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14. November 2017 09:01 Uhr

BZ-Streitgespräch

Tarifpartner streiten über flexible Arbeitszeitmodelle

In der Metall-und Elektroindustrie beginnen die Tarifverhandlungen. Die Gewerkschaft fordert sechs Prozent mehr Lohn und eine Arbeitszeitverkürzung mit Rückkehrrecht zur Vollzeit.

  1. Einen Anspruch auf Verringerung der Arbeitszeit mit Rückkehrrecht auf Vollzeit: Das fordert die Industriegewerkschaft Metall. Foto: hainichfoto

  2. Stephan Wilcken ist Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Bezirksgruppe Freiburg. Foto: Wolfgang Grabherr

  3. Marco Sprengler ist Geschäftsführer der IG Metall in Lörrach und der IG Metall in Freiburg. Foto: Elisabeth Steffe

Sechs Prozent mehr Lohn, vor allem aber einen Anspruch auf Verringerung der Arbeitszeit mit Rückkehrrecht auf Vollzeit: Das fordert die Industriegewerkschaft Metall in der Tarifrunde, die am 15. November beginnt. Der Arbeitgeberverband Südwestmetall lehnt das als nicht praktikabel ab.

"Wer auf Teilzeit zurückgeht, steckt deswegen oft genug in der Falle fest und kann nicht mehr auf Vollzeit aufstocken." Marco Sprengler, IG Metall
BZ: Die kleine Eisenbahnergewerkschaft hat es vorgemacht: Die Beschäftigten können seit einem Jahr wählen, ob sie die ausgehandelte Tariferhöhung als Lohnerhöhung erhalten wollen, oder ob sie stattdessen mehr Urlaub haben wollen. Zieht die IG Metall jetzt nach?
Marco Sprengler: Wir wollen ja nicht Urlaub statt Lohnerhöhung. Wir wollen eine anständige Entgelterhöhung und einen Anspruch der Beschäftigten, bei Bedarf für eine gewisse Zeit von einer 35- auf eine 28-Stunden-Woche herunterzugehen, beispielsweise weil man mehr Zeit für die Familie benötigt, weil jemand pflegebedürftig ist, weil man ein Haus bauen will... Gründe, eine Zeit lang im Beruf kürzer zu treten, gibt es ja viele.

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BZ: Die traditionelle Einschätzung ist, dass Arbeitnehmer am liebsten eine ordentliche Lohnerhöhung haben wollen und oft auch bereit wären, länger zu arbeiten, wenn sie mehr verdienen können.
Sprengler: Die Zeiten ändern sich. Wir haben 680 000 Menschen, überwiegend Gewerkschaftsmitglieder, gefragt, was ihnen wichtig ist …
Stephan Wilcken: … 70 Prozent der Befragten waren mit ihrer Arbeitszeit sehr zufrieden.
Sprengler: Stimmt. Aber der Wunsch nach mehr Souveränität in der Gestaltung der Zeit stand ganz oben auf der Liste dessen, was man gern ändern würde.
Wilcken: Einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit gibt es schon.
Sprengler: Aber keinen Anspruch auf Rückkehr in Vollzeit. Bei diesem Thema hat sich die Große Koalition nicht einigen können in der vergangenen Legislaturperiode. Wer auf Teilzeit zurückgeht, steckt deswegen oft genug in der Falle fest und kann nicht mehr auf Vollzeit aufstocken. Das geht vor allem vielen Frauen so, wenn sie wegen eines Babys reduzieren.
Wilcken: Wenn es um Wünsche nach kürzerer – und später wieder längerer – Arbeitszeit geht, liegt jeder Fall persönlich oder betrieblich anders, deswegen sind individuelle Lösungen und Betriebsvereinbarungen – die es ja gibt – der richtige Weg. Eine Lösung über den Tarifvertrag halte ich für falsch.

