Neugierig und wachsam sein

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 10. Juni 2018

Klassik

Der Sonntag Coraline: Eine Oper über ein Mädchen in einer Fantasiewelt beim Freiburg-Festival.

Mit der deutschen Erstaufführung eines Märchenklassikers als Oper leistet auch das Freiburger Theater einen Eigenbeitrag zum laufenden Freiburg Festival. In "Coraline" geht es um die fantastischen Abenteuer einer Elfjährigen. Verkörpert wird sie von der viel gelobten jungen Sängerin Samantha Gaul.

Türen, hinter denen verborgene Welten liegen, sind so selten nicht in der Welt der Erzählungen. So beginnt auch der britische Schriftsteller Neil Gaiman seine Novelle, die vor allem durch einen US-Animationsfilm aus dem Jahr 2009 große Popularität erlangte. Mark-Anthony Turnage, einer der erfolgreichen Vertreter Neuer Musik, hat eine Oper daraus gemacht, die erst vor Wochen in London welturaufgeführt wurde. Mit Generalmusikdirektor Fabrice Bollon am Pult, einem kleinen Orchester und Sängern des Freiburger Ensembles kommt es nun zur deutschen Erstaufführung.

Knöpfe statt Augen

Coraline hat Sorgen, die viele Mädchen in ihrem Alter teilen. Die Eltern haben viel zu tun, schenken ihr nicht die Aufmerksamkeit, die sie gerne hätte. Und dann entdeckt sie im Wohnzimmer diese seltsame Tür, hinter der sich eine Welt auftut, in der bereits all ihre Bekannten leben, in der aber alles viel freundlicher und unkomplizierter erscheint. Wenn nur nicht alle hier Knöpfe statt Augen hätten.

Ein bisschen habe sie die Geschichte an "Alice im Wunderland" erinnert, meint die 25 Jahre alte Sopranistin Samantha Gaul, die seit dieser Spielzeit als festes Ensemblemitglied in Freiburg singt, etwa schon in "Love Life" oder "Hoffmanns Erzählungen" zu erleben war und mehrfach enthusiastische Kritiken erhielt, über ihre Titelfigur Coraline. "Sie ist in einer neuen Umgebung erst einmal ängstlich, im Verlaufe der Handlung lernt sie, sich ihren Ängsten zu stellen." Ein Prozess des Erwachsenwerdens beschreibe die für alle ab acht Jahren geeignete Oper, "Coraline verändert durch ihre negativen Erfahrungen in der anderen Welt auch ihren Blick auf die reale Welt, auf ihre Eltern als Menschen mit Fehlern, aber auch großen Stärken."

Die "andere Mutter" in der Fantasiewelt erweist sich als Seelenfängerin, mit Hilfe der Geister von drei Kindern gelingt Coraline schließlich die Flucht. Und was nimmt sie mit in ihre ursprüngliche Welt? Und mit ihr die Besucher des Musiktheaters? "Dass man offen sein soll, neugierig, aber auch überlegt", sagt Gaul. "Dass auch der Blick hinter die Fassade wichtig ist."

Ein wenig Bühnenzauber

Und natürlich ist das Stück auch eine prima Vorlage, um ein wenig Bühnenzauber zu machen, ergänzt Generalmusikdirektor Fabrice Bollon. Eine Zauberkiste werde eine wichtige Rolle spielen, die Bühnentechniker des Hauses seien mit dieser Produktion ganz schön herausgefordert gewesen. Da trete die Musik sogar ein wenig in den Hintergrund. Wirklich, das aus dem Mund des Dirigenten? "Ja, die Musik ist nicht die Hauptsache, diene letztlich auch der Untermalung", gibt sich Bollon bescheiden. Was nicht heiße, dass es da nichts zu entdecken gäbe. "Es soll locker klingen, ist aber mitunter so schwer wie die schwersten Strawinskys", meint der Dirigent über die Vorlage. Mit einem kleinen Orchester von nur 16 Personen studiere er das Werk ein. "Da gilt es viel präziser zu sein, während bei einem großen Orchester ein Fehler schon eher verziehen wird." Lohnend sei die Arbeit mit der kleineren Gruppe aber auch. "Ich kann auf die einzelnen Musiker viel mehr eingehen."
Coraline, Premiere am Freitag, 15. Juni, 19.30 Uhr, Theater Freiburg, Großes Haus, weitere Vorführung am Sonntag, 17. Juni, 19 Uhr, Karteninformationen unter 0761 / 496 88 88