Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

25. Januar 2014

Standortdebatte

Suche nach neuem Fußballstadion entzweit Freiburg

Die Freiburger treibt die Suche nach einem neuen Fußballstadion um / Über Versuche einen Streit zu vermeiden, der nicht zu vermeiden ist.

  1. wertwertwertewrtew Foto: Ingo Schneider

  2. „Demokratie pur“ oder Farce? Freiburgs OB Salomon, SC-Manager Leki und Präsident Keller (von rechts) vor einer Bürgerversammlung, die den Stadionstreit befrieden soll Foto: Ingo Schneider/Michael Bamberger

Gesucht wird: ein Fußballstadion. Eines, in dem der Ball auf bodensaurem Magerrasen rollt, außer, wenn da gerade die Feldlerche brütet, wo 33 000 Fußballfans still und zügig per Fahrrad an- und abfahren, wo man nicht herumtrompetet und -proletet, sondern bei einem Tor nur leise "Tor" schreit und bei einem Foul halblaut "so nicht" sagt – kurz, ein Stadion, das auch die Klavierlehrerin oder der Lateinprofessor gern in ihrer Nachbarschaft hätten, nachhaltig, aus Holz vielleicht. Gibt es nicht? Stimmt. Die Stadt Freiburg und ihr Sport-Club suchen es dennoch. Und versuchen es dabei wieder einmal allen recht zu machen.

"Bla, bla, bla", blafft es aus der dritten Stuhlreihe, zum zweiten Mal schon, in diesem bitter-trockenen Tonfall. Die Rothaus-Arena, der große Messesaal, ist bei weitem nicht gefüllt, aber fast tausend Zuhörer an einem normalen Dienstagabend – das lässt schon auf Motivation schließen. Eben hat die Es-allen-recht-Macherin vom Dienst, Moderatorin Antje Grobe, wieder einen ihrer sehr pädagogischen Sätze gesagt, einen wie: "Es haben in den Dialogforen ganz, ganz viele Leute sehr, sehr ernsthaft mitgearbeitet, das sollten wir heute auch hier tun." Und Martin Haag, Baubürgermeister der Stadt, hat erneut beteuert, man habe "noch keine Entscheidung getroffen".

Werbung

Wo sich Fuchs und

Hase gute Nacht sagen
"Bla, bla, bla", schallt ihm da entgegen. Denn es gibt hier im Saal Leute, und ihrer nicht zu knapp, die ihm genau dies nicht glauben, und das schon länger. Keine Entscheidung? Wer das so betont wie Haag, glauben sie, der meint nach den Gesetzen der Psychologie genau das Gegenteil. Tatsache ist: Die Streitfrage, die die Freiburger Öffentlichkeit momentan am meisten umtreibt – ein neues Stadion für den Fußballbundesligisten SC Freiburg, und wenn ja, wohin damit? – wird erst Ende Februar der Gemeinderat entscheiden, und selbst dann noch nicht über Ja oder Nein, da oder dort, sondern erst einmal nur darüber, ob dieser Standort "vertieft untersucht" wird.

Dieser Standort. Er liegt einen knappen Kilometer Luftlinie von der Messehallen-Bürgerversammlung entfernt und sieht bei Tag tatsächlich so aus, wie er heißt: Wolfswinkel – ein Gehölz und eine naturbelassene Wiese am Mooswald, begrenzt von einer Bahnlinie und einem zugewachsenen Müllberg, Blick auf das weite Flugfeld und dahinter die derzeit schneegepuderten Schwarzwaldgipfel Kandel und Schauinsland. Nachts sagen sich hier zwar nicht Wolf, aber Fuchs und Hase gute Nacht, und mancher wünscht sich, dass das auch so bleibt.

Aber dieser Standort, sagt Fritz Keller, der Präsident des Clubs, sei "aus 25 geprüften Standorten" als einer hervorgegangen, den man jetzt mal genauer untersuchen will. "Soso" und "oho" muss sich Keller da anhören. Das mit den 25 Standorten kauft man dem Vereinsboss nicht ab. Gewiss standen die alle mal als Nummern auf einem Stadtplan, verteilt übers Stadtgebiet und darüber hinaus. Aber geprüft? Das, finden viele, kann man nicht ernsthaft behaupten. In der Phalanx der Gutachter jedenfalls, die sich an diesem Abend auf dem Podium abwechseln, ist einer nach dem anderen zu der Einschätzung gekommen, die die Stadtspitze und die Vereinsspitze einzig interessiert: dass man "kein K.-o.-Kriterium" gegen den Standort gefunden habe, weder beim Lärm oder Verkehr, noch bei dem, was an geschützten Arten kreucht und fleucht. Auch nicht beim Flugbetrieb.

Als richtiger Fußballmuffel gibt sich im Publikum keiner zu erkennen an diesem Abend, das mag Keller und Kollegen beruhigen. Auch nicht als Keller-Gegner, was es auch schon mal gab zu den Kampfzeiten um Trainerveteran Volker Finke 2007. Im Gegenteil: Dem Club die Daumen zu drücken, gehört zum guten Ton in Freiburg, quer durch die gesellschaftlichen Schichten, gerade jetzt, da der Verein mal wieder um den Klassenerhalt kämpft.

