert", sagt eine junge Frau an einem Stand. Ob sie sich verkaufen? "Nicht so gut", sagt sie. Auch größere Händler, die viele der Läden im Viertel versorgen, zeigen allenfalls mattes Interesse. "Wir verkaufen die Uhr kaum", sagt der Geschäftsführer bei einem auf Elektronik spezialisierten Großhändler in Schenzhen. "Billige", also nachgeahmte Modelle habe er nicht im Angebot. "Vielleicht in ein paar Monaten", sagt er. "Ich weiß es nicht, es gibt kaum Nachfrage."

Die Abwesenheit von Raubkopien "ist ganz ernstlich ein Warnsignal", sagt Alf Rehn von der Abo-Akademie in Finnland. Der Managementprofessor befasst sich mit dem Phänomen globaler Produktpiraterie. "Bei Raubkopien geht es darum, von einem Hype zu profitieren", so Rehn. "Ein Produkt, das einigermaßen funktioniert und aussieht wie das Original – das können Sie an alle verkaufen, die nicht den vollen Preis bezahlen wollen, aber trotzdem irgendwie dabei sein möchten. Aber ohne den Hype ist das natürlich sinnlos, und es sieht ganz so aus, als sei es Samsung nicht gelungen, Begeisterung zu wecken." Schenzhen mit seinen Kopierstudios sei zum Barometer für den Konsum von Elektronikgütern geworden.

Genug Zeit hatten die Kopisten für die Smartwatch jedenfalls. Schließlich kommt es vor, dass Raubkopien erhältlich sind, bevor das Original den Markt erreicht. Einen iPhone-Doppelgänger gab es in China schon, bevor das erste, legitime iPhone zu kaufen war. Die Smartwatch ist seit Monaten erhältlich.

Die Piraten lassen Produkte sehr schnell fallen, wenn sie sich nicht gut verkaufen. "Das ist Marktwirtschaft in Lichtgeschwindigkeit", so Rehn. "Der Wettbewerb ist brutal." Das Kopieren neuer Nokia-Modelle in Schenzhen wurde bereits eingestellt, bevor die ersten Originale im Laden waren. Im Fall von Samsungs Smartwatch kam es noch schlimmer – mit dem Kopieren wurde gar nicht begonnen.

Zhang Wei, der junge Mann mit dem Fabrikchen im Hinterzimmer von Schenzhen, weiß auch auf wiederholte Nachfrage nicht, woher er denn eine Kopie der Uhr bekommen soll. Er schüttelt den Kopf und bietet noch eine Zigarette an. "Wollen Sie nicht vielleicht doch lieber Telefone kaufen?"

Autor: Justus Krüger und Johan Nylander