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04. April 2011 21:28 Uhr
Hannover-Messe
Südbadens Wirtschaft profitiert von der Energiewende
Unter Dampf: Bei der Hannover-Messe berichten südbadische Unternehmer von gewaltigen Umsatzzuwächsen und ausgelasteten Fabriken. Hat das mit dem Umdenken in der Politik zu tun?
Die Hannover-Messe galt schon einmal als eine vom Aussterben bedrohte Art. Kleinere Messen machten dem weltweit bekannten Schaufenster der deutschen Wirtschaft mächtig Konkurrenz. Mit klaren Ausstellungsschwerpunkten und der Konzentration auf einzelne Branchen warben die Neulinge dem Platzhirsch zahlreiche Aussteller ab. Messen wie die Cebit – sie wurde aus der Hannover-Messe ausgegliedert – zogen gleichzeitig die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Computer, Software und Bildschirme trafen eher das Interesse von Otto Normalverbraucher als der letzte Schrei in der Produktionstechnik. Mittlerweile hat sich das Blatt zugunsten der Hannover-Messe gewendet. Entgegen vieler Prognosen ist die deutsche Industrie wieder zu einem Wachstumstreiber geworden.
Deutsche Unternehmen rüsten mit ihrem Wissen und ihren Produkten die Fertigungsstätten in aller Welt aus. Sie liefern auch wichtige Technik für den Aufbau der Infrastruktur in Schwellenländern wie China und Indien. Ein Grund, warum die Bundesrepublik rascher aus der Krise gekommen ist als andere westliche Industrieländer. Patrick Schumacher, Marketingleiter beim Bonndorfer Elektroantriebshersteller Dunkermotoren, sagt: "Die Hannover-Messe ist vielleicht nicht mehr die wichtigste Messe für uns, aber nirgendwo sonst kommen die Besucher aus so vielen unterschiedlichen Ländern." Nähme das Unternehmen nicht teil, würde sich auch mancher Kunde fragen, was denn jetzt los sei. Insgesamt sind 6500 Firmen an der Hannover-Messe beteiligt, bis zum 8. April werden 200 000 Gäste erwartet.
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Was nach dem dramatischen Konjunktureinbruch 2009 so gut wie niemand vermutet hat, ist eingetroffen. Viele Unternehmen haben die Spitzenwerte aus dem Boomjahr 2008 in den ersten Monaten dieses Jahres schon wieder übertroffen, wie sie auf der Hannover-Messe berichten. "2009 haben alle geglaubt, die Welt würde untergehen. Heute sind die Firmen wieder in einer Form, wie es kaum jemand damals gedacht hat", sagt der Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen Baden (WVIB), Christoph Münzer. Der Messtechnikhersteller Endress + Hauser (E+H) liegt beispielsweise deutlich über Plan, der einen Umsatzzuwachs von mehr als sieben Prozent vorsieht. Theodor Wanner, Chef des Sensorspezialisten Sensopart (Gottenheim und Wieden), hat mit 20 Prozent mehr Umsatz gerechnet. Jetzt sind es noch einmal 20 Prozent mehr – auch dank der höheren Nachfrage der Autozulieferer. Dunkermotoren verkaufte im März Waren im Wert von 13,4 Millionen Euro – ein neuer Rekord.
Auch kleinere Betriebe wie die Fassondreherei Hermann Blum in Gutach in Kinzigtal mit 35 Mitarbeitern arbeiten an der Kapazitätsgrenze, wie Geschäftsführer Thomas Albrecht sagt. Dies deckt sich mit den Aussagen der Industrieverbände. Der Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) schraubt seine Wachstumsprognose ebenfalls kräftig nach oben. "Die Elektroproduktion dürfte in diesem Jahr um zehn Prozent zulegen", sagt ZVEI-Präsident Friedhelm Loh. Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaftsleitung in diesem Jahr um 2,5 Prozent wächst.
Getrieben wird der Aufschwung der Industrie vor allem aus Asien. Sowohl bei Dunkermotoren als auch bei Neugart verzeichnete das China-Geschäft die höchsten Zuwachsraten. E+H-Chef Klaus Endress spricht von einer breiten Basis für die gute wirtschaftliche Entwicklung: "Wir haben weltweit erfreuliche Ergebnisse erzielt."
Die vollen Auftragsbücher sorgen in Südbaden für neue Stellen. Allerdings sei es extrem schwierig, sie zu besetzen, sagt der Geschäftsführer des Kenzinger Softwareunternehmens Industrieinformatik Eckhard Winter. Auf eine Stellenanzeige bekam er gerade einmal vier Bewerbungen. Drei davon waren unbrauchbar. "Das ist ein klares Zeichen dafür, dass der Arbeitsmarkt ziemlich leer gefegt ist." Ähnliche Erfahrungen wie Winter hat Sensopart-Chef Theodor Wanner gemacht: "Wir haben vier Monate gebraucht, ehe wir einen geeigneten Software-Ingenieur fanden." Die Konsequenz: Wer als Unternehmer Leute bekommen oder halten will, muss derzeit deutlich tiefer in die Tasche greifen. "Die Einstiegsgehälter sind um rund zehn Prozent gewachsen", sagt Winter.
