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06. Dezember 2008

"Natur muss einen Preis bekommen"

bz-interview: Wolfgang Sachs glaubt nicht, dass technischer Fortschritt uns bei der Lösung der Umwelt- und Klimaprobleme ans Ziel bringt / Von Jörg Buteweg

  1. Wolfgang Sachs Foto: privat

elbstbeschränkung ist nötig, wenn wir auf Dauer umwelt- und sozialverträglich existieren wollen. Das sagt Professor Wolfgang Sachs (62). Er arbeitet am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie und ist einer der Autoren der Studie Zukunftsfähiges Deutschland.

S
BZ: Warum ist Deutschland Ihrer Meinung nach nicht zukunftsfähig?
Sachs: Wir leben über unsere Verhältnisse. Das meine ich nicht in dem engen Sinn, dass eine Person mehr Geld ausgibt als sie verdient und deswegen Schulden macht. Ich meine damit, dass wir die Natur ausplündern, um unseren Lebensstil führen zu können. Klimawandel, schwindende Ölreserven und Artensterben zeigen uns, dass das auf Dauer nicht geht.

BZ: Das haben Sie in der ersten Ausgabe von Zukunftsfähiges Deutschland auch schon gesagt und geschrieben.
Sachs: Das ist wahr.

BZ: Passiert ist aber nichts.
Sachs: Nichts kann man nicht sagen. Es gab nach dem Umweltgipfel von Rio de Janeiro 1992 intensive Diskussionen um die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Zu dieser Diskussion gehört das Vorgängerbuch Zukunftsfähiges Deutschland von 1996. Die Bundesregierung hat auch eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt. Wie es um sie bestellt ist, zeigen 21 Indikatoren (siehe Grafiken).

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BZ: Und was ist in der Praxis passiert?
Sachs: Es gibt positive Beispiele: Der Ausbau der erneuerbaren Energien beispielsweise oder die größere Rolle des ökologischen Landbaus. Alles in allem sind das Kurskorrekturen, aber keine Wende. Verführt von den Luftschlössern der Finanzmärkte und eingemauert von den Lobbyinteressen der Strom-, Auto-, und Agroindustrie sind die politischen und wirtschaftlichen Eliten ziemlich unbeweglich geblieben.

BZ: Das Bio-Essen wird auf der Restaurant-Terrasse unter einem Heizpilz serviert. Wie sieht denn für Sie die Wende aus?
Sachs: Wir müssen den Energie- und Rohstoffeinsatz drastisch verringern.

BZ: Dafür sorgen die gestiegenen Preise.
Sachs: Die fallen inzwischen genauso schnell wie sie gestiegen sind. Aber es ist im Prinzip richtig. Höhere Preise sorgen für sparsameren Einsatz von Energie und Rohstoffen. Das genügt aber nicht.

BZ: Warum?
Sachs: Weil man ein Effizienzparadox beobachten kann.

BZ: Was ist das?
Sachs: Die Einsicht, dass der effiziente Einsatz einer Ware deren Verbrauch nicht senkt, sondern erhöht. Wenn Sie Autos sehr sparsam machen, kostet mich ein Kilometer Fahrt weniger und ich kann mehr fahren.

BZ: Sie wollen sagen, dass technischer Fortschritt beim Umwelt- und Klimaschutz nichts bringt.
Sachs: Er bringt etwas. Die Luft ist heute in Deutschland dank der Abgasreinigung bei den Kraftwerken und den Katalysatoren in den Autos sauberer als vor 20 Jahren. Aber allein auf technischen Fortschritt zu setzen genügt nicht. Bleiben wir beim Auto: Die Motoren sind ausgefeilt und benötigen viel weniger Kraftstoff pro PS. Aber die Fahrzeuge wurden immer schwerer, die Motoren stärker. Das hat den Fortschritt wieder aufgezehrt.

BZ: Wollen sie schwere, schnelle Autos verbieten?
Sachs: Ich will eine Selbstbeschränkung. Autos sollten nur noch 120 Kilometer pro Stunde fahren können.
BZ: Das ist das Ende der deutschen Autoindustrie und hunderttausender Arbeitsplätze.
Sachs: Wieso?

BZ: Weil die deutschen Hersteller ihr Geld mit großen, schweren, teuren, schnellen Autos verdienen. Dafür stehen die Namen Porsche, BMW oder Daimler.
Sachs: Wohin das führt, sehen wir gerade – mitten in die Krise. Was einmal ein Wettbewerbsvorteil gewesen sein mag, entpuppt sich jetzt als Nachteil.

