Währungen von Schwellenländern

Türkisches Finanzbeben schlägt Wellen

Christoph Müller

Von Christoph Müller

Mo, 20. August 2018 um 09:00 Uhr

Wirtschaft

In den USA steigen die Zinsen und Anleger werden sich plötzlich der Risiken in einigen Schwellenländern bewusst. Das könnte zu einer größeren Krise führen, muss aber nicht.

"Was derzeit in der Türkei passiert ist eine klassische Währungs- und Schuldenkrise, von einer Art wie wir sie schon viele Male in Asien und in Lateinamerika gesehen haben", schrieb der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman schon Ende Mai. "Klassisch" ist einerseits, dass das Epizentrum des Finanzbebens ein Land der Kategorie der "Emerging Markets" (EMs) ist. Dieser Begriff ist nicht eindeutig definiert, aber in der Regel wird er für aufstrebende Volkswirtschaften benutzt wie zum Beispiel Indien, China, Brasilien, aber auch für osteuropäische Länder wie Rumänien. Auf den Finanzmärkten finden diese Länder allerlei Verlockendes vor – nicht zuletzt billiges Geld aus entwickelten Volkswirtschaften. Das war insbesondere in Folge der Wirtschaftskrise von 2008 der Fall. Die Notenbanken der USA, Japans und des Euroraums senkten ihren Leitzins auf Null, um Deflation zu verhindern. Daher fanden die EMs dann willige Geldgeber, sagt Robert Subbaraman von der japanischen Bank Nomura: "Wegen der superniedrigen Zinsen waren Investoren auf der Jagd nach Rendite – bis zu diesem Jahr. Nun werden sie vom Risiko überrumpelt."

"Klassisch" erscheint mittlerweile auch, dass die Krise auf andere Länder übergreift. Plötzlich schauen die Investoren nicht mehr nur auf die Rendite, sondern auch auf die Risiken. Hinzu kommen die steigenden Zinsen in den USA. Dort erhöht die Zentralbank seit Ende 2015 sukzessive den Leitzins. Das hat für EM-Schuldner zwei nachteilige Folgen: Einerseits wird der Dollar stärker und andererseits müssen sie mehr Zinsen zahlen, wenn sie ihre Kredite erneuern. Wie die Neubewertung des Länderrisikos durch die Anleger aussieht, kann man dann an den Währungen der Länder ablesen.

Am stärksten getroffen hat es den argentinische Peso: Dieser hat seit Jahresbeginn 60 Prozent an Wert verloren. Argentinien erhielt daher Mitte Juni einen Kredit des Internationalen Währungsfonds IWF über 50 Milliarden Dollar. Auch sonst hält es sich an das "Handbuch" für Finanzkrisen: Es hat die Zinsen deutlich erhöht. Damit steht es im Gegensatz zur Türkei. Deren Präsident Recep Tayyip Erdogan lehnt diese beiden Maßnahmen vehement ab.

Länder mit erhöhtem Risiko für eine Währungskrise gibt es aber auch in der EU.
Deutlich verloren hat auch der südafrikanische Rand: minus 20 Prozent seit Jahresbeginn. Neben wirtschaftlichen Schwierigkeiten sorgen sich dort Anleger um die Politik: In Südafrika wird eine Verfassungsänderung diskutiert, die die Enteignung von weißen Farmern ermöglichen würde. Das erinnert an Simbabwe. Dort wurden erst weiße Farmer enteignet und dann kollabierte die Wirtschaft in Folge einer Hyperinflation.

Hart getroffen hat es auch den russischen Rubel. Dieser hat seit Januar 16 Prozent eingebüßt, obwohl der Ölpreis seither um fünf Dollar auf 71 Dollar pro Barrel (159 Liter) gestiegen ist. Russland hat nur wenige Schulden in fremden Währungen. Dafür sieht es sich immer stärkeren Wirtschaftssanktionen ausgesetzt.

Länder mit erhöhtem Risiko für eine Währungskrise gibt es aber auch in der EU. Ungarn hat Fremdwährungsschulden von über 60 Prozent seiner Wirtschaftsleistung und Polen von mehr als 50 Prozent (siehe Grafik). Der Forint und der Zloty haben dieses Jahr denn auch rund zehn Prozent an Wert verloren. In Polen haben auch Haushalte Fremdwährungsschulden.

Das hat sich bereits in der Vergangenheit einmal gerächt: Während die Schweizer Nationalbank SNB den Franken an den Euro gekoppelt hatte, haben viele Menschen in Osteuropa Hypotheken in Schweizer Franken aufgenommen. Als die SNB die Koppelung an den Euro dann aufgab, wertete der Franken stark auf. Wer Zloty verdiente und eine Franken-Hypothek bedienen musste, hatte so plötzlich sehr viel mehr Schulden.

"Kann die Türkei das Handbuch für Krisenmanagement neu schreiben?" Mohamed El-Erian
Chefberater der Allianz Welches Ausmaß das aktuelle Finanzbeben erreichen wird, ist noch offen. Im Jahr 2013 gab es eine ähnliche Situation, als plötzlich die Währungen von EMs eingebrochen sind. Auslöser war die Ankündigung des damaligen Chefs der US-Zentralbank Ben Bernanke, den Kauf von Anleihen zurückzufahren. Die EM-Währungen stabilisierten sich dann aber wieder. Umgekehrt könnte die Lage aber auch wie in der Asienkrise im Jahr 1997 eskalieren: Damals mussten Thailand, Indonesien und Südkorea mit knapp 100 Milliarden Dollar vom IWF vor dem Kollaps bewahrt werden.

Wie stark die Länder diesmal betroffen sein werden, hängt nicht nur von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten ab. Ian Bremmer, Chef der Eurasia Group, einem Beratungsunternehmen, definiert EMs so: Ein EM sei "ein Land, in dem die Politik für die Märkte mindestens soviel Bedeutung hat wie die Wirtschaft". Für die Türkei verheißt das nichts Gutes: Zum einen lässt Erdogan den Streit um den Pastor Andrew Brunson eskalieren. Zum anderen ist er der Meinung, hohe Zinsen verursachten Inflation – das Gegenteil der herrschenden Lehrmeinung. Mohamed El-Erian, Chefberater der Allianz, fragt: "Kann die Türkei das Handbuch für Krisenmanagement neu schreiben?" Er ist aber nicht zuversichtlich. Im Gegenteil: "Die Türkei könnte es bestätigen."