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04. August 2012 00:05 Uhr

Rudern

Nadja Drygalla und der Neonazi

Die Ruderin Nadja Drygalla ist mit einem bekannten Neonazi liiert. Das hat ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen abrupt beendet. Hätten die Funktionäre früher Bescheid wissen können?

  1. Nadja Drygalla Foto: dpa

Ist Nadja Drygalla, 23, die das deutsche Olympiateam verlassen musste, eine Rechtsextreme? Michael Vesper, einst Mitbegründer der Grünen und heute Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), glaubt das nicht. Nach einem etwa anderthalb Stunden dauernden Gespräch mit der Ruder-in, die im Achter in Eton im Hoffnungslauf ausgeschieden war, hatte Vesper den Eindruck, Drygalla bewege sich "auf dem Boden des Grundgesetzes und der Olympischen Charta". Er wolle eine Person danach bewerten, was sie selber denke und nicht in ihre Privatsphäre eingreifen und persönliche Beziehungen bewerten, so Vesper.

Die Rostockerin Nadja Drygalla ist mit Michael Fischer liiert, einem weit über die Rostocker Szene hinaus bekannten Neonazi, der 2011 für die NPD bei der Landtagswahl antrat. Am Mittwoch erschien auf der Antifa-Internetseite Kombinat Fortschritt ein Beitrag, der die Verbindung zwischen Drygalla und Fischer thematisierte: "Mecklenburgische Neonazifreundin bei Olympischen Spielen". Einen Tag später wurde Nadja Drygalla, die in Eton einige Stunden von London entfernt im olympischen Dorf der Ruderer und Kanuten logierte, zur Teamleitung bestellt. An ihrem Gespräch mit Vesper nahm auch Mario Woldt teil, Sportdirektor des Deutschen Ruderverbandes (DRV). Dann war das olympische Abenteuer für Nadja Drygalla beendet.

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Kurz vor Mitternacht verschickte der DOSB eine Pressemitteilung. Der DRV äußerte sich zwei Stunden später, mitten in der Nacht. Weder Fischer noch die NPD werden in den Texten erwähnt. DOSB und DRV erklärten, Nadja Drygalla habe das olympische Dorf verlassen, um keine Belastung für die Olympiamannschaft entstehen zu lassen. Die Belastung aber, sie ist längst da. Und damit auch viele Fragen. Denn auch Michael Fischer war einmal Ruderer. Im August 2006 hatte er sich gemeinsam mit seiner jetzigen Freundin Nadja Drygalla für die Junioren-WM in Amsterdam qualifiziert. Drygalla wurde mit dem Achter Dritte – Fischer gewann mit seinem Achter die Silbermedaille. Unmittelbar danach hat ihn sein Heimatverein nach Informationen dieser Zeitung vor die Alternative gestellt: Sport oder Rechtsextremismus. Beides sei nicht zu verbinden. Fischer entschied sich gegen den Sport, begann in Rostock ein Studium – und eine Neonazi-Karriere. Im Ruderverband hat man nicht groß nachgefragt. Es passiert oft, dass erfolgreiche Junioren aufhören, weil sie sich um ihre berufliche Zukunft kümmern müssen und der aufwändige Sport sich schwer mit der Ausbildung vereinbaren lässt.

"Ich weiß, was im Grundgesetz steht"

Martin Sauer, Deutschland-Achter
Der DRV behauptet nun, erst am Donnerstag Erkenntnisse zum privaten Umfeld von Nadja Drygalla erhalten zu haben. Und das, obwohl der Neonazi Fischer in der Junioren-Nationalmannschaft ruderte? Was weiß ein Verband, der seine Sportler in wochenlangen Trainingslagern vorbereitet und über tausende leistungsdiagnostische Daten der Athleten verfügt, wirklich über die Menschen, die er für Olympische Spiele auswählt? Warum hat Drygalla im vergangenen Jahr, nachdem Onlinemedien erstmals über die Verbindung berichteten, die Polizeischule Güstrow verlassen? Das Bundesinnenministerium, Hauptsponsor des olympischen Spitzensports, teilte mit: "Seit dem 30. September 2011 ist Frau Drygalla nicht mehr Polizeianwärterin."

DOSB-Generaldirektor Vesper sagt, er glaube, dass es vor einigen Monaten im Ruderverband ein Gespräch mit Drygalla gegeben habe. Verantwortliche des DRV waren zur selben Zeit in Eton eingebunden, beim zweiten Finaltag der Ruderer. Vesper sagte, er wolle nicht über den DRV richten – und nicht über Drygalla. "Wir reden über eine 23-jährige junge Frau. Ich habe mit ihr intensiv über ihre Entwicklung und ihre Haltungen gesprochen."

"Ich glaube, der Sport ist ziemlich widerstandsfähig gegen die rechte Szene", sagte Martin Sauer, Steuermann des Deutschland-Achters. "Ich weiß, was im Grundgesetz steht", sagt Olympiasieger Sauer, der in Bochum Jura studiert, und referiert kurz über "Artikel 5 und die Meinungsfreiheit". Rudern ist traditionell ein Sport von Akademikern. Nadja Drygalla ist anders. Martin Sauer kennt sie aus Trainingslagern seit vielen Jahren. "Sie hat nirgendwo mal zum Besten gegeben, dass sie überhaupt einen Freund hat."

Natürlich ist der Sport ein Spiegelbild der Gesellschaft. Natürlich gab es schon immer Hinweise und Gerüchte auf Verbindungen vor allem ostdeutscher Kampfsportler in die rechte Szene. Neonazis rekrutieren ihren Nachwuchs gern unter Fußballfans – auch das ist seit langem bekannt. Sportverbände wie der DFB, der unlängst seine braune Funktionärs-Geschichte aufgearbeitet hat, oder eben der DOSB versuchen mit verschiedenen Projekten gegenzusteuern. Gleichzeitig berufen sie sich aber auf die olympische Charta und deren Prinzipien. Auch das ist zwiespältig, denn in dieser Charta bündelt sich eine der Lebenslügen des Sports. Dieses olympische Grundgesetz wurde von einigen Nazis und bekennenden Sympathisanten faschistischen Ideenguts mit geprägt. Etwa von Carl Diem, Cheforganisator der Spiele 1936 in Berlin, der den olympischen Fackellauf einführte, und von den ehemaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage (USA) und Juan Antonio Samaranch (Spanien). Brundage hatte sich 1936 gegen Olympia-Boykottaufrufe amerikanisch- jüdischer Organisationen gewandt und damit Adolf Hitlers Propagandaspielen zugearbeitet. Samaranch war einst franquistischer Sportminister.

Sport und Totalitarismus sind unheimliche Gefährten. Über Einzelfälle hinaus gebe es aber keine Hinweise, dass der Neofaschismus dem Leistungssport in Deutschland unheimlich nahe käme, erklärte Vesper: "Diese These möchte ich entschieden zurückweisen."

Autor: Jens Weinreich