Wohlfühlen im Büro 4.0

Hans Christof Wagner

Von Hans Christof Wagner

So, 16. Dezember 2018

Wirtschaft (regional)

Der Sonntag Der Büromöbelhersteller Sedus aus Dogern will das Sitzen neu erfinden.

Der Trend zum Sitzen hat die Firma groß gemacht. Und der Boom geht weiter, nimmt die Büroarbeit doch weltweit zu. Darüber freut sich das Unternehmen Sedus Stoll, das Tradition mit Modernität kombinieren will, heute zu den zehn größten Büromöbelherstellern Europas zählt und aktuell in neue Bürolandschaften investiert.

Im Ausstellungsraum steht noch ein Exemplar des "Federdreh", des ersten gefederten Drehstuhls mit beweglicher Rückenlehne, den Albert Stoll im Jahr 1925 entwickelte. Er besteht aus Buchenholz, hat keine Räder und berücksichtigte das Thema Ergonomie nur dem Stand der damaligen Zeit entsprechend. "Aber er war für seine Epoche absolut wegweisend", sagt Joachim Sparenberg aus der Unternehmenskommunikation von Sedus Stoll. Und: "Was heute als globaler Standard für Bürodrehstühle gilt – Höhenverstellung der Sitzfläche, Schwenkrollen, Fünf-Fuß-Gestell, dynamische Rückenlehne – all das hat Sedus erfunden."

Aber die Geschichte des Sitzmöbels sei noch nicht zu Ende erzählt. "Wir sind ein innovationsgetriebenes Unternehmen", sagt Sparenberg, und Falk Blümler und Carlo Shayheb, zwei der drei bei Sedus angestellten Designer, nicken. Die drei präsentieren zum Beweis den "se:motion", den ersten Drehstuhl, der ganz ohne Mechanik auskommt und daher vergleichsweise schlank und schlicht wirkt.

"Se:motion" soll die Antwort des Hauses Stoll auf die Herausforderungen des modernen Büroalltages sein: Weil sich immer mehr Angestellte einen Arbeitsplatz teilen – Stichwort: Coworking – muss der Bürostuhl sowohl einer zierlichen Frau als auch einem Zwei-Meter-Mann Bequemlichkeit bieten können. So ist beim neuesten Produkt designed in Dogern eine automatische Gewichtsanpassung integriert. Niemand soll sich noch lange mit der individuellen Einstellung des Stuhles abmühen müssen. Blümler: "Macht sowieso niemand." Die Parole: Gesundes Sitzen für jedermann.

Der neue "se:motion", gerade erst auf der Branchenmesse Orgatec präsentiert, soll jetzt in Serie gehen und unter 300 Euro kosten. "Ideal auch für Start-ups", wirft Shayheb ein und demonstriert eine weitere Besonderheit: herausnehmbare Sitz- und Rückenpolster, die Sedus in den unterschiedlichsten Farben und Designs vorhält.

Auf der Orgatec 2018 in Köln war Sedus mit zwölf neuen Produkten präsent, auch mit einer App, über die jeder Mitarbeiter schon von zuhause sein Sitzmöbel aussuchen kann. Bei Sedus ist man überzeugt: Der Bürostuhl der Zukunft wird einen Chip eingebaut haben. Dieser wird dann ein Profil derer erstellen, die ihn "besessen" haben, und ihre Einstellungen speichern.

Wachstumstreiber bei Sedus sind allerdings nicht die Sitzmöbel: Der aktuelle Quartalsbericht zeigt hier stagnierende Absätze, die im Ausland stärker sind, während sie im Inland sogar zurückgingen. Um rund elf Prozent haben dagegen die Umsätze bei den Systemangeboten zugelegt. Denn längst ist Sedus ein Komplettanbieter für Büro- und Arbeitsplatzkonzepte. Bei Sedus Systems im westfälischen Geseke entstehen auch die "Cubes" – mobile Kleinbüros und Sedus’ Antwort auf den Trend weg vom Großraumbüro und hin zu mehr Privatheit und Intimität. Die Container in verschiedenen Größen sind fertig verkabelt, beleuchtet und klimatisiert, sie können auf Luftkissen schwebend leicht auf- und abgebaut werden, versichert Sparenberg.

Klingt alles sehr modern. Doch Sedus setzt auch auf Tradition und Bodenständigkeit. Es ist noch nicht lange her, als das Unternehmen in Waldshut Schweine und Hühner hielt, um deren Fleisch den Mitarbeitern in der betriebseigenen Kantine mit Vollwertkost aufzutischen. Heute heißt das Betriebsrestaurant "Oase" und serviert noch immer das Bio-Gemüse, das auf den um den Dogerner Firmensitz herum liegenden Ackerflächen heranwächst.

"Jeder zweite Arbeitsplatz auf der Welt ist ein Büroarbeitsplatz, Tendenz steigend", sagt Joachim Sparenberg. Firmen wie Sedus Stoll profitieren davon. Aber nicht nur davon. Auch davon, dass es bei Arbeitgebern heute angekommen sei, dass es nicht reiche, nur Stuhl und Tisch bereitzustellen. Büros müssten "Wohlfühlorte" sein, andernfalls könne man die knapp gewordenen Fachkräfte nicht halten.

Offenbar haben das die Arbeitgeber eingesehen, denn der Branche geht es Sparenberg zufolge gut. So ist auch Sedus von der Orgatec 2018 mit vollen Auftragsbüchern nach Hause gekommen. So ist genug Geld da für den Bau eines "Kompetenzzentrums" in Dogern, das die erst rund zehn Jahre alte frühere Entwicklungsabteilung ablösen soll. 13,5 Millionen Euro fließen in eine neuartige Bürolandschaft, mit der Sedus das "Büro 4.0" schon heute Wirklichkeit werden lassen will.