Währungen auf Talfahrt

Jürgen Gottschlich und dpa

Von Jürgen Gottschlich & dpa

Fr, 31. August 2018

Wirtschaft

Türkische Lira gibt weiter nach – EU erwägt Hilfen / Argentinischer Peso rutscht auf Allzeittief.

FRANKFURT. Die Wirtschaftskrise in der Türkei verschärft sich zusehends. Auch andere Schwellenländer geraten wegen hausgemachter Probleme und der Stärke des US-Dollars stärker unter Druck. Am Donnerstag rutschten die Währungen von Indien und Argentinien im Handel mit dem US-Dollar auf neue Rekordtiefs. Der Kurs der türkischen Lira blieb nicht weit entfernt vom Rekordtief, das am 13. August bei 7,2362 Lira für einen Dollar erreicht worden war.

Analysten gehen davon aus, dass für türkische Banken die Schmerzgrenze bei sieben Lira für einen Dollar erreicht ist und sie möglicherweise ihre Devisenschulden dann nicht mehr begleichen können. "Dass die türkische Lira weiter abwertet, war leicht vorhersagbar", so Devisenexperte Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. Seiner Einschätzung nach ist keines der Probleme gelöst, die zu der beschleunigten Abwertung geführt haben. Die Experten sind sich einig, dass nur eine konsequente Zinserhöhung durch die türkische Zentralbank den Wertverfall der Währung stoppen könnte. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan lehnt das aber bisher ab.

Während die türkische Regierung und allen voran Finanzminister Berat Albayrak immer wieder behaupten, es gäbe keine wirklichen Risiken für die türkische Ökonomie, sind die Bundesregierung, die französische Regierung und die zuständigen Experten in Brüssel längst alarmiert. Nach einem Treffen mit seinem türkischen Kollegen Albayrak am Montag in Paris sagte der französische Finanzminister Bruno Le Maire, es sei "ganz wichtig", die Türkei zu unterstützen. Gegenüber dem Wall Street Journal hatte ein deutscher Offizieller, der nicht namentlich genannt werden wollte, vor zwei Tagen gesagt: "Wir sind bereit, eine Menge zu tun, um die Türkei zu stabilisieren. Wir haben gar keine andere Wahl". Offiziell dementiert die Bundesregierung, doch nach Informationen des Wall Street Journals diskutiert Finanzminister Olaf Scholz mit seinem türkischen Kollegen bereits konkrete Hilfen. Bevor Erdogan am 28. September nach Berlin kommt, will sich Scholz mit Albayrak treffen.

Allerdings vertritt Berlin die Auffassung, Ankara müsse sich auch an den Internationalen Währungsfonds (IWF) wenden und könne nicht nur auf Europa hoffen. Das lehnt Erdogan jedoch strikt ab. In Brüssel wird darüber nachgedacht, ob die Europäische Investment Bank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung "projektgebunden" einspringen könnten. Merkel hat angekündigt, die EU könne die nach dem Putschversuch 2016 auf Eis gelegten Gespräche über eine Ausweitung der Zollunion mit der Türkei wieder aufnehmen.

Während die Lira ein neues Rekordtief nur knapp verpasste, rutschte die Währung Argentiniens auf ein Allzeittief. Für einen US-Dollar mussten rund 34 Peso gezahlt werden, und damit so viel wie noch nie. In dem südamerikanischen Schwellenland spitzt sich die Währungskrise weiter zu. Die Notenbank reagierte und hob der Leitzins für einwöchiges Zentralbankgeld um 15 Prozentpunkte auf 60 Prozent drastisch an. Der Internationale Währungsfonds prüft nach einer Bitte der Regierung in Buenos Aires eine vorzeitige Auszahlung milliardenschwerer Finanzhilfen. Etwa zeitgleich erreichte die indische Rupie ein neues Rekordtief im Handel mit dem Dollar. Generell leiden Währungen von Schwellenländern darunter, dass Investoren Geld abziehen und es dank steigender Zinsen in den USA anlegen. Hinzu kommen interne Probleme wie die politischen Skandale in Südafrika. Der Kurs des südafrikanischen Rands rutschte zuletzt ebenfalls weiter ab.