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15. März 2013

Profil

Berthold Beitz lenkt seit 60 Jahren Thyssen-Krupp

BZ-PROFIL:Berthold Beitz lenkt seit 60 Jahren den Stahlkonzern Thyssen-Krupp / Gerade hat er den designierten Nachfolger Gerhard Cromme in die Wüste geschickt.

  1. Berthold Beitz Foto: dpa

ESSEN. Berthold Beitz zieht mit 99 Jahren noch immer die Fäden beim Ruhrkonzern Thyssen-Krupp. Nachdem er seinen Kronprinzen Gerhard Cromme vor die Tür gesetzt hat, steht der mächtige Chef der Krupp-Stiftung vor seiner vielleicht letzten großen Aufgabe: Er muss sein Vermächtnis regeln.

Sie nennen ihn den letzten Ruhrbaron. Den letzten echten Krupp. Die graue Eminenz des rheinischen Kapitalismus. Berthold Beitz ist bereits zu Lebzeiten eine Legende: Seit sechzig Jahren lenkt Beitz die Geschicke des Ruhrkonzerns ThyssenKrupp – zunächst als Generalbevollmächtigter, später Testamentsvollstrecker des Firmenerben Alfried Krupp im Aufsichtsrat, bis heute als Vorsitzender der mächtigen Krupp-Stiftung, ohne die in dem 150 000-Mitarbeiter-Konzern keine wichtige Entscheidung fällt.

Wie mächtig der 99-Jährige noch heute ist, bekam jüngst sein Aufsichtsratschef Gerhard Cromme zu spüren: Lange galt Cromme als unantastbar, weil Beitz ihn als seinen Kronprinzen an der Spitze der Stiftung auserkoren hatte. Als Vorsitzender der Stiftung und des Aufsichtsrats hätte Cromme das Erbe des mächtigen Strippenziehers angetreten: Er hätte das Bild des Konzerns in Zukunft geprägt, wie es bisher nur Patriarch Beitz selbst konnte. Niemand anderer als Beitz hätte daher Cromme stürzen können, allen Korruptions- und Missmanagement-Skandalen zum Trotz, die den Konzern in den vergangenen Monaten erschütterten. Dass Beitz seinen designierten Nachfolger nun doch noch eigenhändig vor die Tür setzte und durch Ex-Henkel-Chef Ulrich Lehner ersetzte, zeigt, dass er sein Lebensziel auch mit beinahe 100 Jahren nicht aus den Augen verloren hat: Das Überleben des Essener Großkonzerns zu sichern und über das Erbe der Krupps zu wachen. Die Loyalität zum Unternehmen ist größer als die zu seinem jahrzehntelangen Wegbegleiter Cromme.

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Beitz führte Krupp durch alle Krisen

Für Beitz steht sein Lebenswerk auf dem Spiel. Als Firmenerbe Alfried Krupp den jungen Manager Anfang der 1950er Jahre nach Essen holte und zum Generalbevollmächtigen ernannte, sorgte das in der Unternehmerfamilie und unter den mächtigen Ruhrbaronen für Aufregung: Beitz kam aus kleinen Verhältnissen, die Mutter arbeitete als Kindermädchen, der Vater als Finanzbeamter. Noch dazu stammte Beitz weder aus dem Ruhrgebiet noch hatte er Erfahrung im Stahlgeschäft – er hatte sich vom Bankkaufmann über einen Posten beim Ölkonzern Shell bis zum Generaldirektor der Versicherung Iduna-Germania in Hamburg hochgearbeitet. Ein solcher Mann sollte den mächtigen Krupp-Konzern leiten, seit dem Kaiserreich Synonym für die Industrialisierung Deutschlands? Kaum jemand traute Beitz den Job zu.

Doch gerade die Tatsache, dass Beitz keinerlei Verstrickungen mit den mächtigen Ruhrbaronen mitbrachte, war sein entscheidender Vorteil. Denn die Stahlgiganten waren als Waffenschmieden des Nazi-Regimes in Verruf geraten. Hitler war ein erklärter Fan insbesondere des Krupp-Konzerns: "Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder" sollten seine Soldaten sein, ließ er gern verlauten. Alfried Krupp, selbst als Kriegsverbrecher verurteilt und frisch aus der Haft entlassen, wollte verhindern, dass der Familienkonzern von den Alliierten zerschlagen würde. Beitz konnte glaubwürdig einen Neuanfang vertreten – denn ihn belastete keine Nazi-Vergangenheit. Auch wenn Beitz selbst es nicht an die große Glocke hängte, hatte er während des Krieges als junger Manager bei einer Shell-Tochter in Polen Hunderten jüdischen Zwangsarbeitern das Leben gerettet, indem er sie vor dem Transport in die Vernichtungslager bewahrte und vor dem Zugriff der SS schützte. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrte ihn und seine Frau, die jüdische Kinder im Haus versteckte, dafür mit dem Titel "Gerechte unter den Völkern".

Beitz machte schnell klar, dass er nicht als Feigenblatt für einen politisch belasteten Unternehmerclan ins Ruhrgebiet gekommen war. Sondern als Unternehmer, der den Konzern gemeinsam mit dem Erben neu aufstellen wollte – was ihm auch erfolgreich gelang. Krupp wurde zum Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs in der jungen Bundesrepublik. "Beitz hat immer absolut loyal zu Alfried Krupp gestanden", sagt Werner Abelshauser, Wirtschaftshistoriker an der Universität Bielefeld. "Die pauschale Verurteilung des Konzerns als Waffenschmiede des Dritten Reichs hat er nie akzeptiert." Abelshauser hat die Rolle des Krupp-Konzerns im Krieg erforscht und Beitz bei seinen Recherchen persönlich kennengelernt. "Er hat immer gesagt: Schaut ruhig ganz genau hin", erinnert sich der Historiker.

Nach Krupps Tod 1967 überführte Beitz als sein Testamentsvollstrecker und Aufsichtsratschef das Familienvermögen in eine Stiftung, rettete den Konzern vor der Zerschlagung und baute ihn später gemeinsam mit dem damaligen Vorstand Gerhard Cromme durch eine Fusion mit dem Erzrivalen Thyssen zum internationalen Technologiekonzern um. "Hinter seinem Erfolg steckt kein großes Geheimnis", sagt Abelshauser. "Er ist schlicht eine der ganz wenigen echten Unternehmerpersönlichkeiten der jüngeren deutschen Geschichte. Er brachte wie kaum ein anderer das Talent mit, auch unter Unsicherheit die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Beitz erkannte früh, dass die Zukunft des Unternehmens weder in der Montanindustrie und der Massenfertigung noch im Waffengeschäft lag, sondern in der Hochtechnologie. So überstand der Konzern den Strukturwandel im Ruhrgebiet erfolgreich. Beitz’ guter Ruf und sein Charisma hätten ihm viele Türen geöffnet, erklärt Abelshauser. "Er hat eine enorme Ausstrahlung, die sein Gegenüber in den Bann zieht. Man kann über ihn nicht hinwegsehen. Er begegnete selbst hochrangigen Politikern im In- und Ausland stets auf Augenhöhe." Als Chef der Krupp-Stiftung hält er die Fäden bis heute in der Hand und prägte den Konzern in seinem Sinn. "Seine emotionale Bindung zum Unternehmen ist sehr stark. Ich bin überzeugt, dass er sich als Erbe der Krupps fühlt, deren Vermächtnis er pflegen will", sagt Abelshauser. Der angeschlagene Gerhard Cromme konnte diesem Anspruch zuletzt nicht mehr gerecht werden.

Autor: Sarah Sommer