Es gibt interessanterweise auch außer den Nostalgikern kaum jemanden, der ernsthaft bestreitet, dass der SC ein neues Stadion braucht. Für die dysproportionalen Abmessungen des Spielfelds im Dreisamstadion oben an der Schwarzwaldstraße gibt es seit längerem bloß noch Ausnahmegenehmigungen vom Ligaverband DFL, die umsatzträchtigen VIP-Bereiche sind zu klein und eng, die Zahl der Sitzplätze ist limitiert, Kamerapositionen, Sanitärbereich, Catering – überall müsste investiert werden, was aber nach übereinstimmender Meinung am bisherigen Standort keinen Sinn mehr habe – viele sagen, unabhängig von Abstieg oder Tabellenplatz.

"Hier ist Endstation", bestätigt Dirk Grießbaum vom Fanprojekt Freiburg, der sich als Sozialarbeiter ansonsten ungern einmischt in ökonomische Belange des Sport-Clubs, "hier geht das nicht mehr." Da klingt bei ihm auch so etwas wie Wehmut an. Denn Fans, sagt der 43-Jährige in seinem Fantreff unweit des heutigen Stadions, haben ihre Rituale und ihre Routine – von der Route ins Stadion zum Spiel, dem Stammplatz an einer bestimmten Stelle der Nordtribüne bis zur Stammkneipe für danach. Der alte Standort an der Dreisam nahe dem Waldrand "ist ein Idyll", schwärmt Grießbaum, "das loszulassen ist nicht einfach, man muss halt versuchen, so viel wie möglich davon ins Neue mitzunehmen".

Aber auch in der Messehalle kommen in dieser Hinsicht freundliche Töne, von denen manch anderer Club der Republik bei so einer Auseinandersetzung bloß träumen könnte. Auch hier drückt man dem SC die Daumen. "Wir sind nicht gegen ein neues Stadion", sagen die Stadiongegner, "wir sind nur gegen eins an diesem Standort."

Es ist eine kuriose wutbürgerliche Allianz, die sich da rhetorisch und organisatorisch unterhakt gegen das Projekt. Es sind hauptsächlich Anwohner der nahen Mooswaldsiedlung, die um ihre Ruhe, und Flieger, die um ihren Flugplatz fürchten. "Die Dohlen und Feldlerchen kann man verscheuchen", klagt eine Bürgerin, "aber ich muss das alles ertragen." Es wird "unendlich viel zerstört", sagt eine andere, und erinnert an die Messe von Papst Benedikt 2010 auf dem Flugplatz, mit der der Magerrasen auch schon seine liebe Not gehabt habe.

Mitbürgerin Beate Kuchler dagegen, auch sie wohnt in der Siedlung, klagt nicht – sie klagt an: Das Verkehrsgutachten im Auftrag der Stadt, das die grollenden Siedlungsbewohner mit Verkehrsberuhigung beruhigen soll, hält sie für "oberschräg": Bei Spielbetrieb im Stadion, sagt sie, "werden wir praktisch eingesperrt sein und stundenlang keinen Besuch mehr empfangen können". Kuchler ist es auch, die immer wieder Debattenredner oder Gutachter mit ihrem trockenen "Bla bla bla" zu irritieren versucht, manchmal mit Erfolg.

"Nimbys" hat die Mooswälder Stadiongegner ein Spötter der Pro-Fraktion genannt, es ist die amerikanische Abkürzung für not in my back yard (nicht in meinem Hinterhof) – Bürger, die ihre Gegnerschaft zu bestimmten Projekten erst entdecken, wenn ihr Wohnumfeld betroffen ist. Rund um das jetzige Stadion im Stadtteil Littenweiler scheinen sich die Meisten mit dem Stadionlärm und Fußballfan-Herdengetrappel, dem Müll in ihren Vorgärten und Pinkelpfützen vor der Garage alle zwei Wochen längst arrangiert zu haben. Den sommerlichen Schwimmbadverkehr rund um das Strandbad, bestätigt Bärbel Stölker, die von ihrem Haus aus direkt auf den Haupteingang des Stadions schauen kann, "finde ich viel schlimmer". Vereinsboss Keller behauptet sogar: "Die Leute dort wollen uns gar nicht wegziehen lassen."

Allerdings scheint sich auch bei den Mooswaldsiedlern hinter den "Kein Stadion am Wolfswinkel"-Transparenten an ihren Häusern bereits eine gewisse Resignation breitzumachen. "Von meinem Gefühl her ist die Entscheidung gefallen, so traurig das klingt", sagt Adelbert Herbstritt (53), dessen Eigenheim die Adresse "Im Wolfswinkel" trägt – "einfach", fügt er noch an, "weil die Stadt es will mit aller Macht."