BZ: Wir geraten in einen Konjunkturabschwung. Der geht vorbei. Sie nehmen aber mit ihren Plänen den Niedergang der ganzen Branche in Kauf.
Sachs: Wahrscheinlich habe ich eine höhere Meinung von der deutschen Autoindustrie als Sie. Die Hersteller und ihre Lieferanten haben ein enormes technisches Wissen. Deswegen bin ich sicher, dass sie auch in der Lage sein werden, attraktive kleine, leichte Autos mit neuen Antrieben zu bauen, die sich gut verkaufen lassen. Weniger ist mehr, nicht nur beim Auto.

BZ: Sie verlangen Verzicht. Das widerspricht aber den menschlichen Bedürfnissen, die im Prinzip unbegrenzt sind.
Sachs: Das sehe ich anders. Die Menschen haben vielerlei Bedürfnisse, auch solche, die einander widerstreiten. Man möchte mehr Geld haben, aber auch mehr Ruhe und Zeit zum Nachdenken. Es gibt den Wunsch nach Freiheit, aber auch den nach Sicherheit. Entscheidend ist für mich, dass wir eine neue Balance finden.

BZ: Wie soll die aussehen?
Sachs: Ich habe natürlich niemandem vorzuschreiben, wie sie oder er leben soll. Klar ist aber für mich, dass wir mit dem Plünderkapitalismus nicht weiterkommen.

BZ: Die Wurzel allen Übels ist also die Wirtschaftsordnung?
Sachs: Nein. Märkte sind für mich eine effiziente Form, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen und einen Preis zu ermitteln. Denn der Preis ist ein wichtiges Signal für die Verbraucher. Das Problem ist, dass Naturverbrauch immer noch kaum etwas kostet. Deswegen benutzen wir den Boden oder das Wasser als Müllhalde, holzen Regenwälder ab und heizen das Klima auf. Natur muss einen Preis bekommen.

BZ: Wenn Naturnutzung einen Preis hat, gehen Verbraucher sparsamer damit um. Sie sagen aber, Effizienz genügt nicht. Sie verlangen Verzicht.
Sachs: In der Idee des Emissionshandels ist beides wunderbar kombiniert. Der Grundgedanke ist, dass Firmen ein gewisses Maß an Emissionen ausstoßen dürfen. In der EU, wo es den Emissonshandel seit einigen Jahren gibt, geht es um das Recht, Kohlendioxid ausstoßen zu dürfen. Diese Rechte sind im Moment noch kostenlos. Bald werden die Firmen sie kaufen müssen. Dadurch gibt es erstens einen Preis. Zweitens sinkt die Menge der erlaubten Emissionen über die Jahre. Es gibt weniger. Das Element der Selbstbeschränkung ist also da – und zwar ohne dass ich den Menschen Vorschriften über ihr Verhalten mache. Ich gehe noch weiter. Durch den Verkauf der Emissionsrechte in der EU wird in den kommenden Jahren viel Geld in die Kasse kommen. Wir nennen das die Naturdividende, denn es ist der Ertrag der Naturnutzung, die jetzt nicht mehr kostenlos ist. Diese Naturdividende könnte man an die EU-Bürger ausschütten. Alle sollen von diesem System profitieren. Das würde die EU in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen.

BZ: Klingt wunderbar harmonisch.
Sachs: Das ist es ganz und gar nicht. Der Emissionshandel ist im Prinzip eine tolle Sache. Aber was in der EU daraus gemacht worden ist unter dem Einfluss der Branchen, die zahlen sollen, ist alles andere als befriedigend. Da wird es noch viele Kämpfe geben, bis der Emissionshandel so funktioniert, wie wir uns das vorstellen. Und der Emissonshandel ist ja nur ein Beispiel. Es wäre naiv zu glauben, es gäbe Veränderungen – und ich will ja grundlegende Veränderungen – ohne Konflikte. Wir müssen Mehrheiten suchen, um unsere Ziele durchzusetzen. Aber wenn Sie die Klimaveränderung sehen – die unterstützt unsere Argumente.

Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt. Fischer TB Verlag, Frankfurt 2008. 660 Seiten, 14,95 Euro.

Autor: Jörg Buteweg