Thomas Albrecht von der Fassondreherei Hermann Blum vertraut bei der Personalsuche auf die Anziehungskraft eines sicheren Arbeitsplatzes: "Im Kinzigtal konkurrieren 16 metallverarbeitende Betriebe um die gleichen Leute. Da müssen wir schon etwas Besonderes bieten. Für uns heißt das: Wir stellen Mitarbeiter nicht nur für ein Jahr ein, sondern langfristig."
Ein Ausstieg aus der Atomkraft, verbunden mit mehr Investitionen in Erneuerbare Energien, bereitet Volker Esslinger und Sascha Herwig keine Albträume. "Unsere Kabelkanäle finden sie auch in Windkraft- oder Solaranlagen", sagen die Mitarbeiter des Kabelzubehör-Herstellers SES-Sterling in Weil. Mit ihrer Gelassenheit stehen die beiden nicht alleine. Schon jetzt profitieren etliche südbadische Unternehmen von der Energiewende, die auf der Hannover-Messe zu den beliebtesten Gesprächsthemen zählt. Zum Beispiel Eckhard Winter: Dessen Industrieinformatik-Software sorgt beim Solarmodulhersteller Schott-Solar dafür, dass die Herstellung möglichst effizient läuft. Sensopart-Produkte prüfen bei Maschinen des Schweizer Meyer-Burger-Konzerns, ob die Wafer für die Solarmodule tatsächlich einwandfrei sind. Zu Meyer-Burger gehört auch die Umkircher Somont.
Technik für intelligente Stromnetze liefert das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme. Die Fraunhofer-Mitarbeiter Thies Stillahn und Niklas Kreifels haben am Demax-Projekt mitgearbeitet, das sie jetzt in Hannover präsentieren. Demax steht für Dezentrales Energie-und Netzmanagement mit flexiblen Stromtarifen. Mit Hilfe von Demax lässt sich der Stromverbrauch der Privathaushalte besser an die Schwankungen bei einer Stromversorgung mit Erneuerbaren Energien anpassen. Wind- und Sonnenenergie treten wegen der Witterung nicht immer gleichmäßig auf. Demax gibt nun den Verbrauchern zuverlässige Informationen, wann Strom in Hülle und Fülle vorhanden ist und damit auch günstiger bezogen werden kann. Oder wie es Thies Stillahn ausdrückt: "Waschen mit der Waschmaschine, wenn die Sonne scheint."
Klaus Endress ist skeptisch. Der E+H-Chef rechnet damit, dass die Folgen des Erdbebens und der Atomkatastrophe in Japan in Europa bald noch deutlicher zu spüren sein werden. "In Japan werden zahlreiche Teile hergestellt, die für die Industrieproduktion weltweit wichtig sind. Fehlt nur eines dieser Teile, kann man nicht einfach so weitermachen, als wäre nichts geschehen." Da die japanische Wirtschaft weiter wegen Energieausfällen und kaputter Infrastruktur stockt, schließt er Engpässe bei den Zulieferern aus Fernost nicht aus.
Thomas Albrecht ist dagegen noch einmal davongekommen. Die bestellten japanischen Drehmaschinen, die er für die Bearbeitung der zusätzlichen Aufträge benötigt, haben bereits Deutschland erreicht. Wäre die Entscheidung zu investieren später gefallen, "hätten wir wohl Schwierigkeiten bekommen", sagt er.
"Die Industrie in Südbaden ist heute sicherlich fitter als noch vor zehn Jahren. Deshalb ist mir für die kommenden Monate auch nicht bang", sagt WVIB-Hauptgeschäftsführer Christoph Münzer. Von einem anstehenden Marathon-Boom, der über Jahre hinweg dauert, will er jedoch nichts wissen. "Es wird Ereignisse geben, welche die Konjunktur beeinträchtigen, die wir aber jetzt nicht vorsehen können." Die Krise 2009 habe gezeigt, dass auf eine rasante Aufwärtsentwicklung auch ein brutaler Absturz folgen könne. Den Regierungswechsel in Stuttgart hält er für keinen Grund, auf Unternehmerseite in Panik zu verfallen. Zwar müsse die grün-rote Landesregierung aufpassen, nichts leichtfertig zu verspielen, aber auch sie komme nicht umhin, dafür zu sorgen, dass der Mittelstand im Südwesten floriert. Burkhard Peters, Mitglied der Geschäftsleitung der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein, sieht die neuen Machtverhältnisse ebenfalls gelassen: "Am Mittelstand kommt keiner vorbei."
Autor: Bernd Kramer


