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05. April 2009 21:10 Uhr
Obamas Visionen und die Realpolitik
Eine Welt ohne Atomwaffen – von dieser Vision hat Barack Obama in den zurückliegenden Gipfeltagen gleich mehrfach gesprochen. Doch der US-Präsident ist auch ein Realpolitiker in guter amerikanischer Tradition, wie Annemarie Rösch in ihrem Kommentar betont.
Vor großem Publikum entwirft Barack Obama gerne Visionen: Er werde sich für eine Welt ohne Atomwaffen einsetzen, verspricht der US-Präsident bei seinen Besuchen in Prag und beim Nato-Gipfel. Immer wieder redet er davon, dass alle gemeinsam die Probleme dieser Erde schultern müssten, etwa den Kampf gegen den Klimawandel oder den Terrorismus. Nur gemeinsam seien sie zu lösen. Es sind diese Träume von einer besseren Welt, die die Menschen in Straßburg, Kehl und Baden-Baden wie in Prag in Begeisterung versetzen. Und es ist dieser andere, kameradschaftliche Ton, mit dem er das Publikum für sich einzunehmen versteht. Bei den Zuhörern in Europa ist Erleichterung zu verspüren: Endlich geht wieder ein US-Präsident auf sie zu und verspricht ihnen das, was auch sie wollen. Unter Obamas Vorgänger Bush fühlten sich viele von ihrem großen Bruder Amerika missachtet, den sie doch eigentlich wegen seiner langen freiheitlichen und demokratischen Tradition bewundern.
So schön der Traum ist, gemeinsam eine atomwaffenfreie Welt zu schaffen, so schwierig ist es, ihn umzusetzen. Welches Geschehnis könnte das besser illustrieren als das vom Sonntag? Kaum hatte Obama sein langfristiges Ziel in Straßburg formuliert und angekündigt, über die Reduzierung von Atomwaffen verhandeln zu wollen, schoss Nordkorea eine Trägerrakete ab. Diktator Kim Jong-il machte damit deutlich, dass er sich nicht darum schert, wer in den USA regiert. Egal, wie respektvoll man mit ihm umgeht, er respektiert weder Menschenrechte noch internationale Abkommen. Um Politikern von seinem Schlage beizukommen, braucht es also mehr als freundliche Worte.
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Doch Obama entwirft nicht nur Visionen, er ist ein Realpolitiker in guter amerikanischer Tradition. Das zeigt sich am Beispiel Afghanistan: Deutlich hob er beim Nato-Gipfel hervor, dass er keinesfalls glaube, das Terrornetzwerk al-Qaida werde seine Aktivitäten einstellen, nur weil ein US-Präsident auf die muslimische Welt zugehen wolle. Zu tief sitzt der Hass gegen den Westen. Um für den Kampf gegen al-Qaida gewappnet zu sein, lässt Obama deshalb die US-Truppen aufstocken. Ein wenig Enttäuschung war bei ihm am Ende des Gipfels zu verspüren, dass er Länder wie Deutschland nicht zu einem stärkeren Engagement bewegen konnte. Zwar bekräftigte Kanzlerin Merkel, 600 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Obama dürfte aber mehr Entgegenkommen erwartet haben.
Beim Nato-Gipfel hat das noch nicht geklappt. Doch langfristig könnte Obamas Herangehensweise an die Politik seinen Zielen dienen. Seinem freundschaftlichen Werben um mehr Hilfe in Afghanistan werden sich deutsche Politiker auf Dauer schwerer entziehen können als den Anfragen Bushs. Gut möglich auch, dass es Obama gelingt, Fortschritte beim Abbau von Atomwaffen zu erzielen. Russische Politiker zeigten sich von ihm sehr angetan. Vielleicht bewegt sie der US-Präsident ja mit seiner einnehmenden Art, ihre Kontakte spielen zu lassen, um Länder wie den Iran oder Nordkorea von ihren Atomplänen abzubringen. Noch scheint das unrealistisch. Doch waren es nicht auch Visionäre, die mit ihrer beharrlichen Arbeit den Eisernen Vorhang zum Einstürzen brachten?
Autor: Annemarie Rösch
