Niemand suchte nach der Mikwe

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Fr, 27. Juli 2018

Kunst

Die Stadt Straßburg hat jetzt den Zugangsbereich zu dem aus dem Mittelalter stammenden Ritualbad saniert.

Der erste Eindruck ist unspektakulär. Ein hellblaues Schild an einer Hauswand in der Straßburger Altstadt. Rue des Charpentiers, Hausnummer 20. Man muss wissen, dass es sich hier um eines der wenigen Zeugnisse mittelalterlichen jüdischen Lebens in Frankreich überhaupt handelt. Allein die Mikwe, das jüdische Ritualbad, ist von der ersten, vor 1150 gegründeten mittelalterlichen jüdischen Gemeinde Straßburgs erhalten. Die Stadt hat nun den Zugangsbereich zur Mikwe saniert und einen Nebenraum mit erklärenden Texttafeln – auch in deutscher Sprache – ausstatten lassen.

Lange war das wohl im frühen 12. Jahrhundert eingerichtete Bad in Vergessenheit geraten. Nach dem Ende seiner rituellen Nutzung wurde es als Brunnen genutzt und später zugeschüttet. 1984 hat man die Mikwe zufällig bei Bauarbeiten an dem Haus freigelegt, in dessen Keller sie sich befindet. "In all der Zeit hat man sehr wohl gewusst, dass die ursprüngliche Mikwe hier irgendwo sein musste", versichert Jean-Pierre Lambert, Vizepräsident des historisch-israelischen Vereins Alsace-Lorraine. Nur hatte niemand nach ihr gesucht.

Ähnlich frühe, meist jedoch besser erhaltene Judenbäder findet man in Deutschland im hessischen Friedberg (13. Jhdt.), in Köln (11. Jhdt.) und in Speyer (12. Jhdt.). Die Offenburger Mikwe geht nach neueren Erkenntnissen wohl auf das späte 16. Jahrhundert zurück. Sämtliche Elemente, die zu einer Mikwe gehören, sind in Straßburg nicht mehr zu sehen, so fehlen auch die Treppenstufen, die nach unten in die Tiefe zum Wasserspiegel geführt haben. Eine Nische in der Wand ist erhalten. Dort stellten die Frauen, die das Tauchbad nach ihrer Regel benutzten, ihre Leuchten ab. Hinter einem Gitter, das zur Sicherheit der Besucher angebracht ist, öffnet sich ein Schacht; drei mal drei Meter gemauerte Wände reichen in die Tiefe. Das quadratische Becken fasste mehr als zehn Kubikmeter Wasser, doch der Grundwasserspiegel ist längst gesunken. "Ein Holzrahmen auf der unteren Ebene dürfte aus der Zeit stammen, als die Mikwe als Brunnen diente", sagt Lambert. Vielleicht sei er Teil eines Filters gewesen, mit dem das Wasser gereinigt wurde.

Das Straßburger Bad ähnelt der erhaltenen Mikwe in Speyer. Von dort hatten sich die ersten Juden in das mittelalterliche Straßburg aufgemacht. Ihr Leben spielte sich im Bereich der Rue des Charpentiers, der Rue des Juifs und der Rue du Faisan ab. Der Friedhof befand sich am heutigen Place de la République, damals jenseits der Stadtmauern.

Mitte des 13. Jahrhunderts, das ist verbrieft, gehören die Steuerzahlungen der Straßburger Juden zu den höchsten im Reich. Als um 1300 die französischen Juden des Landes verwiesen werden, finden viele von ihnen im zum deutschen Kaiserreich gehörenden Straßburg eine neue Heimat. Als Mitte des 14. Jahrhunderts die Pest auch im Elsass wütet, behaupten die Straßburger, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Als Sündenböcke werden sie für die Seuche verantwortlich gemacht, die mehr als ein Drittel der Bevölkerung dahinraffen sollte.

Das Viertel hieß: Zum Judenbad

Der 14. Februar 1349 ist der Tag des Straßburger Pogroms. Fast alle Juden werden verbrannt, ihre Gemeinschaft damit ausgelöscht. Erst um 1369 entsteht neues jüdisches Leben in der Stadt. 1390 werden die Juden aus der Stadt geworfen und leben fortan im Umland, in Dörfern wie Bischheim und Kolbsheim. Nur tagsüber lässt man sie durch die Stadttore der freien, direkt dem Kaiser unterstellten Reichsstadt. Mit der Französischen Revolution liberalisiert sich auch die Haltung gegenüber den Juden. Ihr Lebensmittelpunkt befindet sich da allerdings nicht mehr im Umfeld der auch heute noch nach ihnen benannten Rue des Juifs (Judengasse), weshalb auch die erste Mikwe in Vergessenheit gerät. Der Name des alten jüdischen Stadtviertels – Zum Judenbad – erinnerte bis in die Renaissance an diese Geschichte.

Die "Miqvé médiéval" kann sonntags bis Ende August, 10 bis 12 Uhr, besichtigt werden. 20 rue des Charpentiers.
Wer mehr über jüdisches Leben im Elsass erfahren möchte, sei auf die Europäischen Tage der jüdischen Kultur am ersten Septemberwochenende verwiesen.
Das Programm findet sich auf
http://www.jecpj-france.com (Programm Alsace auswählen).