"Ich will, dass die Arbeit hier in den Betrieben in der Region geleistet wird – zu tariflichen Standards." Stephan Wilcken, Arbeitgeberverband
BZ: Warum?
Wilcken: Nehmen wir ein Beispiel: Ein Mitarbeiter einer Firma will seine Arbeitszeit für ein Jahr von 35 auf 28 Stunden verkürzen und den Freitag freihaben. Dann hat der Arbeitgeber vier Möglichkeiten: Erstens, die Kolleginnen und Kollegen machen die Arbeit mit, das finden Betriebsrat und Gewerkschaft inakzeptabel und werden es nach Kräften verhindern. Zweitens, der Arbeitgeber sucht befristet für ein Jahr eine Teilzeit-Arbeitskraft für den Freitag. Das ist bei der derzeitigen Arbeitsmarktlage illusorisch. Drittens, der Arbeitgeber versucht über eine Zeitarbeitsfirma jemanden zu bekommen. Viertens, er vergibt die Arbeit an eine Fremdfirma, zum Beispiel über einen Werkvertrag. Bei den Möglichkeiten zwei und drei sprechen wir über die viel kritisierte prekäre Beschäftigung. Bei der vierten Möglichkeit sprechen wir über die Verlagerung von Arbeit. Das will ich eigentlich nicht. Ich will, dass die Arbeit hier in den Betrieben in der Region geleistet wird – zu tariflichen Standards.

BZ: Für Sie ist also die von der Gewerkschaft gewünschte Flexibilität ein Irrweg?
Wilcken: Flexibilität ist sinnvoll und wichtig. In den Betrieben läuft da ja auch sehr viel. Ich wehre mich aber dagegen, das über den Tarifvertrag für jeden Betrieb verpflichtend zu machen. Wir diskutieren darüber, dass die Tarifbindung in Deutschland abnimmt. Dem dürfen wir nicht Vorschub leisten, indem wir Tarifverträge überfrachten. Ich habe einmal gesagt, Tarifverträge müssen sexy sein, damit möglichst viele Betriebe sie anwenden wollen. Das gilt nach wie vor.
Sprengler: Ich finde, was wir fordern, ist sexy.

" Es kann jedenfalls nicht sein, dass Flexibilität eine Einbahnstraße ist." Marco Sprengler
BZ: Wenn man Herrn Wilcken folgt, nehmen Sie eine Ausweitung der prekären Beschäftigung in Kauf, um den Stammbeschäftigten etwas zu bieten.
Sprengler: Das ist Schwarzmalerei! Es geht bei dem Thema befristete Arbeitszeitverkürzung und Wiederaufstockung in erster Linie um eine gute Personalplanung. Und da muss man einfach sagen: Die ist in vielen Betrieben schlecht. Die Personalabteilungen sind in den vergangenen Jahren häufig verkleinert worden, eine weitsichtige Personalplanung findet nur selten statt. Es kann jedenfalls nicht sein, dass Flexibilität eine Einbahnstraße ist. Wenn der Arbeitgeber ruft, sollen die Arbeitnehmer springen. Aber wenn ein Arbeitnehmer mal Zeit benötigt, dann ist das betrieblich nicht möglich – das kann nicht sein.
Wilcken: Es ist gar nicht so, dass der Arbeitgeber pfeift, und die Arbeitnehmer springen. Der Betriebsrat muss bei Überstunden, Samstagsarbeit, Zusatzschichten zustimmen. Er hat auch ein Mitspracherecht bei der Personalplanung. Aber man kann nur planen mit Leuten, die man finden kann. Dass Fachkräfte knapp sind, ist allgemein bekannt. Würden die Pläne der IG Metall umgesetzt, würde der Fachkräftemangel noch schärfer.

BZ: Ließe sich mehr Zeitsouveränität für Beschäftigte über Arbeitszeitkonten organisieren?
Sprengler: Die Arbeitszeitkonten sind voll und platzen aus den Nähten. Auf dem Weg kommen wir nicht weiter. Was den ständig behaupteten Fachkräftemangel angeht: Seit acht Jahren wächst die Metall- und Elektroindustrie ununterbrochen.
Seit Jahr und Tag wird über Fachkräftemangel geredet. Aber wenn ich mir die Ausbildungsquoten ansehe, kommen mir Tränen in die Augen.
Wilcken: Bei der Ausbildung sind etliche Firmen sehr engagiert, andere weniger. Aber man darf auch nicht unterschätzen, wie mühsam es mittlerweile ist, ausbildungsfähige Jugendliche für die Betriebe zu finden.

