Neue Abenteuer von Menschen und Magiern

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Do, 15. November 2018

Kino

FANTASY: "Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen".

Sechs Jahre mussten die Fans nach dem letzten "Harry Potter"-Film warten, bis sie im Kino erneut in J.K. Rowlings magische Welt eintauchen konnten. Zahllose Fantasy-Filme hatten versucht, die Phantomschmerzen zu lindern, aber an den Erfolg des Zauberlehrlings konnte keiner der Nachahmungstäter anknüpfen. Erst 2016 wurde Gnade gewährt: Mit "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" kam ein Spin-Off ins Kino, dessen Handlung ins Jahr 1926 verlegt wurde und als Vorgeschichte lose mit dem Potter-Universum verbunden ist.

Zwar gab es keine Romanvorlage, aber immerhin hatte Rowling selbst das Drehbuch verfasst und konnte einige ihrer Hintergrund- und Nebengeschichten ausbauen, die in sieben Potter-Bänden und acht Filmen keinen Platz gefunden hatten. "Phantastische Tierwesen" eröffnete eine ungeheuer fantasievolle Welt, die kreativ auf eigenen Füßen stand und dennoch genug Vertrautheit herstellte, um die ausgehungerte Fanbasis an sich zu binden. Auch Teil zwei, "Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen", bleibt dem pulsierenden zwanziger Jahre-Setting treu, verlagert das Geschehen aber von New York nach London und später nach Paris.

Hier schlägt Bösewicht Grindelwald (Johnny Depp) nach seiner spektakulären Flucht aus dem US-Zauberei-Ministerium seine Zelte auf. Er will die friedliche Koexistenz zwischen Menschen und Magiern aufkündigen und strebt – wie sich das für einen ordentlichen Finsterling gehört – nach Weltherrschaft. Mit wasserstoffblondem Haar, bleichem Teint und einer hellen Iris sieht Depps Schurke aus wie eine arische Alptraumfigur, die keineswegs zufällig die Überlegenheit der eigenen Rasse propagiert, so wie es heute wieder in Mode kommt.

Den Mächten des Bösen stellt sich erneut als veritabler Antiheld Newt Scamander (Eddie Redmayne) entgegen. Eigentlich hat der linkische Zauberer genug mit den magischen Tieren zu tun, die er in seinem Koffer beherbergt. Mit Scamander hat Rowling einen sympathischen Außenseiter zur Zentralfigur ernannt, der die gruseligsten Monster durch Zuneigung und Fachkenntnis zu bändigen weiß, aber im zwischenmenschlichen Umgang etwas ungeschickt ist. Der Magizoologe besitzt tiefe Kenntnis und Wertschätzung der Diversität des phantastischen Tierreichs, was auch seine Haltung gegenüber Menschen und Magiern bestimmt.

Als die Ordnungsbehörde des Zaubereiministeriums ihn anwerben will, lehnt er dankend ab, weil er sich dem Freund-Feind-Denken verweigert. Erst sein Lehrer Dumbledore, der hier im Körper von Jude Law seinen ersten Auftritt hat, kann ihn dazu bewegen, nach Frankreich zu gehen.

Mit viel Detailfreude verwandelt Regisseur David Yates, der auch schon für die letzten vier Potter-Filme verantwortlich zeichnete, das Paris der zwanziger Jahre digital in einen magischen Ort, an dem geheime Portale in immer neue Zauberwelten führen. Aber auch das geliebte Hogwarts wird als Location wiederentdeckt, wo Kindheits- und Jugenderinnerungen den Schlüssel für ein komplexes Handlungsgeflecht bieten. Eine Handvoll neuer Figuren wird eingeführt, die verwickelte verwandtschaftliche Beziehungen zum Potter-Universum pflegen.

War der erste Teil eine recht putzige Angelegenheit, weil hier der Schwerpunkt auf der Vorstellung der illustren Tierwelt lag, geht es in "Grindelwalds Verbrechen" deutlich düsterer zu. Wenn der Bösewicht sein neues Quartier in einer Pariser Wohnung bezieht, werden die Vormieter gleich im Sarg herausgetragen. Das Finale wird auf dem Friedhof Père Lachaise ausgefochten, wo sich Grindelwalds Gefolgschaft in einer finsteren Arena versammelt. Hier kommt es auch zu einigen überraschenden Enthüllungen, die sichtbar eine Handlungsbrücke zu den Folgewerken bilden sollen. Drei weitere Filme sind angekündigt und die unermüdliche J.K. Rowling sitzt schon am nächsten Drehbuch.

"Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen" (Regie: David Yates) läuft flächendeckend. Ab 12.