Windiges Niedersachsen

Hermannus Pfeiffer

Von Hermannus Pfeiffer

Do, 12. Oktober 2017

Wirtschaft

Autoindustrie, regionale Nahrungsmittel und Streit um die Windkraft – im Norden geht es um ähnliche Probleme wie im Südwesten.

HAMBURG. Niedersachsen ist nicht Baden-Württemberg. Doch manches Problem im hohen Norden hat mehr mit dem Süden zu tun als manchem lieb ist. So ist die Nordseeküste bereits mit Windrädern derart zugepflastert, wie mancher Skeptiker es für den Schwarzwald befürchtet. Ein Überblick über die Wirtschaft des Bundeslandes, in dem die Bürger am Sonntag ein neues Landesparlament wählen.

Rekordhalter ist das Dorf Roggenstede in Ostfriesland. Hier leben etwa 200 Menschen – und drehen sich mehr als 200 Windmühlen. Bürger leiden unter tieffrequentem Lärm und Vibrationen oder ärgern sich über die Industrialisierung der Landschaft am Nationalpark Wattenmeer. Möglich geworden sei diese "Verspargelung" durch einen Filz aus Lokalpolitikern, örtlichen und überregionalen Betreibern sowie Bauern, sagten Kritiker. Die kassierten hohe Pachtgebühren von den Betreibern.

Die Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion im Landtag lenkte Wasser auf die Mühlen der Skeptiker. Danach kalkulierten Prognosen zum Lärm von Windrädern mit 30 Meter hohen Anlagen. In Wirklichkeit haben genehmigte Windkraftanlagen aber eine Nabenhöhe von 140 Metern und mehr. Befürworter hingegen verweisen auf Klimawandel und Energiewende – und auf die Arbeitsplätze bei Enercon.

Enercon ist an der Küste neben VW der größte Arbeitgeber. Mehr als 10 000 Menschen beschäftigt das Weltunternehmen in über 20 Ländern. Der vom Ingenieur Aloys Wobben vor dreißig Jahren in Aurich gegründete Konzern sieht sich als "deutscher Markt- und Technologieführer". Enercon-Mühlen erzeugen denn auch im Schwarzwald Strom.

Wobben wird in Ostfriesland von Gewerkschaftern nachgesagt, mit seinen Leuten gerne mal ruppig umzugehen. Einen ruppigen Umgang mit seinen Beschäftigten sagt man dem VW-Konzern nicht nach. Gerupft wird Volkswagen aber vom hausgemachten Dieselskandal, der Milliarden Euro kostet und noch mehr Ansehen.

250 000 Industriearbeitsplätze zwischen Nordsee und Harz hängen an der Autoindustrie – Dimensionen wie in Baden-Württemberg. Der Unterschied: Das VW-Gesetz sichert seit den 1960er-Jahren der öffentlichen Hand entscheidenden Einfluss. Das Land hat sogar ein Vetorecht, und Ministerpräsident Weil und sein Wirtschaftsminister sitzen im Aufsichtsrat.

In dem Land mit acht Millionen Einwohnern (Baden-Württemberg: elf Millionen) wird wenig über diese Staatsbeteiligung gestritten. Sieht man sie doch als Grund für den recht breiten Wohlstand, selbst in abgelegenen Regionen. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 265 Milliarden Euro liegt Niedersachsen gleichauf mit Hessen (Baden-Württemberg: 480 Milliarden). Die Landesbank Nord-LB lobt in einer Studie die niedrige Arbeitslosigkeit im Land, das niedrige Staatsdefizit und bemängelt die niedrigen öffentlichen Investitionen.

Früher wuchs der Wohlstand des Landes vornehmlich in der Landwirtschaft und der Fischerei. Krabbenfischer sind an der stürmischen Küste für den Tourismus immer noch wichtig. Doch die großflächige Getreideproduktion und die Milchwirtschaft machen nur noch wenige Bauern reich. Nur an der Grenze zu den Niederlanden boomt die Agrarwirtschaft. Hier am Rande der Republik wuchsen Tiermast, Schlachtung und Fleischexport zu einem wirtschaftlichen Erfolgsmodell heran, das gewaltige Schattenseiten hat.

100 000 neue Hähnchenmastplätze in Lohe, 3000 Schweinemastplätze in Groß Hesepe und Legehennenaufzuchtställe mit 84 000 Plätzen in Sustrum – das sind laut Naturschutzbund Nabu allein die aktuell laufenden Genehmigungsverfahren. Nirgendwo sonst in der Republik ist der Bestand an Hühnern und Schweinen dichter. Mittlerweile reicht der Schweinegürtel weit über das Emsland hinaus. Tiermast braucht riesige Flächen, um die Gülle ordnungsgemäß zu entsorgen, von der Nitratbelastung des Grundwassers ganz zu schweigen. Täglich werden hier Hunderttausende Hühner und Schweine in riesigen Schlachthöfen getötet, zerlegt und in alle Welt ausgeliefert. Auch in den Schwarzwald. Dort werden die niedersächsischen Schinken gewürzt, geräuchert und erhalten das Siegel "geschützte geografische Angabe" als Schwarzwälder Schinken.

Umstritten sind in Niedersachsen zwei große öffentliche Investitionen. Damit die bereits 1795 gegründete, in Familienbesitz befindliche Meyer Werft ihre immer gigantischer werdenden Kreuzfahrtschiffe von Papenburg in die Nordsee überführen kann, wurde und wird in den Lauf des Flusses Ems ständig regulierend eingegriffen.

Während der Bau von Traumschiffen tief im Binnenland – Stückpreis bis zu einer Milliarde Euro – Abertausende gut bezahlte Jobs sichert, wirkt der immer noch wie neu aussehende Jade-Weser-Port oft tagelang wie ausgestorben. Professor Rudolf Hickel vom Institut für Arbeit und Wirtschaft in Bremen glaubt unverdrossen an "eine absehbare Erfolgsstory" für den einzigen deutschen Tiefwasserhafen. Doch die Reeder lassen ihre Schiffe bislang lieber Hamburg mit seiner gewachsenen Infrastruktur ansteuern. Nach Volkswagen ist der Hamburger Hafen für Niedersachsen der zweitgrößte Jobmotor – obwohl er gar nicht in dem Bundesland liegt.