BZ: Sie beide sind sich einig, dass fast die Hälfte der Beschäftigten in der Produktion der Metallbetriebe an- und ungelernte Arbeitskräfte sind. Zu einer langfristigen Personalplanung und -entwicklung gehört dann auch die Qualifizierung.
Wilcken: Das ist kein Selbstläufer. Der Autozulieferer PWO in Oberkirch hat eine derartige Aktion gestartet. Die Geschäftsführung hielt 200 bis 300 der Mitarbeiter für geeignet für eine Teilqualifizierung. Tatsächlich zu Ende geführt haben dieses Programm 15 Beschäftigte, obwohl die Qualifizierung in der Arbeitszeit stattfand und es keine finanziellen Einbußen gab.
Sprengler: Gut geklappt hat das bei der Freiburger Firma MSC, die frühere Hellige. Da haben viele Beschäftigte die Chance zur Qualifizierung genutzt. Da war allerdings auch der Druck groß. Die Alternative hieß angesichts des Personalabbaus Arbeitslosigkeit.

"Übertriebene Lohnforderungen sind fehl am Platz." Stephan Wilcken
BZ: Herr Wilcken, die Forderung der IG Metall nach sechs Prozent mehr Entgelt stört Sie offenbar viel weniger als die Arbeitszeit-Pläne?
Wilcken: Die überhöhten Lohnforderungen der Gewerkschaft sind ja Routine. Die Arbeitszeit-Pläne sind neu, deswegen redet man da intensiver drüber. Fakt ist: Die Gewerkschaft vermittelt den Eindruck, die Firmen der Metall- und Elektroindustrie erzielten märchenhafte Gewinne. Dem ist nicht so. Die Deutsche Bundesbank wertet regelmäßig die Bilanzen deutscher Firmen aus. Danach erzielt in unserer Branche nur ein Drittel der Firmen eine Nettorendite (das Verhältnis von Gewinn zu Umsatz nach Abzug der Steuern) von mehr als vier Prozent. Von 100 Euro Umsatz bleiben also vier Euro als Gewinn hängen. Zwei Drittel der Firmen verdienen weniger. Dieses Geld wird für Investitionen auch in die Beschäftigten für Qualifizierungsmaßnahmen benötigt.
Sprengler: Die Wirtschaft wächst, die Metallbranche kann sich vor Aufträgen kaum retten, wöchentlich werden die Konjunkturprognosen nach oben korrigiert.
Wilcken: Der Metallindustrie geht es gut, keine Frage. Aber mit der Digitalisierung, mit der Einführung der Elektromobilität stehen wir auch vor großen Umwälzungen. Da brauchen die Firmen Geld für Investitionen. Übertriebene Lohnforderungen sind da fehl am Platz.
Die Tarifforderungen

» Erhöhung der Löhne und Gehälter um sechs Prozent. Der Tarifvertrag soll eine Laufzeit von zwölf Monaten haben.
» Individueller Anspruch auf Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für einen Zeitraum von bis zu 24 Monaten.
» Wer Kinder unter 14 Jahren im Haushalt betreut oder Angehörige pflegt, soll 200 Euro Zuschuss vom Arbeitgeber bekommen.
» Schichtarbeiter, die kürzer arbeiten, sollen 750 Euro Entgeltzuschuss im Jahr bekommen.
Auszubildende und Studenten sollen einen bezahlten freien Tag vor
jeder Prüfung bekommen.
» Für Ostdeutschland, wo die Löhne niedriger sind, soll ein Prozess der Lohnangleichung gestartet werden.

Verhandelt wird in den Bezirken, Start ist am 15. November in Baden-Württemberg. Der alte Tarifvertrag ist zum 31. Dezember gekündigt, ab 1. Januar sind Warnstreiks möglich.

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Autor: Jörg Buteweg