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06. Februar 2012
Im Wald sind nicht nur die Räuber
Zigeuner-Clique begeistert das närrische Volk beim 28. Zigeunerball im Neuenburger Stadthaus / Thema war der Wald mit seinen lebenslustigen Bewohnern.
NEUENBURG AM RHEIN. Draußen herrschte klirrende Kälte, im Stadthaus heizte die Neuenburger Zigeuner-Clique mächtig ein. Und das mitten im Wald, denn der stand an beiden Abenden am Wochenende im Mittelpunkt der Bühnenbeiträge und der kreativen Dekoration. 2011, das Jahr der Wälder, sei verlängert worden, sagte Baronin Daniela Klingenmaier.
Den köstlichen Auftakt boten auch beim 28. Ball die Zigeunerkinder unter Leitung von Vera und Walter Kößler. Unter den Zwergen und Fliegenpilzen war auch der jüngste, zweieinhalbjährige Narresoome eifrig dabei. Sie sangen mehrere Varianten des Liedes "Ein Männlein steht im Walde" – auch als Rappsong. Drei Kinder, Selina Joos, Irma Grozinger und Nicolai Düball, spielten in der Bütt schwerhörige und vergessliche Senioren, denen nichts fehlt, weil sie alle Krankheiten haben. Wenn das linke Knie schmerzt, kann es nicht am Alter liegen, denn, das rechte Knie ist ja gleich alt.Erfrischend war der Märchenkrimi mit Schnapsleiche Florian Kößler. Das Rotkäppchen und die Kommissare – Ramona Lümkemann, Lena Wurzer und Franziska Düball – wussten gleich: "Wer Cola und Bier trinkt, kollabiert". Nicole Hiss plauderte aus dem deutsch-türkischen Nähkästchen. Türken müsse man erklären, dass Lebkuchen nicht lebt und Marmorkuchen weich ist, Deutsche wüßten nicht, dass "Aldi auf, Aldi zu" für "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" stehe. Flott daher flatterten die Jungzigeuner als nachtaktive Tanz-Eulen, einstudiert von Lisa Adamik und Alena Rother.
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Leicht eingerostet ist das Eheleben von Daniela Dempf und Roland Kappeler. "Danke für die Blumen von der Tanke", meckerte sie. Und warum leben Frauen länger? Ist doch klar: "Weil Fraue keini Fraue henn". In Neuenburg war es früher schöner. Im Stadthaus durfte man noch Teelichter entzünden und singen ohne Zeitlimit. Und der Scheibenfeuerplatz habe zum Abschlag einen Buckel gehabt. Alles vorbei. Heute ist eben alles eben.
Bernadette Burgert und ihre Sisters – Felicitas Nicolosi, Martina Brombacher und Diana Vogel – motivierten den ganzen Saal das "Om" auf der Waldlichtung mitzusingen. Das gehört nämlich zum esoterischen Workshop für die LaGa, die Landesgartenschau in zehn Jahren.
Als Fledermaus hat Zigeunerbaronin Daniela Klingenmaier keine Angst vor Rhiischnoog Daniel Orth mit einer langen, hölzernen Pinocchio-Nase. Die Baumaßnahme am alten Zoll lasse auf sich warten, aber die Fledermäuse habe man schon ausquartiert. Die schwirren jetzt wie die Schnooge beiderseits des Rheins herum. Vielleicht ist etwas schief gelaufen, wie bei dem Mann, der ein Rolltor bestellt und einen Rollator bekommen habe.
Da im Wald bekanntlich die Räuber sind, tanzten Zigeunermänner als "Robin Hood in the Wood" gemeinsam mit ihrer bewährten Trainerin Sara Weltle. Die sozial-gerechten "Hoods" haben jedoch nur den Bühnenwald unsicher gemacht. Auf die räuberische Umverteilung des Kapitals von den Reichen an die Armen, haben sie verzichtet.
Als elsässischer Zugvogel vom "Golf dü Rhä" traf der gallische Klapperstorch Bernadette Burgert auf Doris de Bréchan, die "wi alli Schwiizer" ihren Zweitwohnsitz auf dem Neuenburger Campingplatz hat. Dort macht sie Urlaub wie der Vogel Uhu – "ums Huus umme". Und ihr Nachbar ist ein Spanier ohne Auto, der Car-los. Optischer und tänzerischer Höhepunkt war auch in diesem Jahr der Showtanz der Zigeuner. Als Waldhexen wirbelten sie zur Musik von Philipp Müller über die Bühne, allesamt hübsch-hässlich und dank dem professionellen Schminkteam ohne Masken. Die Gesichter der 15 Akteure waren von Meisterhand modelliert worden.
Für beste Stimmung beim Schunkeln und Tanzen sorgte die "Sax-Key-Band". Der Rest war hausgemacht. Die tollen Kostüme der Waldbewohner, wie Hexen, Eulen, Zwerge und Pilze, entstanden in wochenlanger Handarbeit des ehrenamtlichen Nähteams. Die große Zigeunerfamilie arbeitet vor und hinter der Kulisse Hand in Hand. Das Bühnenbild stammte von Gerd Blank und Joachim Joss, den guten Ton mixte Philipp Müller, Regie führte Oliver Vogel. Und das Kulissenteam stand unter der Leitung von Ehrenmitglied Erwin Vogel. Die Vogel-Familie passte dieses Jahr auch namentlich bestens ins Programm der Zigeuner-Clique, denn im Wald sind Vögel heimisch.
Autor: Sigrid Umiger


