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14. Mai 2010
Hilfe für Schüler – und die Wirtschaft
Potenzialanalyse und Berufsinformationstag führen in Neuenburg mit Unterstützung der Stadt Schüler und Firmen zusammen.
NEUENBURG AM RHEIN. Stadtverwaltung, Bauinnung, Arbeitsagentur sowie zwölf Firmen und rund 180 Schüler trafen gestern im Stadthaus zusammen – beim Neuenburger Berusinformationstag. Adressiert war die Veranstaltung an Haupt- und Realschüler, an Gymnasiasten und Schüler von beruflichen Schulen, die sich dem Abschluss nähern. Den Gesprächen zwischen potenziellen Auszubildenden und Betrieben war eine Potenzialanalyse vorausgegangen. Bei diesem Test konnten die Schüler ihre Stärken und Schwächen ergründen.
Mit Schulleitern, Firmenvertretern und dem Bürgermeister hatte sich gestern im Stadthaus zum Pressegespräch eine große Runde eingefunden: Denn Gabriela Bernauer, die beim Azubi-Diagnosezentrum Südbaden für die Eignungsdiagnostik zuständig ist, stellte die Ergebnisse der von ihr betreuten Potenzialanalyse vor. An der Haupt- und Werkrealschule hatten 56 Schüler an dem mehrstündigen Test teilgenommen, an der Realschule 75, am Gymnasium 25. Initiiert wurde dies vom Neuenburger Arbeitskreis Wirtschaft und Schule, der aus einer Zukunftswerkstatt entstanden ist. Auch bei der Finanzierung haben sich Stadt und Firmen zusammengetan, damit die Elternbeiträge von ursprünglich 89 Euro auf 20 Euro reduziert werden konnten. Wie viel die Analyse in der Summe gekostet hat, wurde nicht verraten. Wie Bürgermeister Joachim Schuster aber erklärte, soll sie möglichst jedes Jahr stattfinden und "nicht nur ein Versuchsballon bleiben".Werbung
Hintergrund ist, dass die lokale Wirtschaft Arbeitskräfte braucht, dass aber viele Jugendliche gar nicht wissen, welche Ausbildungen sie vor Ort machen können. Mit dem Test sollen sie auf den für sie richtigen Berufsweg gelotst werden. Und nicht nur sie: Auch ihre Eltern, die in jeweils einstündigen Gesprächen von Bernauer erfahren haben, was bei dem Test herausgekommen ist. Eltern und Kinder liegt außerdem ein jeweils 30-seitiger Ergebnisbericht vor. Darin sind die Berufe aufgezählt, die für den Schüler, die Schülerin, am ehesten in Frage kämen. Die Daten werden nicht an Firmen weitergeleitet. Sie sollen aber bei der Kontaktvermittlung über die Schulen zum Beispiel helfen.
Wie Bernauer ausführte, wurde der Test an der Universität Hohenheim entwickelt. Die Internetabfrage dauere drei bis vier Stunden und stelle nicht nur Fragen, sondern prüfe auch Leistungen ab, etwa die Beherrschung der Grundrechenarten. Dabei spielten auch soziale Kompetenzen eine Rolle. Denn, so Bernauer, ein junger Mensch mit starker Persönlichkeit könne schwache kognitive Werte kompensieren – und damit später in verschiedenen Berufen erfolgreich sein.
Grundsätzliches Ergebnis bei den Hauptschülern war, dass die getesteten Achtklässler unter- bis durchschnittliche Werte erreicht haben, bezogen auf die Intelligenzverteilung in der Bevölkerung. Ergeben hat sich aber auch, "dass der eine oder andere an der Realschule besser aufgehoben wäre", wie Bernauer sagte. Ihr ist aufgefallen, dass sich die öffentliche Diskussion über die Hauptschule ausgewirkt hat: Die Schüler glaubten, sie müssten unbedingt Abitur machen. In den Gesprächen sei sie Eltern gegenüber gesessen, darunter viele mit Migrationshintergrund, die von ihren Kindern erwarteten, dass sie studieren – unabhängig davon, ob sie dies könnten. Bernauers Appell: sensibler über die Hauptschule diskutieren. Sie könne Schüler zu Berufen führen, "für die sich tatsächlich geeignet sind".
An der Realschule hat die Analyse durchschnittliche bis leicht überdurchschnittliche Werte ergeben. Hier gebe es Schüler, so Bernauer, die auf dem Gymnasium besser aufgehoben wären. Durch das Potenzial dieser Schüler mit meist durchschnittlicher Intelligenz könnten hochtechnologische Ausbildungsberufe abgedeckt werden. Die meisten Realschüler wollten jedoch weiterführende Schulen besuchen und Abitur machen. Zu überlegen sei, wie man diese früher in Ausbildung bringen könnte.
Den Zwölftklässern des Kreisgymnasiums bestätigte Bernauer eine überdurchschnittliche Intelligenz. Sie seien für ein erfolgreiches Studium geeignet und brächten "wesentlich höhere Problemlösefähigkeiten" als Haupt- und Realschüler mit. Doch nicht alle Schüler könnten, wenn es um den berufliche Weg geht, ihre intellektuellen Fähigkeiten abrufen: Bei einigen müsse vor dem Studium noch eine Entwicklung der Persönlichkeit erfolgen, etwa bei der Bundeswehr oder bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr. Andere hätten schon eine relativ klare Berufsplanung. Und fünf von ihnen wären geeignet, an der Dualen Hochschule Ingenieurwissenschaften zu studieren, darunter Schülerinnen, die von Bernauer gezielt darauf angesprochen wurden. Denn Frauen müssten "ja nicht unbedingt Sinologie oder Journalistik" studieren.
Vorreiter in Sachen Potenzialanalyse ist die Neuenburger Großbäckerei K&U, die schon länger ihre Lehrlinge mit diesem Verfahren auswählt. Ausbildungsleiter Winfried Fletschinger erzählte von einer neuen Auszubildenden, die wegen ihrer Schulnoten bis vor wenigen Jahren nicht eingestellt worden wäre. Von ihren "vielen Vieren" sei aber nichts zu spüren, das Mädchen gebe Vollgas und habe "Ausstrahlung ohne Ende". Silvia Voigt, Personalleiterin bei Losan-Pharma, erhofft sich von Potenzialanalyse und Informationstag neue Bewerber. Ihre Firma bilde jedes Jahr vier Pharmakanten aus. Doch dieser anspruchsvolle Beruf sei bei jungen Leuten nicht präsent. Ihn bekannter zu machen, ist ihr ein Anliegen: "Wir wollen jungen Leuten am Standort Angebote machen und sie langfristig binden."
Rudi Grunau warb als ihr Vertreter für die Duale Hochschule in Lörrach. Für ihn steht fest, dass "der Kampf um die Köpfe" nach dem Abiturienten-Doppeljahrgang von G8 und G9 losgehen wird: "Wenn wir in der Region bestehen wollen, müssen wir was tun." Für den Bürgermeister ist das Zusammenbringen von Schülern und Firmen "aktive Wirtschaftsförderung für den Standort".
Autor: Andrea Drescher
