Alibaba-Gründer tritt kürzer

Finn Mayer-Kuckuk

Von Finn Mayer-Kuckuk

Di, 11. September 2018

Wirtschaft

Der Druck der kommunistischen Partei auf Firmenchef Jack Ma wächst.

PEKING. Das Muster ist von anderen Milliardären bekannt: Sie ziehen sich aus ihren Firmen zurück und überlassen das Tagesgeschäft den angestellten Management-Profis. So hat es Microsoft-Gründer Bill Gates gemacht, oder Howard Schultz, der die Kaffeekette Starbucks groß gemacht hat. Nun hat auch Jack Ma den Fahrplan für seinen Ausstieg verkündet, der Gründer des chinesischen Internetkonzerns Alibaba. Nur: Er will eigentlich gar nicht aussteigen. Stattdessen plant er den Aufstieg zum übergreifenden Visionär für sein Firmenimperium.

In einer Nachricht an seine Mitarbeiter ließ Ma am Montagvormittag die Bombe platzen: "Kein Unternehmen kann sich ewig auf die Führung durch seine Gründer verlassen", schreibt er. Er wolle im kommenden Jahr den Posten des Präsidenten räumen und in zwei Jahren ganz aus dem Verwaltungsrat ausscheiden. Für die Zeit danach wolle er sich der "Verwirklichung von Träumen" widmen und dem Unternehmen durch die Entwicklung neuer Ideen nützen.

Ma ist bereits seit fünf Jahren nicht mehr Vorstandschef von Alibaba. Schon heute überrascht er immer wieder durch seine Visionen. Er ist überzeugt, dass Online-Kunden künftig direkt beim Hersteller in den Herkunftsländern der Waren bestellen – Händler, Importeure und andere Mittelsmänner gehören damit der Vergangenheit an. Zuletzt sprach er davon, dass Alibaba eine "Firma für alles" sein könnte. Sie könne Banken ersetzen, Reiseanbieter und soziale Medien.

Hinter dem angekündigten Rückzug steckt jedoch mehr als der Wunsch nach Freiheit von den Zwängen einer Führungsrolle. Es war Druck von ganz anderer Seite, der ihm zuletzt immer mehr zu schaffen gemacht hat: Die Führung des Landes wacht wieder eifersüchtig darüber, dass keiner ihrer Untertanen sich außerhalb der ideologischen Leitlinien bewegt. Präsident Xi Jinping fordert dafür ein immer klareres Bekenntnis der Treue zu seiner Person und seiner Politik.

Für Ma stellte sich damit zunehmend die Frage, was zuerst kommt: "Die Pflicht gegenüber den Aktionären an der Wall Street oder Loyalität zum Team Xi?" So drückt es die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei aus. Ma schreckte ursprünglich auch vor Seitenhieben gegen die Politik seines Landes nicht zurück. Einst beschrieb er sein Verhältnis zur Regierung so: "Du kannst sie lieben, aber du solltest sie nicht heiraten." Doch seit Kurzem klingt Ma ganz anders. "In den vergangenen fünf Jahren ist das Geschäftsklima in China unter der Führung der Kommunistischen Partei immer nur großartiger geworden", lobte er sein Land auf einer Technikkonferenz in seiner Heimatprovinz Zhejiang. Zugleich äußert er sich abfällig über die westliche Demokratie und lobte den Einparteienstaat.

Die zunehmende Anpassung ist kein Wunder. Peking hat Ma bisher zwar in Ruhe gelassen, doch in Wirklichkeit ist auch die riesige Firma Alibaba der chinesischen Regierung komplett ausgeliefert. Fast das ganze Geschäftsmodell basiert auf Kunden in China. Es war die Regierung, die Ma durch Regulierung und Abschottung einen Großteil der internationalen Konkurrenz vom Hals gehalten hat. Sie könnte ihm jedoch genauso viele Steine in den Weg legen.

Ein besonderes Problem hat die Form seines milliardenschweren Börsengangs in New York geschaffen. Denn an der Wall Street ist nur eine Gesellschaft auf den Cayman-Inseln notiert, nicht das eigentlich Unternehmen. Die Holding im Steuerparadies in der Karibik darf aus Gründen des chinesischen Außenhandelsrechts keine nennenswerten Anteile an den profitablen Alibaba-Firmen in China besitzen. Die Investoren haben also eine Luftnummer gekauft. Die Regierung in Peking könnte Ma hier riesigen Ärger bereiten, indem sie den ganzen Zauber für illegal erklärt.

Ist Alibaba jetzt ein durch und durch chinesischer Betrieb unter der Fuchtel der KP? Oder ein modern-globales New Yorker Internetunternehmen? Die Antwort ist: beides. Es ist Mas Rolle, diese sehr unterschiedlichen Sichtweisen der gleichen Firma in der Öffentlichkeit glaubwürdig zu verkaufen. Da stört es nur, wenn er in die Niederungen des Alltagsgeschäfts eingebunden ist.