Interview

Schwarzwald Tourismus will Vermarktung im sozialen Netz ausbauen

Julia Jacob

Von Julia Jacob

Do, 11. Januar 2018 um 21:24 Uhr

Südwest

Der Sonntag Hansjörg Mair, der neue Chef der Schwarzwald Tourismus GmbH, will die Urlaubsregion weiter voranbringen. Dabei setzt der Südtiroler vor allem auf die Vermarktung im sozialen Netz.

Dort soll sich der Schwarzwald von seiner schönsten Seite präsentieren – Kuckucksuhr und Bollenhut inklusive.

Der Sonntag: Mal ganz ehrlich, ist der Bollenhut aus touristischer Sicht nicht längst ein alter Hut?

Das würde ich so nicht sagen. Den Schwarzwald kennt man auf der ganzen Welt. Und zu dem Bild, das sich die Menschen von ihm machen, gehört eben auch der Bollenhut. Man muss in der touristischen Vermarktung, das ist meine Erfahrung, durchaus auch auf bestimmte Klischees setzen. Es wäre ein großer Fehler, wenn man davon jetzt komplett weggehen würde. Aber natürlich muss es möglich sein, auch Innovation zuzulassen und Neues voranzubringen
Der Sonntag: Sieht das der klassische Schwarzwald-Tourist auch so?

Den "typischen" Schwarzwald-Touristen gibt es nicht. Wir haben es mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen zu tun. Asiaten, die von Schwarzwaldromantik träumen, wird Innovation vermutlich weitaus weniger interessieren als Mitteleuropäer, die auf einem ganz anderen Level der Urlaubserfahrung sind. Die kennen die Klassiker und finden es spannend, wenn auch Neues passiert.
Der Sonntag: Welche neuen Wege soll der Tourismus im Schwarzwald denn einschlagen? Was ist die Vision?

Es geht mir darum, den Schwarzwald als gesamten Lebensraum zu entwickeln. Das impliziert auch, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zu achten. Was passiert, wenn man die Bevölkerung nicht mitnimmt, zeigt sich an touristischen Hotspots wie Venedig oder Mallorca, wo Stimmen laut werden, die "Tourists go home" fordern. So etwas ist fatal für eine Urlaubsregion. Deshalb müssen wir uns bei allen Neuerungen auch immer überlegen, welchen Mehrwert diese für die heimische Bevölkerung bieten.
Der Sonntag: Wie kann das konkret aussehen?

Da fällt mir zum Beispiel die Konus-Karte ein. Diese kann zwar von Einheimischen nicht genutzt werden, aber die Nutzung durch die Urlauber sichert das Nahverkehrsangebot. Davon hat auch die Bevölkerung etwas. Auch der geplante Weinradweg entlang der Badischen Weinstraße wird für die Einheimischen einen Mehrwert schaffen. Erst wenn das, was wir uns als touristische Innovation überlegen, auch von der Bevölkerung in der Region geschätzt wird, ist es auch authentisch und echt in den Augen der Gäste. Nichts ist schlimmer, als wenn man touristische Produkte entwickelt, die ausschließlich für Touristen gemacht sind.
Der Sonntag: Welche Rolle wird der nachhaltige Tourismus in Zukunft im Schwarzwald spielen – gerade in Bezug auf den Verkehr?

Ganz sicher wird der öffentliche Verkehr in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen. Schon heute hat der Führerschein für viele junge Menschen, die in den Ballungszentren wohnen, an Bedeutung verloren. Das muss man klar bei den Planungen berücksichtigen. Je besser der ÖPNV entwickelt ist, desto bereitwilliger wird er genutzt. Aber noch ein anderes Argument fällt bei diesem Thema ins Gewicht: Der Schwarzwald als schützenswerter Naturraum ist nur in Verbindung mit einer sanften Mobilität für die Zukunft zu sichern.
Der Sonntag: Die Menschen wollen unberührte Natur erleben und gleichzeitig die Natur als Erlebnisraum nutzen. Das ist seit jeher ein Konflikt, wie lösen Sie ihn?

Es wird darum gehen, Besucherströme zu leiten und bestimmte Konzentrationsräume des Tourismus zu entwickeln, damit die anderen Räume unberührt von einem Massenandrang bleiben können.
Der Sonntag: Klassischer Ausflugstourismus mit Einkehr oder Eldorado für Outdoorsportler – wohin geht für Sie die Reise?

