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21. August 2015

Der Park mutiert zum öffentlichen Acker

Der Verzehr von Obst und Gemüse aus der Stadt wird immer populärer.

  1. Auch in der Stadt zu finden: die Mirabelle Foto: DPA

BERLIN. Mirabellen, Pflaumen, Kirschen – in jeder Stadt stehen Bäume, deren Früchte verkommen, weil sie keiner erntet. Forschungsministerin Wanka will das jetzt ändern. Eine Ökotoxikologin sagt jedoch: "Waschen Sie das Obst gründlich!"

CDU-Bundesforschungsministerin Johanna Wanka ist diese Woche in den Britzer Gärten, einem Berliner Park, mit ihren hochhackigen Pumps extra auf eine Leiter gestiegen: Sie hat Kirschpflaumen gepflückt und gegessen.

Grund für den Ausflug in die Botanik: Wanka fördert dieses Jahr den Verein Mundraub. Der organisiert die Ernte von Früchten, die am Straßenrand oder in Parks an Sträuchern und Bäumen hängen und dort irgendwann verfaulen würden, weil sie vergessen werden. Auf der Internetseite kann jeder seine Fundorte für Obst, Kräuter und Nüsse eintragen. Das sind bisher allein für Augsburg 131, für Düsseldorf 155, rund um Freiburg mehr als 100. Die Mundräuber machen Ernteradtouren und Erntecamps. Dann pflücken sie mit Unterstützung der Gemeinden tonnenweise Äpfel oder Pflaumen. Ihre Internetplattform wird von 30 000 Menschen genutzt.

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Das Obst sei frisch, sagt Wanka: "Ein bisschen ist es so wie früher." Als Kind – Wanka wuchs auf einem Bauernhof in einem nordsächsischen Dorf auf – habe sie sich immer Kirschen von Bäumen an der Straße geholt. Aber der Mundraub, Wanka nennt es lieber die Stadternte, sei nicht rückwärtsgewandt, sondern Zukunft. Dahinter stecke die Frage "Wie will ich in der Stadt leben?".

Äpfel vom Baum zu pflücken – Mundraub-Gründer Kai Gildhorn hält das für einen Glücksbringer, der "unserem archaischen Sammlertrieb" entspreche. Die Zielsetzungen des Vereins deckten sich aber auch mit dem Bestreben, dass sich die Stadt selbst ernährt. Das nennt sich dann Urban Gardening oder Urban Farming.

Diese Rückkehr der landwirtschaftlichen Produktion in die Stadt sei vielerorts zu beobachten, sagt Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Im Schnitt hat jeder Deutsche allein im vergangenen Jahr laut dem Industrieverband Garten gut 220 Euro fürs Gärtnern ausgegeben. Habbel meint allerdings nicht die abgeschirmten Schrebergärten – eher Städte wie Andernach in Rheinland-Pfalz.

Die Andernacher Stadtverwaltung hat die Blumenrabatten in öffentlichen Parks umgraben lassen und Obst und Gemüse angebaut. Gärtnern und ernten darf jeder. Andernach habe den Begriff "essbare Stadt" geprägt, meint Habbel, "das ging um die ganze Welt". Bürgermeister riefen an und fragten, wie viel Vandalismus es auf dem öffentlichen Acker gebe? Die Antwort: keinen.

Ist das Obst und Gemüse aus der Stadt gesund? Ina Säumel ist Ökotoxikologin an der TU Berlin. Sie sagt, beim Obst gebe es keine Bedenken. Sie empfiehlt aber "Waschen Sie das Obst gründlich!" Etwas anders sieht das beim Gemüse aus: In 52 Prozent der Fälle war der EU-Grenzwert für Blei in Lebensmitteln überschritten, wenn es keine Barriere wie eine Hecke zwischen Beet und Straße gab. "Pflanzen Sie möglichst entfernt von verkehrsreichen Straßen!", sagt die Expertin. "Jeder Meter zählt." Auch würden Mulchschichten oder Pflanzenfolie helfen, notfalls solle man Container oder Hochbeete nutzen. Fruchtgemüse wie Tomaten, Bohnen, Gurken oder Kürbis reicherten weniger Schadstoffe an als Wurzel- und Blattgemüse. Würde man diese Hinweise beachten, spreche nichts gegen den Verzehr von selbst angebautem Obst und Gemüse in der Stadt.

Eine Übersicht über Obst- und Gemüsefundorte finden Sie unter http://mundraub.org/map

Autor: Hanna Gersmann