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03. April 2009 23:05 Uhr

Beobachtungen am Rande des Gipfel

Die Wichtigen und die ganz Wichtigen

Mit Fernglas und Kamera versucht das gemeine Volk in Baden-Baden und Straßburg, einen Blick auf die Spitzenpolitiker der Nato zu erhaschen. Und natürlich auf ihre Frauen.

  1. Deutsch-amerikanische Freundschaft Foto: ddp

Die Entzheimer haben diesmal die Nase vorn – das wollen sie auskosten. Schulter an Schulter stehen sie am Zaun, der ihren Flughafen umgibt. Die einen stieren durchs Fernglas, die anderen sehen die Welt durch ein Display eine Armlänge vor den Augen. Eben – es ist 11 Uhr am Vormittag – ist ein Flugzeug gelandet im Straßburger Vorort. Nichts Außergewöhnliches eigentlich für einen Flughafen. Doch dieses wird tausendfach abgelichtet, auch noch aus kilometerweiter Entfernung. Es ist nicht irgendein Flugzeug, sondern das Flugzeug, die Air Force One. Und an Bord ist der Mann, den sie alle sehen wollen. US-Präsident Barack Obama, der mächtigste Mann der Welt, der Hoffnungsträger aus dem Weißen Haus, dessen familiäre Wurzeln auch ins elsässische Schiltigheim reichen. Er betritt erstmals als Präsident französischen Boden in Entzheim, nicht in der Haupstadt Paris. Dass rund um die kleine Stadt der Verkehr zusammenbricht, das öffentliche Leben stillsteht, heute spielt dies alles keine Rolle. Sie haben die Präsidentenmaschine gesehen und damit einen Hauch von Zeitenwende erlebt.

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"Ich war noch nie so gut beschützt wie in diesen Tagen", sagt eine Frau vor ihrem Haus unweit dem Tageszentrum Straßburg und lacht dazu.
Die Entzheimer sind nicht die Einzigen, die sich mit der Rolle der Zaungäste zufrieden geben müssen. Straßburg ist seit Donnerstag im Ausnahmezustand. Die Autobahn ist im Raum Straßburg gesperrt, aber schon auf Höhe Mulhouse haben Polizisten Posten bezogen. Sie sollen anreisende Demonstranten frühzeitig identifizieren, melden und gegebenenfalls aufhalten. Und in der Innenstadt sind weite Teile abgeriegelt. In Schaufenstern hängen Zettel mit dem Hinweis auf geänderte Öffnungszeiten und eingeschränkten Service. Wo immer man hingeht – die Polizei ist schon da.

"Ich war noch nie so gut beschützt wie in diesen Tagen", sagt eine Frau vor ihrem Haus unweit dem Tageszentrum und lacht dazu. Sie sitzt im Freizeitdress auf der Treppe und genießt die Ruhe, die an diesem Tag über der alten Arbeitersiedlung im Schatten des Europaparlaments liegt. Kein Auto fährt hier, die Straßen sind wie ausgestorben. Die Frau schaut ihren Enkeln zu, die ungehemmt auf der Straße spielen wie lange nicht mehr. Sie sagt noch: "Ich bin aber auch seit drei Tagen blockiert. Wenn ich raus will, muss ich das vorher anmelden."

Die Ruhe wird nur gestört vom Hubschraubergeknatter und dem Dröhnen der viertelstündlich einschwebenden Jets. Der Großteil der Staatsgäste landet samt Delegationen im Tagungsort Straßburg, Tschechen und Kroaten reisen über Lahr an, acht Staatsgäste steuern über Söllingen direkt den festlichen Teil des Jubiläumsgipfels an, der in Baden-Baden stattfindet. Doch mit echter Aufmerksamkeit dürfen sie heute nicht rechnen. Sie stehen im Schatten von Obama und kaum jemand nimmt sie wahr. Aber so ist es eben bei Geburtstagsfeiern: Es gibt wichtige und weniger wichtige Gäste.

Und das zweitägige Treffen ist in der Tat eine spezielle Geburtstagsparty. Denn der Gastgeber ist sein eigener Gast – auf einer Fete, die keine Besucher im eigentlichen Sinn hat. Nur Zuschauer. Die Mitglieder der Nato beglückwünschen sich selbst dafür, dass sie vor 60 Jahren zusammengefunden haben. Manche sind schon länger dabei, andere kamen erst spät hinzu. Albanien und Kroatien sind Mitglieder Nummer 27 und 28 im Atlantischen Bündnis. Und Frankreich gehört auch wieder so richtig dazu, seit es sich erneut der Kommandostruktur des Bündnisses unterstellt hat.