Ich denke der Schwarzwald ist so groß, da ist Platz für verschiedene Nutzungen und Ansprüche der Gäste. Aber ich möchte in der Kommunikation nach außen klare Schwerpunkte setzen. Ich vergleiche das gerne mit der Auslage in einer Modeboutique: Da kommt auch nicht alles rein, was das Geschäft zu bieten hat.
Der Sonntag: Was würden Sie denn in das Schwarzwald-Schaufenster stellen?

Da werden sicher die Klassiker reingestellt: besondere gastronomische Angebote, die Vielzahl an Wellnesshotels und Thermen, das riesige Wander- und Radangebot, aber auch die Vielfalt der Landschaftsformen und der vielen kulinarischen Genussmöglichkeiten. Die Weinbauregion am Westrand genauso wie die Winterlandschaft auf dem Feldberg, an der Schwarzwaldhochstraße oder um St. Georgen und Schonach.
Der Sonntag: Schneesicherheit ist im Schwarzwald längst nicht mehr jedes Jahr gegeben. Was bedeutet der Klimawandel für die touristische Vermarktung?

Es ist sicher richtig, dass sich der klassische Wintertourismus im Wandel befindet. Wer sechs Tage bucht, steht vielleicht vier auf den Skiern und nutzt die restliche Zeit für Wellness- oder Kulturangebote. Auch alternative Winteraktivitäten wie das Winterwandern gewinnen an Bedeutung. Das geht auch ohne Schnee, im Vordergrund steht das Naturerlebnis.
Der Sonntag: Und im Sommer laufen die Liftanlagen dann für die Mountainbiker?

Ich bin noch nicht lange genug hier, um zu diesem Thema konkret etwas sagen zu können. Ich weiß nur aus Südtirol, dass das dort, wie auch an vielen anderen Orten in den Alpen, gemacht wird. Dadurch wurde der Sommertourismus stark belebt. Allerdings sehe ich auch, dass der Trend längst hin zum Pedelec oder E-Bike geht. Und mit dem E-Mountainbike kommen auch Genussradler gut auf die Schwarzwaldhöhen.
Der Sonntag: Südtirol und Schwarzwald – wo sehen Sie Parallelen?

Auch Südtirol ist nicht monothematisch aufgestellt. Es geht um Kultur, Kulinarik und natürlich die Natur, ganz ähnlich wie im Schwarzwald. Dennoch ist es mir wichtig, das, was für Südtirol funktioniert hat, nicht einfach zu kopieren.
Der Sonntag: Wo sehen Sie den Schwarzwaldtourismus in fünf Jahren?

Was ich schon begonnen habe, ist das Thema digitale Kompetenz. Da gibt es Nachholbedarf. Der Tourismus hierzulande ist noch sehr stark analog ausgerichtet und wirbt für sich in Prospekten und auf Messen. Die Zukunft aber liegt in den sozialen Medien. Da muss man umdenken. Das ist natürlich auch mit Investitionen verbunden. Ich bin schon etwas erschrocken, als ich gesehen habe, wie wenig das Land Baden-Württemberg im Vergleich zum wesentlich kleineren Südtirol dafür auszugeben bereit ist. Der Markt ist hart umkämpft. Es ist unglaublich, was andere Mitbewerber an Geld in diese Kanäle reinbuttern.
Der Sonntag: Wie können kleine Übernachtungsbetriebe da mithalten?

Ich denke, dass in der Digitalisierung gerade für kleine Betriebe eine große Chance steckt. Das zeigt sich auch am Erfolg von Airbnb. Die Gäste wollen den direkten Kontakt, die Insidertipps, die Tuchfühlung mit den Locals. Natürlich funktioniert das nicht mit einer Tapete von 1985. Da sollte sich jeder Gastgeber prüfen, ob er selbst bei sich Urlaub machen würde.
Der Sonntag: Erhalten kleine Betriebe vom Tourismusverband Unterstützung bei der Digitalisierung?

Unsere Partner sind die Orte und lokalen Tourismusorganisationen. Es ist an ihnen, die Kompetenzen dann auch weiterzugeben und die Qualität zu sichern. Wir können nur Dinge anstoßen.
Der Sonntag: Haben Sie denn schon einen Lieblingsort für sich im Schwarzwald entdeckt?

Dafür bin ich noch nicht lange genug hier. Aber ich schätze das Spannungsfeld zwischen Hochschwarzwald, Kaiserstuhl und der Kulturstadt Freiburg, in der ich lebe. Das genussorientierte Lebensgefühl hier in "Deutschlands schönster Genießerecke" gefällt mir sehr gut.
Zur Person
HANSJÖRG MAIR (49) ist seit September 2017 Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG). Zuvor war er Geschäftsführer des Tourismusverbandes "Südtirols Süden".