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03. April 2009 15:58 Uhr

Friedliche erste Anti-Nato-Demonstration

Kehl: Nur 30 Leute beim "Pilgermarsch"

Lediglich 30 Frauen und Männer, meist gesetzten Alters, waren heute Mittag dem Aufruf zum "Pilgermarsch" gefolgt, auf dem auch gesungen und gebetet wurde. Für morgen erwartet die Polizei in Kehl bis zu 5000 Anti-Nato-Demonstranten.

  1. Klein, aber friedlich: die erste Anti-Nato-Demonstration heute Vormittag in Kehl Foto: hrö

Fast freundschaftlich verlief die erste Anti-Nato-Demonstration auf Kehler Boden: Die Befürworter einer gewalt- und waffenfreien Welt führten auch mit vielen auf der Europabrücke und im Rheinvorland postierten Polizeibeamten freundliche Gespräche.

Die Fußgängerzone in der Innenstadt ist fast wie ausgestorben. An einer Fassade flattert ein kleines Fähnchen in den Farben des Regenbogens. "Pace" ist zu lesen, Frieden. Blumenverkäufer betreiben auf dem Marktplatz ihr Geschäft, Straßencafés sind gut besucht: Die Leute genießen einen Espresso in der warmen April-Sonne. In der Ferne sind zwei Security-Leute vor einem Kaufhaus zu sehen. Sie sind von Donnerstag bis Sonntag verpflichtet worden. Weitere schwarz gekleidete kräftige Männer haben sich vor der Filiale der Volksbank postiert. Mehrere Schaufenster sind mit schweren Schaltafeln verbarrikadiert – für den Fall der Fälle. Mancher Ladenbesitzer hat indes auf eine Verhüllung verzichtet: Bis zu 6000 Euro hätte angeblich ein professioneller Schutz gekostet. Kehl liegt also richtig ruhig da, an diesem Freitagmittag, punkt 12 Uhr. Zwar patrouillieren Tausende von Polizeibeamten, im Auto, im Boot oder im Hubschrauber. Von drohender Randale, von Steine- oder Wasserwerfern indes keine Spur.

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Auch nicht am Bahnhof, wo sich kurz zuvor die Demonstranten zur ersten Anti-Nato-Demo sammeln. Als Dieter Henninger, der Organisator aus Ispringen bei Pforzheim, sieht, dass der Kreis nicht weiter wächst, schaltet er sein Megaphon an und begrüßt die Teilnehmer. Doch nicht 150 bis 200, wie Polizei und Stadt prognostiziert hatten, sondern lediglich 30. "Ich bin auf die Idee gekommen, mit euch einen Pilgerweg zu laufen." Er habe sich vom Versöhnungsweg inspirieren lassen, der anlässlich der Landesgartenschau 2004 von den Städten Kehl und Straßburg am Rheinufer angelegt wurde. Doch die französische Verwaltung erlaubte den Demonstranten nicht, die französischen Uferwiesen zu betreten. Auf deutscher Seite war das Pilgern erlaubt. So machte die kleine, friedliche Gruppe auch Station mitten auf der Europabrücke und an der Gedenktafel für neun getötete Widerstandskämpfer. An jener Stelle am Rhein, direkt unterhalb der Brücke, waren die Franzosen am Tag der Befreiung Straßburgs von der Naziherrschaft von der Gestapo hingerichtet und in den Rhein geworfen worden. Es war der 23. November 1944. Colonel Léon Faye, einer der führenden Köpfe des Widerstandsnetzes "Alliance" , rief in seinem Testament ausdrücklich zur Nichtvergeltung auf.

Eine friedliche, eine gewaltfreie Welt, das ist das Anliegen der beiden, weitgehend ökumenisch aktiven Organisationen, die zu dem Pilgermarsch aufgerufen hatten: Pax Christi und der Internationale Versöhnungsbund. Nach Offenburg angereist war auch Ulrich Hahn aus Villingen. Er ist Rechtsanwalt und bereits seit Donnerstag in der Stadt. Er äußert Bedauern, dass lediglich so wenige sich zum Pilgermarsch animieren ließen. Der 59-Jährige hat für sich eine Antwort gefunden "Ich habe das Gefühl, viele Leute fürchten eher die gewalttätigen Demonstranten als das Gewaltpotenzial der Nato – und bleiben deshalb daheim." Es sei der guten, friedfertigen Sache abträglich gewesen, dass das Innenministerium verkündete, dass in Kehl bis zu 3000 gewaltbereite Demonstranten erwartet werden. Hahn ist indes auch beruflich im Einsatz: Er gehört einem rund 40-köpfigen Anwaltsnotdienst ("Legal Team") um den Offenburger Reinhard Kirpes an.

Überzeugter Pazifist ist auch Leo Petersmann aus Berlin. Der 70-Jährige ist Pädagoge und evangelischer Theologe. Er sei erst seit vergangenem Sommer beim "Versöhnungsbund", sagt er, habe dort eine sinnvolle Tätigkeit gefunden: "Natürlich war auch ich davon ausgegangen, dass heute mehr Leute kommen." Aber er schließe sich da gerne der Meinung eines Kollegen an, der sagte: Es komme nicht auf die Größe an, sondern darauf, "dass wir überzeugt sagen, was wir nicht wollen". Leider denke wohl die Mehrheit der Menschen, Gewalt und Krieg seien notwendig und sinnvoll. Das sei falsch. Es sei wichtig, "das Gegenüber grundsätzlich als gutwilligen Menschen zu betrachten".

Positiv gestimmt ist zuletzt auch Dieter Henninger (69): "Ich bin ganz zuversichtlich, dass unser Anliegen,’Frieden schaffen ohne Waffen’, heute von den Politikern gehört und von den paar Chaoten nicht getrübt wird."

Autor: hrö