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30. Juli 2009 09:55 Uhr

Interview

Arbeitsmarkt in Südbaden: "2010 wird ein schwieriges Jahr"

Der Arbeitsmarkt in den südbadischen Industrieregionen wird härter von der Rezession getroffen als andere Gegenden der Republik. Bis 2010 wird sich nach Einschätzung von Experten die Lage verschärfen.

  1. Die Arbeitsagenturen in Südbaden können sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen. Foto: ddp

  2. Bärbel Höltzen-Schoh. Foto: ZVG

Mit Bärbel Höltzen-Schoh, der Leiterin der Arbeitsagenturen Offenburg und Freiburg, sprach Ronny Gert Bürckholdt.

BZ: Frau Höltzen-Schoh, wird Südbadens Arbeitsmarkt von der Rezession härter getroffen als andere Gegenden des Landes?

Höltzen-Schoh: In Norddeutschland, wo ich herkomme, fragen viele: Was jammert ihr im Süden eigentlich, bei nur fünf Prozent Arbeitslosen? Das sollte man so aber nicht sehen. Wir sind im vergangenen Aufschwung in einigen Gegenden, zum Beispiel im Elztal und in der Ortenau, mit der Arbeitslosigkeit auf 0,8 Prozent heruntergekommen. Weiter herunter ging es dort kaum mehr. Falls es überhaupt gelang, dauerte es ewig, offene Stellen zu besetzen. Wir haben Teams abgestellt, die nichts anderes taten, als bundesweit hochqualifizierten Bewerbern nachzutelefonieren. Es gab zum Beispiel für eine offene Stelle eines Elektrotechnikers 0,3 Bewerber. Auch in anderen Branchen und Gemeinden gab es Vollbeschäftigung. Nun aber ist es innerhalb weniger Monate in einigen Gemeinden mit der Arbeitslosigkeit von 0,8 auf drei Prozent hochgegangen. Das ist ein richtiger Schub, was vor allem für die Gegenden mit starker Industrie wie die Ortenau und die Region Emmendingen gilt. Ohne die Kurzarbeit wäre der Schub weit kräftiger gewesen. Dort gibt es Unternehmen, etwa Autozulieferer, die im vergangenen Jahr noch ein Auftragspolster hatten, das für vier, fünf, sechs Monate reichte; heute dagegen für 14 Tage. Weniger betroffen ist der Arbeitsmarkt in Freiburg, wo es die Universität als Arbeitgeber gibt und viele Dienstleister, die nicht so abhängig vom Weltmarkt sind. In anderen Regionen Deutschlands, also zum Beispiel im Norden, wo die Arbeitslosigkeit vor der Krise schon höher war, geht es dagegen nicht mehr so stark nach oben.

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BZ: Was kommt auf den Arbeitsmarkt der Region noch zu?

Höltzen-Schoh: Aus den Unternehmen des exportorientierten Maschinenbaus bekommen wir keine Nachrichten, dass sie derzeit mehr Aufträge bekommen. In der Autobranche bringt die Abwrackprämie einen positiven Effekt, der aber nur bis zum Jahresende wirkt. Was passiert dann? 2010 wird ein schwieriges Jahr, auch für uns. Viele Betriebe werden Umstrukturierungen durchführen. Wir erwarten, dass die Arbeitslosigkeit im Winter und im Frühjahr deutlich steigt.

BZ: Wie hilft die staatlich geförderte Kurzarbeit, abgesehen davon, dass die Arbeitslosenstatistik im Wahljahr besser aussieht als die Lage tatsächlich ist?

Höltzen-Schoh: Aus Sicht der Betroffenen meinen manche – ob Kurzarbeit oder Arbeitslosengeld I; das mache keinen großen Unterschied, weil jemand in Kurzarbeit trotz Arbeit nicht mehr Geld bekomme als wenn er arbeitslos wäre. Erstens stimmt das nicht ganz. Zweitens wissen viele Betroffene, dass es besser für sie ist, auf der Gehaltsliste des Unternehmens zu bleiben als auf unserer zu stehen. Für die Unter-50-Jährigen droht nach zwölf Monaten das Arbeitslosengeld II. Viele Menschen empfinden das so, als liefen sie in dieser Zeit auf eine Wand zu. Die Menschen fangen im Arbeitslosengeld I sofort an zu sparen und empfinden Druck. Das würde – im großen Stil – die Stimmung im Land und den Handel sehr belasten. Die Kurzarbeit ist aus diesem Grund selbst für die Menschen eine gute Sache, die 2010 entlassen werden müssten. Dann erst beginnen die zwölf Monate Arbeitslosengeld I zu laufen. Das kann reichen, um in dieser Zeit neue Arbeit zu finden, wenn die Wirtschaft 2011 wieder besser läuft.