Deshalb bekommt Nicolas Sarkozy auch einen eigenen Auftritt mit Barack Obama, ein Vieraugengespräch im Palais du Rohan mit anschließender Pressekonferenz. Und was fürs Publikum zu Hause noch wichtiger ist: die Bilder der beiden Ehepaare Bruni-Sarkozy und Obama vor der Kulisse Straßburgs. Die hat der französische Staatspräsident erst einmal für sich allein. Patrick Vignais, Mitte 40, ein sportlicher Mann mit Sonnenbrille und Baseballmütze, hat zwar ein großes Objektiv auf seinen Fotoapparat montiert, aber es reicht bei weitem nicht: Keinen der Staatsgäste bekommt er vor die Linse. "Um da reinzukommen und etwas zu sehen, dafür bin ich zu klein." Zumal er nicht in der gelben Zone wohnt. Er wirkt ein wenig enttäuscht, andererseits hat er fast damit gerechnet, wie er sagt.

"Als Straßburg 1939 vor der Ankunft der Deutschen evakuiert wurde, muss es ähnlich gewesen sein."

Ein Anwohner bewertet die Ruhe in der Stadt
Francis Wendling dagegen hat Barack Obama gesehen. "Na ja, seine Hand. Und seine Frau, wie heißt die noch? Ach ja, Michelle", sagt er. Der gebürtige Straßburger läuft gerade mit einem Baguette unterm Arm zurück zu seiner Wohnung in der Sicherheitszone. "Ich wohne in der orangefarbenen Zone. Als ich gerade aus dem Haus kam, hieß es, Obama kommt, und die Straßen wurden blockiert. Da ich nicht weg konnte, habe ich eben gewartet."

Aber selbst wenn er das Präsidentenpaar nicht gesehen hätte – auch nicht schlimm, sagt Wendling. Die Ruhe um das Straßburger Münster nennt er bizarr. "Als Straßburg 1939 vor der Ankunft der Deutschen evakuiert wurde, muss es ähnlich gewesen sein."

Dejan Radovanovic wartet mit Frau und kleiner Tochter am Straßenrand, die slowakische Delegation soll gleich vorbeikommen. "Ich habe einen Tag Arbeitsausgleich genommen, das Unternehmen meiner Frau hat für heute zugemacht", sagt er. "Wir machen halt das Beste draus", sagt er zu den Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. "Jetzt sind wir zu Fuß unterwegs, zum Glück ist das Wetter ja gut. Mal sehen, wie weit wir nachher noch kommen", sagt er und deutet in Richtung Sicherheitszone. Dann kommt Bewegung in die Sicherheitskräfte vor dem Hotel Maison Rouge. Ein Konvoi fährt vor, ein schwarz-gelb-roter Wimpel steckt vorne rechts an der ersten Limousine. "Spanien", sagt eine Frau. "Quatsch", korrigiert sie eine Kollegin: "Das ist Belgien, steht doch auf den Autos."

Es ist der Teil des Programms, der den Sicherheitskräften an diesem Tag die meisten Sorgen und die meiste Arbeit macht. Denn die Innenstadt muss abgeriegelt werden. Und es ist der Teil, der die meisten Unwägbarkeiten im Zeitplan mit sich bringt. Als Obama sich mit halbstündiger Verspätung zu der verabredeten Diskussion mit Schülern und Studenten begibt, wächst beim Protokoll die Nervosität. Um 15.17 Uhr endet die Fragerunde, Obama schüttelt noch Hände, da sollte er längst im Hubschrauber sitzen. Doch bis zur Begrüßung durch Kanzlerin Merkel um 16 Uhr in Baden-Baden hat Obama die Zeit zum Teil wieder eingeholt.

Nach einem Gespräch mit der Kanzlerin beginnt der feierliche Teil der Veranstaltung nahezu pünktlich mit dem Vorfahren der ersten Gäste vor dem Kurhaus. Roter Teppich für die Staatschefs und Premierminister, ein blauer für die Außen- und Verteidigungsminister. Die zuerst Eintreffenden werden von Ministerpräsident Günther Oettinger begrüßt, vor allem jene aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks, der Kanzlerin wird noch eine kleine Verschnaufpause gewährt. Der erste, den Angela Merkel begrüßt, ist ausgerechnet der türkische Staatspräsident Gül. Von seinem Votum wird es entscheidend abhängen, ob es gelingt, am Abend einen neuen Generalsekretär für die Nato zu finden.  Mitarbeit: Constance Frey

Autor: Franz Schmider