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10. August 2012

Nervenkitzel mit Aussicht

Spektakulärer als Wandern, entspannter als Klettern: Ein Anfängerkurs am Klettersteig in Todtnau.

  1. Klettersteig in Todtnau Foto: Jürgen Goller

  2. Klettersteig in Todtnau Foto: Matthias Maier

Das macht doch mal Mut: "Bei 90 Prozent der Stürze am Klettersteig kommt der Rettungshubschrauber", antwortet Eddie lächelnd auf die Frage, wie es weitergeht, falls man einmal abrutschen und an den Sicherungsseilen hängen sollte. Wir schauen uns stirnrunzelnd an. In unsere Vorfreude mischt sich eine gehörige Portion Respekt vor der anstehenden Klettertour.

Zu siebt sitzen wir im Wald oberhalb von Todtnau und lassen uns von Kursleiter Eddie Zeiler alles erklären, was es für das Begehen eines Klettersteigs zu wissen gilt. Das Ziel unseres Anfängerkurses: Die Felswand bezwingen, die sich direkt hinter dem Todtnauer Freibad auftürmt. Von Studenten bis zu bereits leicht ergrauten Vätern mit ihren Söhnen reicht die Altersspanne der Gruppe. Einige klettern in ihrer Freizeit in Hallen und an Felsen, andere sind einfach nur gern in der Natur.

Wer auf einem Klettersteig unterwegs ist, bewegt sich auf der Schnittstelle zwischen Klettern und Wandern. "Hier steht nicht so sehr die sportliche Herausforderung im Vordergrund", sagt Eddie, selbst ein begeisterter Wanderer, "es geht mehr darum, an Plätze zu gelangen, wo man sonst nicht hinkommt, die Natur und die Ausblicke zu genießen." Doch vor Natur und Ausblicken steht zunächst einmal Theorie. Eddie, der mit seiner 2008 gegründeten Firma Do & Be Outdoor- Erlebnisse und Teamtrainings organisiert, vermittelt dabei nicht nur das Notwendigste an Wissen, sondern bringt uns die Materie auch im Detail näher. Wer beim Anfängerkurs seine Leidenschaft für Klettersteige entdeckt, ist bestens für selbstständige Begehungen gerüstet.

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Wir legen das Gurtzeug an, befestigen die Klettersteig-Sets, die für unsere Sicherheit sorgen, setzen unsere Helme auf. An einem Seil, das Eddie zwischen vier Bäumen gespannt hat, üben wir das Umklinken der beiden Sicherheitsseile, durch die wir doppelt abgesichert sind: Erst den einen Karabiner öffnen und am nächsten Seilabschnitt wieder einklinken, anschließend den anderen.

Dann machen wir uns auf zur ersten Tour auf dem Klettersteig. Wir laufen über enge Pfade, steigen über Felsbrocken. Wände hochklettern müssen wir zunächst noch nicht. Eine Felsspalte ist die erste größere Schwierigkeit. Etwa fünf Meter geht es senkrecht hinauf. Wir steigen auf einen Felsabsatz, ziehen uns mit den Armen an einem Baumstumpf nach oben. Noch ein paar Schritte und das erste Hindernis ist überwunden. Durchpusten. Nicht schlecht für den Anfang.

Wir kehren zurück an unseren Lagerplatz, doch für lange Rast bleibt keine Zeit: Alle wollen schnell wieder an den Felsen. Der Klettersteig ist gut besucht, junge wie ältere Bergfreunde sind in der Vertikalen unterwegs. Vor uns geht ein graubärtiger Mann mit zwei Jugendlichen die Felsen hinauf, zeigt ihnen dabei die richtige Technik. Er macht zwar den Anschein eines erfahrenen Bergsteigers, ist selbst jedoch völlig ungesichert. Eddie schüttelt den Kopf: "Eben wurde gefragt, was meist die Ursachen für Stürze sind – unter anderem solcher Leichtsinn."

Für uns steht nun eine etwas anspruchsvollere Route an. Eddie demonstriert, wie das für die Sicherung am Fels angebrachte Stahlkabel genutzt werden kann: Statt uns nur am Fels zu halten, nehmen wir das Kabel in die Hände, stemmen die Füße gegen den schrägen Untergrund und bewegen uns so voran. Wer hier die Kontrolle verliert, purzelt trotz Sicherung noch ein Stück weit über das Gestein hinab. Schnell verwerfe ich den Gedanken. Eddie gibt derweil Ratschläge für die erste schwierige Stelle. Eine senkrechte Felswand gilt es seitlich zu queren. Die Hände umgreifen das Sicherungskabel, die Füße steigen auf einen schmalen Absatz in der Wand. Unter uns: erstmal lange nichts, dann Geröll. Trittsicherheit ist gefragt. Und Schwindelfreiheit. Langsam tippeln wir seitwärts. Eddie hat sich in Position gebracht und kann im Zweifelsfall helfen, schieben, müde Leiber nach oben drücken. Ein paar Momente später stehen wir sicher auf einem breiten Felsvorsprung. Immer wieder erfahren wir dieses Wechselspiel aus steilen Kletterpassagen, bei denen Adrenalin durch den Körper gepumpt wird, und ruhigen Momenten zum Durchatmen, Umblicken, Genießen. Auch diese zweite Route haben wir erfolgreich bewältigt und blicken hinab auf Todtnau.

Nach einer ausgiebigen Mittagspause führt Eddie uns ein drittes Mal an den Felsen. Wir überwinden wieder dieselbe schwierige Stelle wie eben, klettern dann um eine vertikale Kante, die spitz aus dem Fels herausragt. Ich stehe auf einem schmalen Vorsprung, das Gesicht zum Fels, bewege mich nicht, schaue nicht nach unten. Warten ist angesagt, so lange bis mein Vordermann die nächste heikle Passage gemeistert hat. Der Fels hat hier leichten Überhang. Ich wähle die für mich einfachste Möglichkeit, stemme mich mit den Fußsohlen gegen die Felswand, nehme das Sicherungskabel in beide Hände, hangele mich seitwärts daran entlang. Einige kraftraubende Momente später habe ich wieder waagerechten Boden unter den Füßen.

Letztes Hindernis des Tages: Drei Drahtseile, die über eine Felsspalte gespannt sind. Zwei oben, eins unten, mit rund anderthalb Metern Abstand. Wir hängen die Sicherungsseile ein, halten uns an den oberen Kabeln fest, die in Kopfhöhe verlaufen. Die Füße balancieren auf dem unteren Kabel, vielleicht einen Zentimeter dick. Langsam geht es über den Abgrund, einen zögerlichen Schritt nach dem anderen. Ein Blick in die Tiefe steigert den Nervenkitzel. Auf der anderen Seite klinken wir uns aus. Arme und Beine sind müde. Die Knochen sind aber alle heil geblieben. Einen Rettungshubschrauber haben wir heute zum Glück nicht gebraucht.

Autor: Matthias Maier