BZ: Die Bundesregierung hat das Kurzarbeitergeld auf maximal 24 Monate verlängert. Wird das helfen?

Höltzen-Schoh: Das kann dem einen oder anderen Unternehmen helfen. Aber ein Allheilmittel ist es nicht. Nach einem Jahr Kurzarbeit sollte ein Unternehmen schon wissen, ob es die Kurve kriegt oder nicht. Wir haben bei der Bewertung das Problem, dass wir weder Erfahrungen mit Kurzarbeit in diesem Ausmaß wie heute haben noch mit der Dauer von bis zu zwei Jahren. Was wir aber feststellen ist, dass sich ein großer Sockel an Kurzarbeitern gebildet hat und jetzt deutlich weniger neue hinzukommen als in den vergangenen Monaten.

BZ: Unternehmen können in der Kurzarbeit ihre Mitarbeiter weiterbilden. Wird das Angebot genutzt?

Höltzen-Schoh: Sehr unterschiedlich. Unternehmen, die seit jeher eine ausgeprägte Lernkultur pflegen, haben auch hier positiv reagiert, die anderen eher verhalten. Aber sicherlich haben zahlreiche Unternehmen dieses Angebot auch deshalb angenommen, weil die Arbeitsagentur in diesen Fällen die Sozialabgaben übernommen hat. Das sollte man nicht schönreden. Nach einer Neuregelung des Gesetzes übernimmt nun die Arbeitsagentur ab dem siebten Monat der Kurzarbeit die Sozialabgaben auch, wenn nicht weitergebildet wird. Das halte ich für einen Verlust.

BZ: Trotz der Wirtschaftskrise – wo gibt es denn noch freie Stellen?

Höltzen-Schoh: Auf dem Arbeitsmarkt ist mehr Bewegung, als man gemeinhin annimmt. Selbst in den kritischen Branchen wird noch hier und dort eingestellt. Wer 2008 einen Ingenieur gesucht hat, aber keinen fand, hat nun sogar eine Auswahl. Im Handwerk merken wir keinen Einbruch – auch dank der Konjunkturprogramme . Wie früher sind auch Stellen offen, die nicht besonders beliebt sind, im Handel, in der Pflege, in der Erziehung, in Hotels und Gaststätten zum Beispiel. Daran hat die Krise nichts geändert. Das hat auch damit zu tun, dass in diesen Branchen zu wenig ausgebildet wurde, nicht, weil dies die Unternehmen nicht wollten, sondern, weil die Jugendlichen das nicht wollten.

BZ: Sind viele Arbeitslose nicht flexibel genug, um sich jetzt für Branchen mit vielen offenen Stellen zu entscheiden?

Höltzen-Schoh: Einige durchaus. Das hat viele Gründe. Nicht jeder ist für einen Pflegeberuf geeignet. Und viele dieser Dienstleistungsberufe sind nicht gerade gut bezahlt, gerade aus Sicht derer, die zuvor viel verdient haben. Sie müssten eine finanzielle Schmerzgrenze überschreite.

BZ: Wozu viele nicht bereit sind?

Höltzen-Schoh: Für einige gilt das. Wer früher als Hochqualifizierter viel verdient hat, für den liegt das Einkommen in diesen Berufen in der Höhe seines Arbeitslosengeldes I. Dieses Problem ist nicht so leicht zu lösen.

BZ: Inwieweit haben Sie als Behörde, die Gesetze ausführt, unter den heute außergewöhnlichen Bedingungen die Möglichkeit, frei mit außergewöhnlichen Maßnahmen zu reagieren?

Höltzen-Schoh: Damit haben wir keine Probleme. Wir haben unseren Haushalt. Dazu gehört ein Innovationstopf, über dessen Verwendung wir entscheiden.

BZ: Sie können in Freiburg oder in Offenburg eigene Programme auflegen?

Höltzen-Schoh: Ja. Wir machen etwa in Freiburg Arbeitslosen mehr Angebote, sich weiterzubilden und nebenbei in der Praxis Erfahrungen zu sammeln.

BZ: Sorgen diese neuen Programme dafür, dass in der Statistik weniger Arbeitslose ausgewiesen werden?

Höltzen-Schoh: Das ist in der Tat so. Wenn wir uns den aktuellen Arbeitsmarkbericht für Freiburg (der heute veröffentlicht wird – d. Red.) anschauen, dann könnten wir öffentlich in Jubel ausbrechen und sagen, wir haben die Arbeitslosigkeit reduziert. Die Zahl ist zwar zurückgegangen. Das ist aber kein konjunktureller Effekt, sondern stark bemerkbar machen sich etwa 200 mehr Teilnehmer in Fortbildungsmaßnahmen.

Autor: Ronny Gert Bürckholdt