Sonnen- und Windenergie verdrängen die Atomkraft

Bernward Janzing

Von Bernward Janzing

Fr, 07. September 2018

Wirtschaft

Der Anteil des Nuklearstroms weltweit nimmt ab / Nur in China nimmt die Menge des Atomstroms zu.

FREIBURG. Die weltweite Renaissance der Atomkraft findet nicht statt – sofern man China als Sonderfall einmal außen vor lässt. Betrachtet man nämlich alle anderen Länder der Welt in der Summe, ging dort die Erzeugung von Atomstrom im Jahr 2017 leicht zurück. Nur weil China im Jahr 2017 um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zulegte, ergab sich in der weltweiten Bilanz ein Anstieg der erzeugten Atomstrommenge von einem Prozent.

Das ist das Ergebnis des jüngsten World Nuclear Industry Status Report. Die Autoren sind der in Paris ansässige Atomenergieberater Mycle Schneider und sein Team. Der Report, der 1992 erstmals erschien, ist die umfangreichste Datensammlung und Analyse der weltweiten Atomwirtschaft, die es alljährlich gibt.

Noch wird in China kräftig zugebaut, doch schon mittelfristig dürfte auch in dem asiatischen Land die Kurve abflachen, denn seit Dezember 2016 habe China keinen Neubau eines kommerziellen Reaktors mehr begonnen, schreiben die Autoren des Reports.

Auch weltweit sinkt seit einigen Jahren die Zahl der in Bau befindlichen Atomkraftwerke: Ende 2013 seien noch 68 Atommeiler in Bau gewesen, Mitte 2018 nur noch 50. Und davon lägen inzwischen mindestens 33 hinter ihrem Zeitplan zurück. Massive Verzögerungen kennt man auch von den wenigen Neubauten in Europa: Die beiden (auch wirtschaftlich gesehen) Fiasko-Projekte Flamanville in Frankreich und Olkiluoto in Finnland, sind inzwischen jeweils viele Jahre in Verzug.

Trotz des derzeitigen Booms in China – drei neue Reaktoren gingen dort 2017 ans Netz – lag die weltweite Atomstromerzeugung auch 2017 noch sechs Prozent unter ihrem historischen Maximum von 2006. Zwar ist die weltweit bestehende Kapazität der Reaktoren heute kaum niedriger als in jenem Spitzenjahr, doch viele Reaktoren kommen altersbedingt nicht mehr an die jährlichen Laufzeiten der Vergangenheit heran. Bestes Beispiel ist Frankreich, wo die Reaktoren im vergangenen Jahr nicht einmal 68 Prozent ihrer theoretisch möglichen Strommenge erzeugten. Oft waren technische – auch sicherheitsrelevante – Probleme der Grund.

Wie sich die weltweite Atomstromerzeugung in den kommenden Jahren entwickeln wird, hängt nun vor allem an einer Frage: der Laufzeit der Altreaktoren. Denn die Flotte altert allenthalben. Im Mittel sind die weltweit laufen Meiler inzwischen 30 Jahre alt, und fast jeder Fünfte hat die Marke von 40 Jahren schon überschritten – ein Alter, das viele Aufsichtsbehörden einst als technisch vertretbares Maximum ansahen.

Gehen die Altreaktoren in der Welt nur zögerlich vom Netz, könnte die global erzeugte Atomstrommenge durch Fertigstellung der noch in Bau befindlichen Kraftwerke auch in den nächsten Jahren noch leicht ansteigen. Doch ist ein Trend absehbar: Der Anteil des Atomstroms am weltweiten Strommix wird weiter sinken. Im Jahr 1996 hatte er mit 17,5 Prozent seinen Höchststand erreicht, im Jahr 2017 lag er nur noch bei 10,3 Prozent. Schon in Kürze dürfte der Anteil der Atomkraft am weltweiten Strommix unter zehn Prozent fallen. Das liegt vor allem am Boom der Erneuerbaren: Die Windstromerzeugung legte 2017 gegenüber dem Vorjahr weltweit um 17 Prozent zu, die Solarstromerzeugung sogar um 35 Prozent.

So sieht der Nuklearreport auch den rasanten Ausbau von Windkraft und Solar als einen Grund dafür, dass China sein Atomprogramm inzwischen bremst; China habe alleine im Jahr 2017 eine Summe von 126 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investiert. Zugleich verlangsame sich der Anstieg der Stromnachfrage, während die Anforderungen an die nukleare Sicherheit stiegen, ebenso wie die Kosten neuer Nukleartechnologien. Dies alles seien Hindernisse für die Atomkraft – solche, die auch Politik und Entscheidungsträger in der Volksrepublik China nicht übergehen könnten.