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02. Februar 2011 19:57 Uhr

BZ-Interview

Roche steigert Gewinn – und baut trotzdem Arbeitsplätze ab

Der Pharmakonzern Roche hat wieder einen Milliardengewinnerwirtschaftet. Trotzdem will der Pharmakonzern weltweit 4800 Stellen streichen – auch in Basel. Wie passt das zusammen? Wir haben nachgehakt.

BASEL. Roche will weltweit 4800 Stellen streichen – das entspricht etwa sechs Prozent der aktuellen Belegschaft. Am Standort Basel, zu dem der Stammsitz in Kleinbasel und das Werk Kaiseraugst zusammengefasst sind, sollen mehr als 450 der derzeit 8800 Stellen entfallen. Michael Baas hat Standortleiter Matthias Baltisberger anlässlich der Bilanz 2010 zum Stellenabbau und der Zukunft von Roche in der Region befragt.

BZ: Die Zahlen sind gut. Dennoch will Roche weltweit 4800 Stellen abbauen. Wie passt das zusammen?
Baltisberger: Bei dem Programm Operational Excellence, das Sie ansprechen, geht es nicht einfach um eine Sparübung, die eine Delle ausbügeln soll; vielmehr wollen wir die gesamte Kostenstruktur des Unternehmens neu aufstellen, um Roche effizienter und effektiver zu machen. Grundidee ist es, Aufgaben, die nicht zum Kernbereich gehören, auf- oder abzugeben. Damit fallen leider auch die entsprechenden Stellen weg. Aber wir haben für die Betroffenen einen sehr guten Sozialplan ausgearbeitet.

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BZ: Das ist die Philosophie des Programms. Aber wie passt das zum Geschäftsergebnis?
Baltisberger: Bei Operational Excellence geht es um die Zukunftsfähigkeit der Roche und damit gleichzeitig um weltweit etwa 80 000 Mitarbeitende. In deren Interesse müssen wir Roche so ausrichten, dass das Unternehmen auch morgen weiterhin erfolgreich sein kann.

BZ: In Basel stehen rund 450 Stellen auf der Streichliste. Das verunsichert die Belegschaft. Nehmen Sie das wahr?
Baltisberger: Brutto fallen vor Ort exakt 460 Stellen weg, im Gegenzug werden aber rund 110 von anderen Standorten nach Basel verlegt, so dass wir hier netto 350 Stellen weniger haben. Aber richtig ist, wir reden in Basel mit 460 Betroffenen über ihren Abgang. Natürlich löst diese Initiative in jedem Einzelfall hohe Betroffenheit aus. Wir sind uns bewusst darüber, dass jeder Einzelne einst zu Roche gekommen ist. Wir wissen, dass wir die Leute an Bord geholt haben und ihnen eine Zukunft in Aussicht gestellt haben. Deshalb setzen wir alles daran eine gute Lösung für die betroffenen Mitarbeitenden zu finden.

BZ: Wie setzt der Konzern das um?
Baltisberger:
Wir starten das Programm aus einer Position der Stärke, anstatt zu warten, bis die Situation für das Unternehmen schwieriger ist. So haben wir Freiraum einen Sozialplan anzubieten, der fair ist und sehr tragfähig für die Betroffenen ist.

BZ: Das heißt aber auch, dass Sie davon ausgehen, den Abbau nicht über Fluktuation zu bewältigen. Es gibt in Basel und Kaiseraugst definitiv Entlassungen!
Baltisberger: Alles andere wäre unehrlich. So eine große Zahl können wir im vorgegebenen Zeitfenster nicht über Fluktuation abdecken. Die normale Fluktuation von drei Prozent in Basel und Kaiseraugst entspricht etwa 240 bis 250 Stellen im Jahr. Im Gegenzug haben wir in den vergangenen Jahren im Schnitt zwar zwischen 200 und 300 Stellen aufgebaut. Ende Dezember hatten wir zudem 140 Stellen offen. Das ließe sich rein nach Zahlen in ein Verhältnis setzen. Aber das Profil entfallender und offener Stellen ist nicht so leicht zur Deckung zu bringen.

BZ: Ist dieses Programm auch eine Folge der teuren Genentech-Übernahme?
Baltisberger: Da gibt es keinen Zusammenhang. Sie müssen sehen, wo wir herkommen. Roche hat die letzten Jahre eine sehr gute Entwicklung gehabt. Man muss dann aber auch selbstkritisch sein wenn die Luft mal dünner wird. Natürlich ist das schwierig zu vermitteln.

BZ: Was bedeutet die Übernahme eines so großen US-Unternehmens wie Genentech für den Standort und Hauptsitz Basel: Verschieben sich Gewichte gen USA?
Baltisberger: Entscheidend ist die Frage, welche Tätigkeiten ein Standort bedienen soll. Basel/Kaiseraugst ist für Roche nicht nur ein sehr großer Standort; hier ist die gesamte Wertschöpfungskette – Forschung, Entwicklung, Produktion und Vermarktung – angesiedelt, und sie ist vollkommen intakt. Sobald wir ein Glied aus dieser Kette lösen, wird die gesamte Kette schwächer. Für mich ist hinsichtlich der Standortqualität entscheidend, dass diese Wertschöpfungskette erhalten bleibt. Das gilt bis heute, und wir sind mit dem Standort Basel gut zufrieden. Richtig ist aber auch, dass Tätigkeiten, die keine so hohe Wertschöpfung haben, perspektivisch an andere Standorte wandern werden – zum Beispiel das Dokumenten-Management. Aber das sind Randbereiche.

SCHWIERIGERE ZEITEN
Roche stellt sich nach einem nur leichten Gewinnanstieg im abgelaufenen Geschäftsjahr auf schwierigere Zeiten ein. 2011 soll der Umsatz für die Gruppe und die Pharmasparte in lokalen Währungen im unteren einstelligen Prozentbereich steigen, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Als Gründe nannte der Konzern die Gesundheitsreform in den USA sowie europäische Sparmaßnahmen. Roche ist im Gegensatz zu Konkurrenten wie dem amerikanischen Konzern Pfizer zwar weniger von Patentabläufen für umsatzstarke Medikamente betroffen, dafür aber von den Sparbemühungen verschiedener Regierungen. Diese wollen nicht mehr so viel für teure Medikamente ausgeben. Fortschritte sieht Roche-Chef Severin Schwan bei der personalisierten Medizin.
Unter personalisierter Medizin versteht man Medikamente, die genau auf einen einzelnen Patienten abgestimmt sind. Jeder Körper reagiert nämlich unterschiedlich auf Arzneien. Sechs der zwölf neuen Wirkstoffe können mit Hilfe von Roche-Untersuchungstechniken (Diagnostika) auf Patienten genau zugeschnitten werden.

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Autor: Michael Baas, dpa/sda/bkr


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