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04. April 2009

"Das ist unsere Zeit"

US-Präsident Barack Obama spricht in der Straßburger Rhénus-Sporthalle vor 4000 Menschen

  1. „Führung übernehmen“: Obama Foto: dpa

"Die ersten kreischen bestimmt gleich voll ab." Mechtap Dawo behält Recht. Allerdings war die Prognose für die Schülerin des Freiburger Berthold-Gymnasiums wohl auch nicht sonderlich schwer. Gemeinsam mit ihren Klassenkameraden hat sie in der Straßburger Rhénus-Sporthalle stundenlang auf Barack Obama gewartet. Und jedes Mal, wenn einige der 4000 Besucher glauben, der amerikanische Präsident erscheine womöglich im selben Augenblick, geht ein Zittern durch den Saal. Als Obama und seine Frau Michelle dann endlich da sind, gibt es kein Halten mehr. "Es ist ja fast ein bisschen historisch", findet Lilly Becker. Leonie Fritsch hat noch nie vorher einen "Mann mit so viel Einfluss" gesehen. Die Schülerinnen und Schüler klatschen und jubeln.

Und Barack Obama? Der genießt anscheinend den Auftritt. Er tankt Energie, als ob er die Begeisterung aufsaugen würde. Federnden Schrittes tigert er auf seinem Bühnenviereck mit dem schlichten Pult und den zwei Telepromptern herum. Er sei nach Europa gekommen, aber er wolle nicht immer Reden halten und den Menschen "nur hinter dem Autofenster zuwinken", vertraut er seinen Zuhörern an. Deshalb sei es ihm wichtig, auch "eure Fragen zu hören". Das Publikum, in der Mehrzahl Schüler und Studenten aus dem Elsass und Baden, ist hingerissen.

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Natürlich hält Obama dann doch erst einmal eine Rede. Der neue Chef im Weißen Haus hat seine eigenen Botschaft, mit der er sich Gehör verschaffen möchte. Es ist die Botschaft von der Krise und der Chance auf einen Neuanfang, die in der Krise liegt. Weil diese global und gewaltig ist, könnte aus Obamas Sicht auch die Chance einzigartig sein: "Wir leben in revolutionären Zeiten", zitiert er den ermordeten Senator Robert Kennedy, "und die Jugend muss in dieser Situation die Führung übernehmen." Die Jugend – dazu zählt Obama fraglos sich selbst.

Die Welt sieht er am Scheideweg. Was die Menschheit früher vorangebracht habe, bedrohe sie heute: Der hohe Lebensstandard heize die Erde auf, die atemberaubenden Kommunikationsmöglichkeiten hätten den ungezügelten Finanztransaktionen erst den Weg geebnet. So wie geplatzte Hauskredite in Florida neuerdings das Bankensystem in Island bedrohten, hänge im 21. Jahrhundert alles und jedes untrennbar zusammen. Deshalb müsse das Gegensteuern gemeinsam geschehen: "Das ist unsere Generation und das ist unsere Zeit. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Herausforderungen meistern, wenn wir bloß zusammenstehen!" Wie ein Prediger klingt der Präsident bei solchen Sätzen. Und wie ein Prediger wiederholt er sie, bis sein Optimismus wie eine Woge in den Saal schwappt.

Derart vorbereitet kann man auch Schwieriges angehen. Zum Beispiel die Atomrüstung, die Armut in unterentwickelten Ländern, den Klimawandel. Bei all dem mag er die Gefahr durch Extremismus und Terrorismus nicht vergessen. Weil Letzteres wohl mit am meisten zur Entfremdung zwischen Europa und den USA beigetragen hat, nimmt Obama sich dieses Themas besonders gründlich an.

Niemals sei Terrorismus mit militärischen Mitteln allein zu besiegen, stellt er fest. Die Distanzierung zur Vorgängerregierung könnte klarer nicht sein: Wer zur Bekämpfung von Terror die eigenen Werte verrate, sei verloren. Haben dieses Lied friedfertige Europäer nicht seit jeher gesungen? Nicht ganz. Denn Obama belässt es nicht bei einer Strophe. "Macht euch keine Illusionen", warnt er. "Nur weil George W. Bush nicht mehr amerikanischer Präsident ist, stellt al-Qaida die Arbeit nicht ein." Die USA hätten inzwischen ihre Strategie am Hindukusch geändert. Heute setze man viel stärker auf den Aufbau ziviler Strukturen. Aber ohne zusätzliche militärische Anstrengung werde es keinen Erfolg geben. "Europa sollte nicht erwarten, dass Amerika diese zusätzliche Bürde alleine schultert." Unversehens steht die Mahnung an die Verbündeten im Raum. Es bleibt nicht die einzige. Immer wieder räumt Obama ein, dass die USA in den vergangenen Jahren vieles falsch gemacht haben. Seit seinem Amtsantritt aber hätten sich die USA verändert. Und: "Es kann nicht sein, dass nur wir uns ändern." Nach solchen Aussagen bleibt der Applaus bescheiden, aber gedacht sind sie ohnehin eher für die Staats- und Regierungschefs einiger anderer Nato-Mitgliedsländer.

Barack Obama, das bleibt in der Rhénus-Sporthalle niemandem verborgen, hat keine Einflüsterer nötig. Zwar fällt die anschließende Fragerunde kurz aus, aber Obama absolviert sie locker und charmant. Ob er schon einmal bereut habe, als Präsident angetreten zu sein, will eine Studentin aus Heidelberg wissen. Da beklagt sich der 47-Jährige darüber, dass er während des langen Wahlkampfs in den USA seine "wunderbare Frau und seine zwei perfekten Töchter" kaum gesehen habe. Außerdem sei es frustrierend, "nicht einmal mehr alleine spazieren gehen oder in einem Straßburger Café ein Glas Wein trinken zu können".

Aber, so bekommt Obama die Kurve, nur an sich selbst zu denken, sei ihm auf Dauer zu langweilig. Er dürfe dem Gemeinwesen dienen, die schönste Sache auf der Welt. Sich für andere einzusetzen, das empfiehlt er allen im Saal. "Damit ihr im Alter einmal sagen könnt, ich hab was bewegt." Sagt’s, winkt, und das Publikum tobt. "Man muss einfach zustimmen, auch wenn man sprachlich nicht alles versteht", sagt die 14-jährige Leonie Fritsch.

Autor: Thomas Fricker