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06. April 2009

Die Nato und das Bergkraxeln

ANGERISSEN: Denn Gipfel kommt von Kuppe

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel. Diese Weisheit haben wir ausnahmsweise mal nicht der sonst an Metaphern so reichen Tagespolitik entnommen, sondern einem Sport namens Mountain Climbing – vulgo Bergkraxeln. Wir stellen uns dessen berühmten Vertreter Reinhold Messner vor, wie er in TV-Talkshows einen Moderator nach dem anderen zum Verzweifeln bringt, weil er, ohne Punkt und Komma redend, es in einer Viertelstunde genau zu dieser einen Aussage gebracht hat. Kein Wunder, Messner ist auch Politiker, war Europaabgeordneter für die Südtiroler Grünen und tourt überdies mit sogenannten Spitzenmanagern von Bergspitze zu Bergspitze, um deren Kompetenz in Sachen Risikomanagement zu stärken. Messner beschreibt solches ausführlich in seinem Buch "Berge versetzen". Insofern verwundert es uns, dass die Nato ihren zu Ende gegangenen Gipfel erstens ohne Messners Zutun und zweitens auf so geringer Höhe über dem Meeresspiegel veranstaltet hat. 132 bis 151 Meter sind es im Falle Straßburgs und Kehls, und Baden-Baden bringt es auf gute 180 Meter. Beides zeigt schon, dass die Nato offenbar gar nicht so hoch hinaus wollte – was zu beweisen war – vielleicht, weil sie sich der dunklen Entstehungsgeschichte des Terminus’ Gipfel bewusst war. Derzufolge scheint das Wort nämlich aus dem Mittelhochdeutschen von Gupf(e) ableitbar zu sein, und das ist der gleiche Wortstamm wie bei Kuppe. Da denkt man an Berglein mit einem sanftrunden Häubchen, bei denen man nie so ganz genau weiß, ob es nicht schon wieder bergab geht. Auch das scheint in gewisser Weise symbolisch für die Anatomie des Gipfels im Sinne einer diplomatischen Unterredung auf höchster Ebene zu sein. Im Falle Prags, wohin der EU-USA-Tross am Wochenende weiterzog, sind es bei den Spitzenwerten übrigens schon an die 400 Meter, an der tiefsten Stelle allerdings nur 177. Nach dem Gipfel ist vor der Kuppe, ließe sich da sagen. Oder, um es mit Messner auszudrücken: "Die Grenze des Machbaren ist nur in kleinen Schritten zu erreichen." Was lernen wir daraus? Gipfelstürmer sind offenbar von vorgestern. Was Straßburg auch in anderem Sinne gezeigt hat.

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Autor: adi