Finanzmarkt

US-Aktienmarkt hat sich abgekoppelt

Christoph Müller

Von Christoph Müller

Fr, 31. August 2018 um 19:02 Uhr

Wirtschaft

Der US-Aktienmarkt hat sich in den vergangenen Monaten hervorragend entwickelt. Was treibt die Kurse?

Am 22. August haben die US-Aktienbörsen einen Rekord geknackt – 3453 Tage Bullenmarkt. Damit bezeichnen Börsianer einen Markt mit steigenden Kursen. In dieser Zeit hat sich der US-Aktienindex S & P 500 von 666 Punkten auf über 2900 Punkte mehr als vervierfacht. Fünf Mal sind die Kurse in dieser Zeit um mehr als zehn Prozent gefallen. Von einem "Bärenmarkt" spricht man aber erst, wenn die Kurse um mehr als 20 Prozent nach unten gehen. Im Moment steigen die Kurse rasant, auch wenn sie am Freitag leicht nachgaben. Seit Anfang April haben die US-Börsen um zwölf Prozent zugelegt. Dabei sind Aktien teuer: Das Preis-Gewinn-Verhältnis liegt bei 25. Das heißt, der Börsenwert einer Firma entspricht dem 25-fachen ihres Gewinns. Im historischen Durchschnitt liegt dieser Wert bei nur 15.

Die US-Wirtschaft brummt. Die US-Notenbank erwartet für 2018 ein Wachstum von 2,8 Prozent. Das sieht man auch auf dem Arbeitsmarkt. Im Juli lag die Arbeitslosenquote bei 3,9 Prozent. Historisch gesehen sind die Zinsen zudem noch sehr niedrig: Trotz mehrerer Zinserhöhungen seit Mitte 2017 liegt der Referenzzins der US-Notenbank bei nur zwei Prozent.

Hinzu kommen mindestens drei Faktoren, die die Kurse künstlich nach oben treiben: In Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 haben die Notenbanken der USA, der Eurozone und Japans begonnen, Anleihen zu kaufen und so Geld in den Markt zu drücken. Dieses Geld muss irgendwo hin und verteuert daher Aktien oder Immobilien. Trotz des gesunden Wachstums hat die Regierung von US-Präsident Donald Trump zudem ein Stimuluspaket aufgelegt: Vergangenes Jahr ist das Haushaltsdefizit um 14 Prozent auf 665 Milliarden US-Dollar oder 3,5 Prozent der US-Wirtschaftsleistung gestiegen und es steigt weiter. In der Eurozone wäre dies nicht möglich. Wenn dort die Wirtschaft läuft, muss die Verschuldung abgebaut werden. Mit ein Grund für das Defizit ist die Trumpsche Reform der Unternehmenssteuern. Diese sorgt aber noch aus einem weiteren Grund für steigende Kurse: US-Firmen repatriieren Gewinne früherer Jahre, die sie zuvor im Ausland geparkt hatten. Mit diesem Geld kaufen sie ihre eigenen Aktien zurück. Die US-Investmentbank Goldman Sachs schätzt, dass dieses Jahr durch Aktienrückkäufe 1000 Milliarden Dollar in Aktien fließen – ein Rekordwert. "Rückkäufe sind die kritische Quelle für die Nachfrage nach Aktien, während die meisten anderen Eigentümerkategorien wie Haushalte oder Pensionskassen Netto-Verkäufer sind", sagt David Kostin, der Chef-Aktienmarktstratege der Investmentbank Goldman Sachs.

Die US-Internetriesen spielen eine große Rolle

Es wäre falsch, vom S & P-500-Index auf den Zustand aller großen US-Unternehmen zu schließen. Der Index, in den die Kurse von 500 großen börsennotierten US-Firmen einfließen, wird von einer kleinen Zahl an Firmen nach oben getrieben, insbesondere den "FAANGs". Hinter diesem Akronym verstecken sich die Internetgiganten Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google (das seit 2015 als Alphabet firmiert). Technologiewerte machen mehr als ein Viertel des gesamten Index’ aus und sie sind für einen sehr großen Teil des Anstiegs verantwortlich. Die Netflix-Aktie ist 2018 um 83 Prozent, Amazon um 68 Prozent, Apple um 29 Prozent und Alphabet um 18 Prozent gestiegen. Einzig Facebook hat nicht zugelegt. Dafür hatte ein weiterer Technologiewert ein gutes Jahr: Microsoft-Aktien haben sich um 30 Prozent verteuert. Im Umkehrschluss heißt dies, dass die meisten anderen Firmen im S & P-500-Index kaum zugelegt haben oder sogar sinkende Kurse verzeichneten.

Wie es mit dem Bullenmarkt weitergeht, ist unklar. Für ein baldiges Ende sprechen wirtschaftliche und politische Krisen rund um die Welt: Mehrere Schwellenländer stecken in einer Schulden- und Währungskrise: Der argentinische Peso und die türkische Lira haben mehr als 40 Prozent ihres Werts eingebüßt, der brasilianische Real 20 Prozent. Der Handelskrieg zwischen den USA und China wird immer dramatischer (siehe Seite 23). Auch die Lage im Mittleren Osten ist volatil: Saudi-Arabien und der Iran tragen ihre Rivalität in Stellvertreterkriegen im Jemen und in Syrien aus. Zudem treten demnächst neue US-Sanktionen gegen den Iran in Kraft, da Trump das Atomabkommen mit dem Land aufgekündigt hat. Immer härteren Sanktionen unterliegt auch Russland, was sich auch im Rubelkurs zeigt. Dieser ist seit Jahresbeginn um 15 Prozent gefallen.

Ist der Boom nur ein Strohfeuer?

Auffällig ist auch, dass sich die Börsenrally auf die USA beschränkt. Der Eurostoxx-50-Index für europäische Aktien ist seit Jahresbeginn marginal gefallen und der Index der Börse in Schanghai hat 18 Prozent eingebüßt. Diese Abkopplung lässt sich einerseits mit der Bedeutung der FAANGs für den US-Index und mit dem Handelskrieg erklären. Andererseits könnte sie aber auch auf etwas anderes hindeuten: Der US-Markt profitiert von einem Strohfeuer aus Aktienrückkäufen und Schulden. Doch selbst wenn letzteres zutrifft, kann der Bullenmarkt noch lange weitergehen. Am besten hält man sich als Anleger daher wohl an einen Satz von Robert Subbaraman, Chef-Ökonom der japanischen Bank Nomura: "Genieße die Party, aber bleib nah bei der Tür."