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31. Juli 2010
Sick wächst ohne Leiharbeiter
IG Metall, Betriebsrat und Geschäftsführung des Sensorherstellers einigen sich auf ein neues Arbeitszeitmodell.
WALDKIRCH/FREIBURG. Beim Sensorhersteller Sick haben sich IG Metall, Betriebsrat und Geschäftsführung auf ein Zukunftspaket Flexibilität geeinigt. Dies teilten die Beteiligten am Freitag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit. Das Paket ermöglicht dem Unternehmen flexibler zu reagieren. Dafür verzichtet Sick weitestgehend auf Leiharbeit und beschränkt die Zahl der befristeten Arbeitsverträge.
Ein Teil des Pakets ist die Ausweitung der Gleitzeitampel. So können die Sick-Mitarbeiter selbstständig darüber entscheiden, bis zu 40 Stunden mehr oder weniger pro Jahr zu arbeiten, als es die reguläre Arbeitszeit vorsieht. Das ist der grüne Bereich der Gleitzeitampel. Kommen nun mehr Aufträge ins Haus, kann in Abstimmung mit den Mitarbeitern ein zusätzlicher Gleichzeitaufbau vereinbart werden. Die Mitarbeiter können so bis zu 80 Stunden mehr arbeiten oder im Fall einer Krise bis zu 120 Stunden weniger. Das ist der gelbe Bereich der Ampel. Der rote Bereich der Ampel fängt bei 80 Stunden Mehrarbeit an. Von dieser Grenze an kann der Betriebsrat einschreiten.Werbung
Werden vom Markt viele Sick-Sensoren nachgefragt, kann zudem die wöchentliche Arbeitszeit zeitweise und auf freiwilliger Basis von regulär 35 Stunden auf 37,5 oder 40 Stunden verlängert werden. Allerdings darf der Anteil der Mitarbeiter mit 40 Stunden Wochenarbeitszeit nicht mehr als 44 Prozent betragen.
Die Sick-Beschäftigten haben nun die Möglichkeit, 120 Stunden jährlich aus ihrem Gleitzeitguthaben und 2,5 Stunden pro Woche bei 40-Stundenverträgen in ein Zeitwertkonto einzuzahlen. Hier wird ihnen die zusätzlich geleistete Arbeit gutgeschrieben. Die Stunden können später genutzt werden, um früher in den Ruhestand zu gehen oder um eine Auszeit vom Job zu nehmen, ohne dabei finanzielle Nachteile zu erleiden. Es besteht auch die Möglichkeit, über das Zeitwertkonto eine Altersrente aufzubauen.
Im Gegenzug wird Sick den Aufschwung in den Bereichen Produktion und Logistik nicht mit Hilfe von Leiharbeitern bewältigen, wie es andere Betriebe tun. Nur bei Forschung und Entwicklung gibt es eine Ausnahme: Dort können weiterhin hoch spezialisierte Fachkräfte von Verleihfirmen für Projekte eingesetzt werden. Auch bei befristeten Arbeitsverträgen gibt es in Produktion und Logistik eine Grenze. Nicht mehr als 15 Prozent der Beschäftigten dürfen einen befristeten Arbeitsvertrag haben.
Hermann Spieß, Geschäftsführer der IG Metall in Südbaden, wertet das Zukunftspaket als Erfolg für Betriebsrat und Gewerkschaft. Vor allem der Verzicht auf die Leiharbeit freut Spieß. Für ihn stellt sie einen Rückfall in die Zeit der Tagelöhner dar, in der Beschäftigte zu niedrigen Löhnen auf Abruf bereitstehen mussten. Leiharbeiter würden zum Teil nur die Hälfte dessen verdienen, was die fest angestellten Kollegen erhielten.
Sowohl Spieß als auch der Sick-Betriebsratschef Gustav Kasper sehen die Vereinbarung aber auch als Ausdruck der Stärke von Betriebsrat und IG Metall bei dem Sensorhersteller. "Wir haben uns bei Sick schon sehr lange mit der Befristung von Arbeitsverhältnissen und Leiharbeit auseinandergesetzt und gegengesteuert."
In anderen Betrieben, wo die Belegschaft kaum gewerkschaftlich organisiert ist, sei dies schwieriger, sagt der IG Metall-Geschäftsführer. Allerdings ist der Sick-Verzicht auf Leiharbeit nach Aussage von Spieß nicht der einzige in der Region. In den Beschäftigungssicherungverträgen beim Freiburger-Halbleiterspezialisten Micronas und dem Malterdinger Maschinenbauer Ferromatic gibt es ähnliche Vereinbarungen. Keinen Gefallen findet er an der Situation beim Elektronikproduzenten Hüttinger. Die mehr als 80 Leiharbeiter seien ein "schlechtes Beispiel."
Für Sick-Vorstandsmitglied Markus Vatter sichert das Zukunftspaket die Flexibilität. "Der Auftragseingang schwankt, entsprechend müssen wir reagieren können." Allerdings sei das Beispiel Sick nicht auf andere Betriebe übertragbar. Bei Sick habe man Erfahrung mit flexiblen Arbeitszeiten und eine besondere Struktur. Deshalb kann er den Einsatz von Leiharbeitern in anderen Firmen verstehen.
Die Leiharbeit hat nach seiner Aussage bei Sick stets nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Der Anteil der Leiharbeiter habe nicht mehr als zwei Prozent betragen. Ein Großteil dieser Beschäftigten kam von der gemeinnützigen Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaft Wabe, die sich um Geringqualifizierte kümmert, sagt er. "Aus den rund 50 Wabe-Mitarbeitern wurden in den vergangenen Jahren 28 Sick-Mitarbeiter." Diese Qualifizierung soll fortgesetzt werden. Die Leiharbeiter hätten auch nie weniger verdient als ihre Kollegen.
Sick-Personalchef Rudolf Kast rechnet damit, dass die Bedeutung der Leiharbeit zurückgehen wird. Angesichts des Fachkräftemangels werde man kaum noch Leute finden, die für deutlich weniger Geld die gleiche Tätigkeit ausüben wollen wie ihre Kollegen. Zudem sorge eine ungleiche Bezahlung für Konflikte, die keinem Unternehmen weiterhelfe, sagt der Personalchef.
Autor: Bernd Kramer
