Venezuelas verzweifelter Kampf gegen die Nullen

Tobias Käufer

Von Tobias Käufer

Di, 21. August 2018

Wirtschaft

Das südamerikanische Land versucht sich an einer Währungsreform, doch die katastrophale Wirtschaftspolitik birgt kaum Hoffnung auf eine Besserung der Lage.

CARACAS/BOGOTA. Präsident Nicolas Maduro kündigt eine Währungsreform an. Wieder einmal soll alles besser werden. Millionen Venezolaner haben ihre Entscheidung längst gefällt und sind geflohen.

Aus dem "starken Bolivar" wird ein "souveräner Bolivar". So zumindest hat es Venezuelas sozialistischer Staatspräsident Nicolas Maduro versprochen. Quasi über Nacht werden wegen der astronomischen Inflation fünf Nullen auf den Geldscheinen verschwinden. Ob genügend neue Geldscheine gedruckt wurden, wird sich zeigen. Auch Papier ist in dem südamerikanischen Land Mangelware. Bislang kostete eine Flasche Mineralwasser beispielsweise zwei Millionen Bolivar, allerdings bekamen die Venezolaner bei den Banken nur maximal 500 000 Bolivar auf einmal ausgezahlt. Und der monatliche Mindestlohn reichte gerade einmal für ein Stück Butter.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Venezolaner eine solche Währungsreform erleben. Schon der inzwischen verstorbene Revolutionsführer Hugo Chavez griff zu diesem Trick, die Symptome zu bekämpfen, nicht aber die Ursachen. "Venezuela stehen die besten Jahre bevor", versprach Nicolas Maduro im Präsidentschaftskampf vor einigen Monaten, zu dem seine schärfsten Rivalen allerdings nicht zugelassen waren. Er versucht sich an Wirtschaftsreformen.

Venezuelas Wirtschaft – oder besser gesagt – das, was von ihr übrig geblieben ist, befindet sich seit Jahren im freien Fall. In den ersten Jahren des Chavismus, wie die Ära seit Beginn der Machtübernahme des Chavez-Lagers genannt wird, profitierte das Regime vom hohen Ölpreis. Venezuela lebte über seine Verhältnisse, schlimmer noch: Es erklärte den Unternehmern im eigenen Land den Krieg. Branche für Branche, Unternehmen für Unternehmen wurde verstaatlicht, kompetente Führungskräfte durch loyale, aber ahnungslose Parteibuchträger ersetzt. Am schlimmsten erwischte es die Ölindustrie. Der staatliche Erdölkonzern PDSVA entließ kritische Mitarbeiter und stürzte ab.

Die Raffinerien sind inzwischen in einem katastrophalen Zustand. Trotzdem verschenkte Venezuela den Sprit an seine Bevölkerung, was nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch katastrophale Auswirkungen hat. Künftig sollen die Venezolaner nun für den Sprit bezahlen. Der Streit um die Benzinpreise spülte 1999 Chavez an die Macht. Für Dienstag hat die Opposition nun ihrerseits zu einem Generalstreik aufgerufen.

Hinzu kamen Entscheidungen wie die Einführung von "gerechten Preisen", mit denen die Regierung die Inflation stoppen wollte. Die Preise für die noch in Venezuela hergestellten Produkte wurden so vom Staat festgelegt. "Preisspitzel" kontrollierten in den Supermärkten die Einhaltung der vorgegebenen Preise, bei Zuwiderhandlungen droht den Händlern die Verhaftung. Weil durch die Inflation die Kosten für die Produktion schneller stiegen als die "gerechten Preise" festgelegt werden konnten, standen die Händler vor dem Ruin. Das Ergebnis ist eine fast vollständig zusammengebrochene Produktion. Lange konnte das Land diesen Makel durch die überschüssigen Öleinnahmen ausgleichen, aber seit der Ölpreis sank, fehlt das Geld für teure Importe von Lebensmitteln und Medikamenten. Dafür blüht der Schwarzmarkt.

Millionen Venezolaner verlassen das Land

Nach Angaben der Vereinten Nationen haben mehr als 2,3 Millionen Menschen das Land verlassen. Die Mehrheit der Venezolaner glaubt nicht mehr an die Versprechungen des Regimes. Allein nach Ecuador reisten in diesem Jahr rund 570 000 Venezolaner ein. Kolumbien, wie Brasilien direkter Nachbar Venezuelas, trägt die Hauptlast der Fluchtbewegung, rund eine Million Venezolaner flüchteten bereits über die Grenze. In Brasilien kam es am Wochenende zu schweren Ausschreitungen. Der Mob machte Jagd auf die Flüchtlinge in der Grenzstadt Pacaraima. Rund 1200 Venezolaner flohen zurück in ihre Heimat.