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20. März 2017

Rock ’n’ Roll

Nachruf auf Chuck Berry

Chuck Berry, der Erfinder des Rock ’n’ Roll und eine der schillerndsten Figuren der Popgeschichte, ist mit 90 Jahren gestorben.

  1. Schillernde Figur: Chuck Berry 2007 bei einem Konzert in Basel Foto: dpa

Normalerweise erhalten Geburtstagskinder Präsente. Chuck Berry dagegen machte an seinem 90. Geburtstag der Welt des Rock ein Geschenk. Am 18. Oktober 2016 kündigte der amerikanische Sänger und Gitarrist sein erstes Album mit neuen Songs seit 1979 an. Eingespielt unter anderem mit seinen Kindern Charles Junior an der Gitarre, Ingrid an der Harmonika und gewidmet seiner Frau Themetta "Toddy" Berry, die trotz aller Aufs und Abs, Affären, seinen abseitigen Vorlieben und krummen Dinger 68 Jahre an der Seite des Rock ’n’ Roll-Paten ausgehalten hat. "Diese Platte ist meiner geliebten Toddy gewidmet", sagte Berry damals. "Liebling, ich werde alt. Ich habe eine lange Zeit an dieser Platte gearbeitet. Jetzt kann ich mich zur Ruhe setzen."

Fünf Monate später ist Berry am Samstag in seinem Haus bei St. Louis gestorben, teilte die Polizei mit. Nach Angaben des Rolling Stone hatte Berry gerade eine Lungenentzündung hinter sich. "Was soll ich sagen? Er ist 90 Jahre alt. Und wie die meisten 90-Jährigen hat er gute und schlechte Tage", hatte Berrys Sohn Charles der Zeitschrift kürzlich erzählt.

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"Chuck", so der Titel der Platte, soll im Laufe des Jahres erscheinen. Berry, der seit den 80ern von seinem Legendenstatus zehrte, wird leider nicht mehr erleben, wie das Publikum darauf reagiert. Ist das neue Material so gut wie die Songs, die ihn in den Fünfzigern und Sechzigern groß gemacht haben? Können die Gitarrenriffs mit denen von damals mithalten? Ist der Beat noch so mitreißend, dass sich niemand seiner Wirkung entziehen kann? Hat er wieder Geschichten von Jungs und Mädchen auf Lager, die sich zum Tanzen treffen – in der Hoffnung auf alles, was eine hitzige Samstagnacht sonst noch verspricht? Wird es Songs geben, die einen weiblichen Vornamen tragen und nicht weniger sind als weitere Oden an die Frauen, denen hinterherzusteigen der alte Schürzenjäger lange nicht müde wurde?

Das Thema Sex hat ihn, den schillernden Charakter mit den dunklen, auch abstoßenden Seiten immer wieder in Schwierigkeiten gebracht. Berry musste sich unter anderem wegen Kinderpornographie und heimlich in einem Restaurant aufgenommenen Toilettenvideos verantworten. Dass Polaroids auftauchten, für die er nackt mit Groupies posierte, ist eher Rock ’n’ Roll-Folklore. Und dass er 1958 auf dem frühen Höhepunkt seiner Karriere wegen einer Minderjährigen, die in seinem Nachtclub arbeitete, ins Gefängnis einfuhr, war zum Teil die Rache des restaurativen Amerikas. Ein selten angewandtes Gesetz machte Haft für den Mann möglich, der den Rock ’n’ Roll erfand – und damit das Signal gab für den Aufbruch in die erste weltweite Jugendkultur namens Pop mit all den damit verbundenen Freiheiten.

"Wenn man dem Rock ’n’ Roll einen anderen Namen geben wollte, könnte man ihn genauso gut Chuck Berry nennen", hat John Lennon mal gesagt. "Maybellene" hieß der Song, der 1955 diesen Ruhm begründete. Da war Berry schon ein paar Jahre erfolgreich als Musiker unterwegs, der ein feierwütiges Publikum bei Laune hielt. Schwarze oder weiße Musik? Berry war das egal. Er liebte den Schmelz des Balladensängers Nat King Cole. Er schätzte Boogie und Country und war beeindruckt von Muddy Waters harschem, elektrischem Blues.

Als "Maybellene" erschien, hatte Berry aus all den Einflüssen seinen eigenen Sound und Stil destilliert. Kurze Gitarren-Intros, die wie die Songtitel sofort hängen blieben. Dazu knackige Riffs, hüpfender Bass, Vier-Viertel-Beat, rollendes Klavier. Berry kam direkt zu Sache, kaum ein Song (er schrieb alle selbst), erreichte die Drei-Minuten-Marke – alles war aufs Maximale reduziert und auf größtmögliche Wirkung getrimmt.

Damit war die Rock ’n’ Roll-Formel definiert. Die Beatles, die Rolling Stones, Bruce Springsteen oder AC/DCs Gitarrist Angus Young, der gleich noch den von seinem Idol erfundenen Entenwatschelgang für die eigene Show übernahm – Berry prägte die einflussreichsten Bands der Geschichte und Generationen von Musikern. Songs wie "Johnny B. Goode", "Roll Over Beethoven", "Sweet Little Sixteen", "Rock And Roll Music", "Oh Carol" oder "Little Queenie" bleiben unerreicht.

Weil er den Bauplan seiner Musik aber nie änderte, während sich Rock und Pop stetig stilistisch weiterentwickelten, sank Berrys Stern in den 70ern. Die Nostalgie ernährte ihn weiter. Bis in die 2000er tourte er regelmäßig. Berüchtigt ist die Zeit, in der er allein mit seiner Gitarre anreiste und ohne Probe mit Begleitern auf die Bühne ging, die der örtliche Veranstalter zu besorgen hatte. Die Gage kassierte er vorher in bar. Selbst wenn die Begleiter schlecht spielten – und das taten sie oft – zog Berry mitleidslos von dannen. Schließlich war er immer noch der König. Und wer dem König nicht gibt, was des Königs ist, hat es nicht anders verdient. Nun wird Eure Hoheit zu Grabe tragen. Alles andere als ein Staatsbegräbnis wäre eine Überraschung.

Autor: Peter Disch