Mit aller Macht? "Es gibt keinen Standort, wo alle Hurra schreien", sagt Dieter Salomon, grüner Oberbürgermeister der Stadt und des Spaßes an der Macht nicht unverdächtig. Und: "Den idealen Standort gibt es nicht." Stimmt er seine Bürgerschaft, deren "möglichst großen Konsens" er nach eigenen Worten in dieser Frage sucht, da schon auf eine simple Mehrheits- und Machbarkeitsentscheidung am Standort Wolfswinkel ein?

Allerdings hat Salomon schon im Sommer, bei der ersten großen Bürgerversammlung, ein Versprechen gemacht, das noch Brisanz bekommen könnte. "Hände weg vom Flugplatz, das haben wir 1995 gelernt", sagte er. Und: "Deutlicher als ich es getan habe, kann man sich zum Flugplatz gar nicht bekennen." Also neues Stadion – und Weiterbetrieb des Flugplatzes?

Worauf Salomon anspielt, das ist ein Beschluss aus Zeiten, da er noch im Gemeinderat und als Oppositioneller im Landtag saß: Mit OB-Vorgänger Rolf Böhmes SPD wollten Salomon und seine Grünen damals den Freiburger Flugplatz dichtmachen – und handelten sich einen Bürgerentscheid ein. Der verfehlte zwar das Quorum, war aber in der Eindeutigkeit des Votums pro Erhalt politisch dennoch nicht zu ignorieren und galt fortan an Bestandsgarantie.

Ein 28 Meter hoher Stadionhochkoffer so dicht an der Start- und Landebahn? Namhafte Flieger versichern, dass da Luftverwirbelungen entstehen, die eben doch ein K.-o.-Kriterium seien – wenn nicht für das Stadion, dann jedoch für den Flugplatz. Dass die Segelfliegerei mit ihrem Schleppbetrieb neben einem Stadion keinen Platz mehr haben wird, haben die Planer bereits eingeräumt. Auch die Fallschirmspringer müssten ausweichen, etwa auf den Flugplatz Bremgarten im Markgräflerland. Aber den bisherigen Motorflugbetrieb, versichern die Gutachter, störe das neue Bauwerk an höchstens 90 Stunden im Jahr, aber damit auch Flugzeuge, die Spenderorgane für die Uniklinik transportieren.

Wird über kurz oder lang

der erste Unfall passieren?

Den Flieger Herbert Kallinich bringt das in Rage, er nennt es, wenn man ihn darauf anspricht, "Farce" und "Verarschung". Nach Berechnungen des agilen 72-Jährigen wäre der Motorflugbetrieb an der Leeseite des Stadions nicht nur an 90 Stunden, sondern an 60 Tagen im Jahr von unkalkulierbaren Winden bedroht. "Über kurz oder lang", prophezeit der Kfz-Meister, "wird da der erste Unfall passieren, und dann hat die Politik ihren Anlass, da das Stadion ja schon steht, den Flugplatz endlich dichtzumachen." Und, fügt er hinzu, diesen endlich als Bauland zu nutzen. Ein Unfall? Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Flugzeug während des Spiels aufs Stadion stürzt, hält Gutachter Herbert Lehner für kleiner als einen Sechser im Lotto. Aber das hat Flieger Kallinich wohl nicht gemeint.

Drohungen wechseln mit Beschwichtigungen und diese mit Drohungen. "Wundern Sie sich nicht, wenn Sie in fünf Jahren noch nicht angefangen haben zu bauen", warnt ein Nabu-Vertreter. "Wahrscheinlich werden wir am Ende vor Gericht gehen", kündigt der Baubürgermeister an. Am Ende reagiert sogar die Moderatorin gereizt auf das Volk. Nur Christian Streich, der SC-Trainer, kann dem Ganzen Gutes abgewinnen. "Wahnsinn, wie die Leute da zu Wort kommen", staunt er anderntags, "das ist Demokratie pur!"

DIE STADIONSUCHE

2009 erneuert der SC Freiburg seine Forderung nach einem neuen Stadion. Der alte Standort habe keine Zukunft. SC und Stadt beauftragen ein Frankfurter Fachbüro mit der Standortsuche. 24 Flächen werden analysiert. Der Gemeinderat verlangt, einen Umbau des alten SC-Stadions zu untersuchen. Ergebnis: 52 bis 65 Millionen Euro und mehrere Jahre Bauzeit. Im Frühjahr 2013 setzt der Gemeinderat gegen den Willen von OB Salomon durch, dass der Flugplatz noch einmal untersucht wird. Tatsächlich hält das Fachbüro den "Wolfswinkel" dort für den am besten geeigneten Standort. Sofort formiert sich Widerstand im angrenzenden Stadtteil. Die Stadtverwaltung verspricht Vorabgutachten zu Klima, Flugbetrieb, Verkehr und Lärm. Anfang Januar 2014 liegen sie vor und halten alle Hürden für überwindbar.  

Autor: mac

Autor: Stefan Hupka