Tiefpunkt einer langen Talfahrt

Rolf Obertreis und dpa

Von Rolf Obertreis & dpa

Mi, 05. September 2018

Wirtschaft

Die Commerzbank fliegt wohl aus dem Dax – zehn Jahre nach Übernahme der Dresdner Bank / Deutsche Bank fällt aus EuroStoxx 50.

FRANKFURT. Deutschlands Großbanken tun sich schwer. Die Deutsche Bank wird zum 24. September aus dem Leitindex EuroStoxx 50 absteigen und zählt damit nicht mehr zu den 50 wertvollsten Börsenkonzernen der Eurozone. Bereits am heutigen Mittwoch wird die Commerzbank voraussichtlich ihren Platz in der ersten deutschen Börsenliga, dem Dax, räumen müssen.

Schön sei es nicht, räumt Commerzbank-Chef Martin Zielke ein. Am Geschäft des Instituts auch für die Kunden werde sich aber nichts ändern, versichert er. Man bleibe die führende Mittelstandsbank in Deutschland. Viele glauben freilich, dass der Banker den bevorstehenden Abstieg der Commerzbank aus dem Kreis der 30 wichtigsten in Deutschland an der Börse gelisteten Konzerne unterschätzt. Nicht nur für das Renommee ist der Rauswurf nach 30 Jahren nicht gut, auch Investoren dürften sich abwenden. Dem Bund dürfte es ebenfalls nicht gefallen: Mit 15,6 Prozent ist er größter Aktionär.

Am Mittwoch entscheidet die Deutsche Börse über die Zusammensetzung des Deutschen Aktienindex. Die Commerzbank – Börsenwert aktuell rund 10,2 Milliarden Euro – wird dem wesentlich kleineren, gemessen am Börsenwert aber doppelt so großen Zahlungsanbieter Wirecard weichen müssen. Es ist der Tiefpunkt einer Entwicklung, die vor zehn Jahren ihren Anfang nahm.

Die Commerzbank gilt als Übernahmekandidat

Damals, am 1. September 2008, sitzt Zielkes Vorgänger Martin Blessing mit Herbert Walter und Michael Diekmann im Auditorium des Commerzbank-Turms im Frankfurter Bankenviertel. Walter ist Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Diekmann Chef der Allianz. Die hatte gerade die Dresdner Bank an die Commerzbank verkauft. Viel zu lange hatte die 136 Jahre alte Bank dem Versicherungskonzern herbe Verluste beschert. Die Fusion der Dresdner mit der Deutschen Bank war im Jahr 2000 schon besiegelt gewesen und dann nach vier Wochen doch noch geplatzt – vor allem für die Dresdner ein Desaster. Blessing meint, er habe einen Coup gelandet, der sein Haus zur klaren Nummer zwei in Deutschland machen werde. Er und viele andere ahnen nicht, dass die Pleite der US-Investmentbank Lehman und die Finanzkrise auch die Commerzbank (verursacht auch durch die Dresdner Bank) nur zwei Wochen später schwer treffen würde. Manche halten die Übernahme gleichwohl für ein Risiko, schließlich war die Finanzwelt seit gut einem Jahr durch die Pleite der Mittelstandsbank IKB in Unruhe.

Neun Milliarden Euro legt die Commerzbank für den Zukauf auf den Tisch. Dabei war klar, dass die Probleme der Dresdner Bank und die Risiken in den Büchern beträchtlich waren. Später wird der Preis auf sechs Milliarden gedrückt, dennoch gerät die Commerzbank in Schieflage. Der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück verhindert das Aus mit einer 18 Milliarden Euro dicken Kapitalspritze und mit der Beteiligung von 25 Prozent am Aktienkapital. Heute hält der Bund immer noch 15,6 Prozent – und sitzt auf einem erheblichen Verlust.

Seit der Übernahme der Dresdner ist die Commerzbank auf Talfahrt. 2006 kostete die Aktie mehr als 100 Euro, heute sind es nur noch gut acht Euro. Dabei gab es seit 2008 zehn Kapitalerhöhungen, die Zahl der Aktien hat sich verzwanzigfacht. Damit wird der Wertverlust für die Aktionäre noch dramatischer. Nur einmal seit 2008 hat die Commerzbank eine Dividende ausgeschüttet. Immerhin soll es für dieses Jahr wieder eine Zahlung geben.

Blessing, der damals die Übernahme feierte, hat die Commerzbank 2016 vorzeitig verlassen und zählt heute zum Top-Management der schweizerischen UBS. Zielke versucht die Bank seitdem auf Vordermann zu bringen, was ihm nur allmählich gelingt. Er hat das Investmentbanking stark beschnitten, baut mehr als 7000 Stellen ab, setzt auf den Mittelstand und das Privatkundengeschäft. Und hält weiter an Filialen fest. Bis 2020 sollen zwei Millionen neue Privatkunden (verglichen zum Oktober 2016) gewonnen werden. 800 000 sind es bislang.

Allein der Ableger Comdirect macht gute Gewinne. An der Börse überwiegt die Skepsis. Die Commerzbank gilt als Übernahmekandidat. Spekulationen über eine Fusion von Deutscher und Commerzbank machen die Runde. Erst einmal steht die Commerzbank vor einem weiteren Abstieg. Vier Mal im Jahr, jeweils am dritten Handelstag im März, Juni, September und Dezember, berät der Arbeitskreis Aktienindizes der Deutschen Börse über die Zusammensetzung von Dax und den drei anderen wichtigen Indizes TecDax, MDax und SDax. Änderungen werden zum Ende des jeweiligen Monats wirksam. Bedeutsam ist die Zugehörigkeit zu den Indizes vor allem für die Anlagestrategie von Großanlegern wie Versicherungen oder Fonds und für Produkte wie börsengehandelte Indexfonds. Der Umsatz mit der Aktie und der Wert, zu dem das Unternehmen an der Börse gehandelt wird, sind die wichtigsten Kriterien für die Zugehörigkeit zum Dax.

Ein Abstieg steht auch der Deutschen Bank bevor: Ihr Kurs hat allein seit Jahresbeginn mehr als 37 Prozent im EuroStoxx 50 eingebüßt. Die Bank hat 2017 den dritten Jahresverlust in Folge eingefahren. Nun genügt der Börsenwert von rund 20 Milliarden Euro nicht mehr, um sich im Leitindex der Eurozone zu halten. Das zeigt eine Rangliste, die die Deutsche Börse am Dienstag veröffentlichte. Absteigen wird auch der Versorger Eon. Gashersteller Linde schafft hingegen den Aufstieg.