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29. August 2011 14:09 Uhr

Nobelpreisträger in Lindau

Selbstkritik am Bodensee

Lindau war in den vergangenen Tagen das Mekka der Ökonomie. 17 Nobelpreisträger kamen am Bodensee zusammen. Sie sprachen viel über die Turbulenzen der Weltwirtschaft – aber auch über die Krise des eigenen Berufsstandes.

Sie sollten sich schämen, diese so genannten Nobelpreisträger, denn sie richten die Welt mit ihren neoliberalen Theorien zu Grunde. Das steht auf einem Banner, das das globalisierungskritische Netzwerk Attac gegenüber der Inselhalle in Lindau am Bodensee angebracht hat. Es ist ein Nicht-Willkommensgruß an jene 17 Wirtschaftsnobelpreisträger, die in der Halle reden. Zu hören sind dort allerhand formelreiche, komplizierte Vorträge. Aber nicht selten wird kritisch Klartext gesprochen, gar an den Grundfesten jener Ökonomie gerüttelt, die derjenige neoliberal nennt, der nicht vom Fach ist und sie für falsch hält. In Lindau wird klar, dass nicht wenige Ökonomen selbstkritischer sind, als ihre Kritiker ihnen nachsagen. Nicht nur Banken und Staaten sind ins Wanken gekommen, sondern auch einige Überzeugungen, die die Wirtschaftswissenschaft seit Jahrzehnten prägen.

Zwar findet Robert J. Aumann aus Israel (2005 mit dem Nobelpreis geehrt): "All das Gerede, dass Ökonomen die derzeitige Krise mit verursacht haben, ist einfach Unsinn." Joseph Stiglitz (2001) aber, so etwas wie der Star der Szene aus New York, um den sich in Lindau die meisten Journalisten und Nachwuchsforscher scharen, fordert ein radikales Umdenken seiner Zunft. Weder habe sie die Krise vorhergesagt noch überzeugende Handlungsalternativen geboten. Er rügt die Annahme in den Wirtschaftswissenschaften, dass Menschen immer nach Eigeninteressen handelten und dies immer zu einem besseren Ergebnis führe. Bumm, das sitzt! Überhaupt wird viel Kritik laut an der These, der Mensch handle rational. David McFadden (2000) aus Kalifornien betont, wenn Menschen Geschäfte machen, spielten Gefühle wie Vertrauen, Angst und Vergnügen eine herausragende Rolle. Auch orientierten sich Menschen stark am Verhalten anderer. "Niemand geht gern in ein leeres Restaurant", sagt er. Die Menschen schlössen allein aus der Tatsache, dass die Tische in einem Restaurant gefüllt sind, dass das Essen gut sein müsse. Ähnliche Phänomene sind regelmäßig an den Börsen zu beobachten. Edmund Phelps aus Kalifornien (2006) sagt über solche Rudelbildungen: "Wenn ich in einem Café zu Mittag esse und eine Menschenmenge rennt vorbei, werde ich wahrscheinlich ohne nachzudenken aufspringen und hinterherrennen. Vielleicht wissen die Leute etwas, was ich nicht weiß. Vielleicht ist Godzilla nur noch zwei Blocks entfernt."

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Es wird auch über absolute Armut gesprochen im reichen Lindau, über Menschen, denen weniger als ein Dollar und 25 Cent am Tag zum Überleben bleibt. Sir James Mirrless (1996), ein Schotte, der in Hong Kong forscht, sagt: Wenn die Lebensmittelpreise stark steigen wie zuletzt, sei nur davon die Rede, dass Millionen Menschen in die Armut rutschten. Zumindest in China hätten aber steigende Preise viele Millionen aus der Armut geholt, nämlich die Bauern, die die Nahrungsmittel produzieren. Mehr Einkommen beseitige Armut, mehr Lebensmittel nicht. Höhere Preise könnten also gut sein. Wer kein Bauer sei, brauche Ausgleichszahlungen, wenn die Preise steigen. Das klingt gar nicht neoliberal.

Was Robert Mundell (1999) aus New York vorschlägt, dürfte den Spekulanten nicht gefallen: "Wenn die Wirtschaft global ist, muss auch die Währung global sein." Währungsschwankungen seien ein Grund für die Krise gewesen. Sie müssten beseitigt werden. Zunächst sollten die Kurse des Dollar und des Euro festgezurrt werden, später der chinesische Renminbi hinzukommen, dann andere Währungen an diese neue Weltwährung gekoppelt werden. Das könnte den Spekulanten die Arbeit erschweren. Zumindest sind heute schwankende Währungen eine Basis für ihre Gewinne.

Autor: Ronny Gert Bürckholdt