Selbst hohe Rabatte helfen Victoria’s Secret nicht mehr

Hannes Breustedt

Von Hannes Breustedt (dpa)

Sa, 25. August 2018

Wirtschaft

Die bekannte Dessousmarke hat sich vom Aushängeschild zum Problemfall entwickelt / Ist das eine Folge der Sexismus-Debatte?.

COLUMBUS/NEW YORK. Sinkende Verkaufszahlen, Aktie im Sturzflug und Image-Probleme – die einst schillernde US-Modemarke Victoria’s Secret ist für den Mutterkonzern L-Brands vom Aushängeschild zum Problemfall geworden. Das Reizwäsche-Label, das bei seinen pompösen Modenschauen stets die internationale Elite der Top-Models über den Laufsteg schickt, trifft den Nerv vieler Kundinnen nicht mehr.

Steht sich das Unternehmen mit seiner Sex Sells-Vermarktung, die auf makellose, leichtbekleidete Frauenkörper setzt, in Zeiten reger Body-Shaming-Debatten und der Me-Too-Bewegung vielleicht selbst im Weg? (Body Shaming bedeutet, jemanden aufgrund seiner körperlichen Erscheinung zu beleidigen oder zu diskriminieren) Die Zahlen sehen zumindest nicht gut aus. Obwohl die US-Wirtschaft floriert und die Konsumausgaben steigen, ging der Absatz bei Victoria’s Secret im zweiten Quartal weiter zurück. Erschwerend hinzu kam, dass nun auch noch die für jüngere Käuferinnen gedachte und bislang eigentlich als Hoffnungsträger geltende Zweitmarke Pink schwache Ergebnisse lieferte.

Die Konzernmutter L-Brands reagierte mit einer Gewinnwarnung, was die Aktie am Donnerstag um elf Prozent fallen ließ. Auf Jahressicht hat sich der Kurs gar schon halbiert. Victoria’s Secret kämpft schon länger mit verschärfter Konkurrenz und dem Trend zu bequemer und sportlicher Kleidung, auch "Athleisure" genannt.

Doch womöglich gehen die aufreizenden und teuren Dessous mittlerweile nicht nur an der Mode, sondern auch am Zeitgeist vorbei. In der Glamour-Welt der Models, für die der Vertrag als Victoria’s-Secret-Engel einen Karrierehöhepunkt markiert, mag das Label weiter das Maß aller Dinge sein. Doch der gesellschaftliche Blick auf Schönheitsideale und die Industrie dahinter hat sich gewandelt. Laut einer Umfrage der Marktforschungsfirma Yougov hat Victoria’s Secret bei Frauen im Alter zwischen 18 und 49 Jahren kräftig an Ansehen eingebüßt. Der Buzz Score, der anzeigen soll, wie angesagt eine Marke ist, fiel in den vergangenen zwei Jahren von 31 auf 23 Punkte. Das Label habe sich im Me-Too-Moment verfangen, das sei bei der Victoria’s Secrets Fashion Show deutlich geworden, meint Paul Hiebert von Yougov. Die jüngste Modenschau habe kurz nach den Missbrauchsvorwürfen gegen Hollywood-Produzent Harvey Weinstein stattgefunden – die Einschaltquoten seien um 30 Prozent eingebrochen.

Robert Passikoff, Gründer und Chef der Analysefirma Brandkeys, widerspricht der Theorie jedoch. "Ich glaube, es wäre falsch, einen Zusammenhang mit der MeToo-Bewegung herzustellen", sagte er dem US-Wirtschaftsblatt Forbes. Tatsächlich sei Victoria’s Secret schon seit ein paar Jahren auf dem absteigenden Ast, zudem gebe es durchaus Konkurrenten, die sich in der gleichen Marktnische gut behaupteten. Das Problem seien eher die Produkte und allgemeinere Branchentrends wie das Abwandern der Kundschaft ins Internet. Die Sexismus-Kritik und Vorwürfe der Verherrlichung eines ungesunden Schönheitsideals gibt es schon wesentlich länger als Me-Too. 2014 etwa brachte sich Victoria’s Secret mit einer Marketing-Kampagne in die Bredouille, die unter dem Titel "The Perfect Body" (der perfekte Körper) großgewachsene Unterwäsche-Models zeigte, deren Taillen vielen Menschen unnatürlich dünn vorkamen. Eine Petition, die dem Label unverantwortliches Marketing und schädlichen Einfluss auf junge Frauen vorwarf, erhielt 33 000 Unterschriften.

Fest steht: Die Geschäfte laufen schlecht. Selbst mit Rabatten und verlängerten Sonderverkaufsaktionen konnten die Verkäufe im Sommer nicht ordentlich angekurbelt werden, die Lagerbestände wachsen schneller als der Absatz. Die Produktqualität könnte ebenfalls ein Problem sein – laut Yougov-Umfrage ist die Kundenzufriedenheit seit 2016 von 42 auf 30 Punkte gesunken. Das Management kündigte an, dieses Jahr 20 Filialen in Nordamerika zu schließen. Fragen zur Marketing-Botschaft begegnete L-Brands-Chef Martin Waters ausweichend. Er sagte nur: "Mit der Marke sind wir nicht exakt da, wo ich denke, dass wir sein müssten."