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11. April 2011

Niki schießt sich frei

Szenische Lesung mit Lore Seichter-Murath über die Weltenbürgerin Niki St. Phalle.

  1. Die szenische Lesung von und mit Lore Seichter-Murath fand im Georg-Scholz-Haus statt. Foto: Nicola Gastiger

WALDKIRCH. Mit einer szenischen Lesung, entwickelt und vorgetragen von der Berliner Regisseurin und Schauspielerin Lore Seichter-Murath, wurde Besuchern des Georg-Scholz-Hauses Waldkirch die Weltenbürgerin Niki St.Phalle näher gebracht.

Niki St. Phalle (1930-2002) gehört zu den faszinierendsten Künstlern Europas. Die in Neuilly-sur-Seine geborene, in den USA aufgewachsene Bankierstochter startet ihre Karriere als Model für Vogue, Harper, das Life-Magazine und andere, heiratet Harry Mathews, bekommt 1952 eine Tochter, zieht nach Paris, unternimmt lange Reisen, lässt sich als Schauspielerin ausbilden, bekommt ein weiteres Kind, einen Sohn und gerät dann aber in der Folge einer pränatalen Depression in eine schwere existenzielle Krise. Sie trennt sich von ihrem Mann, zieht bereits 1953 nach Nizza und lernt dort Jean Tinguely kennen.

Ab dem Jahr 1956 beginnt sie intensiv bildnerisch-künstlerisch zu arbeiten, hauptsächlich mit Material-Assemblagen. Den Durchbruch erlangt sie mit Aufsehen erregenden Schießbildern (Tirs) und den weltberühmt gewordenen Nanas, übergroßen, bunten in Polyester gegossenen Gebilden, meist Frauen darstellend, aus Wolle und Textilien.

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Aufgrund des mit ungeheuerer Verve und innerer Beteiligung entwickelten und vorgetragenen Beitrages von Lore Seichter-Murath lässt sich erahnen, was für ein Aufsehen diese Schießbilder und Nanas erregten, was für eine Befreiung, aber auch was für eine Provokation sie darstellten. Eine Revolte gegen die patriarchalische Gesellschaft, gegen die katholische Kirche, gegen Tabus und Konventionen, gegen die Medien, gegen einen erstarrten Akademismus – als Folge der intensiven Beschäftigung mit den verschiedensten Rollen der Frau.

Bei Lore Seichter-Murath, die ihre szenische Lesung als eine Art inneren Dialog von Niki St. Phalle und Jean Tinguely aufgebaut hat und und diese abwechselnd als Ich-Erzähler sprechen lässt, wird auch die starke Verzweiflung der verwundeten Niki St. Phalle deutlich. Verwundet von ihrem eigenen Vater, aber auch von der Kunst,verwundet vom Leben und den Männern. Niki St. Phalle legt sich selbst Tarotkarten, entwickelt eigene, schießt sich frei,weil sie nicht länger das Opfer sein will, gerät in Extase bei ihren Schießaktionen auf vorbereitete Tableaus, also dem Schießen roter Farbe auf grauen Gips. Sie fühlt sich dabei wie Jeanne d´Arc – "das Bild blutete und starb, dabei aber neues Erwachen". Auf ein eingegipstes Hemd ihres verflossenen Liebhabers sollen die Zuschauer Dart-Pfeile schießen – aber Lore Seichter-Muraths Niki schießt auch auf sich selbst – viel Verzweiflung schimmert da durch. Seichter-Murath bezeichnet Jeanne d´Arc als Terroristin ihrer Zeit – Niki als Terroristin der Kunst.

Lore Seichter-Murath , die seit 2006 szenische Lesungen entwickelt, so auch über Käthe Kollwitz, Sophie Scholl, Frieda Karlo, Camille Claudel und diese, unter anderem auch in Berlin, aufgeführt hat, führt in schnellen und dichten Gesten in das äußerst komplexe und komplizierte Innenleben der Niki St. Phalle, einer starken, aber auch sehr verletzlichen Frau.

Es sind die vielen Gedankenfetzen, auch Widersprüche im Kopf der Niki St. Phalle, die Lore Seichter-Murath auf sehr anspruchsvolle und anschauliche Weise wiedergibt und so ein das Bild einer sich "freigeschossenen habenden" Frau und Persönlichkeit wiedergibt, die nicht nur der Bewegung des "Nouveaux Realistes" wichtige Impulse gab , sondern auch der Frauenbewegung. Niki St. Phalle verkörperte schon früh ein neues Frauenbild, welches auch die klassische Mutterrolle ablehnte.

Der Beifall wollte nicht enden nach der knapp einstündigen Lesung im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch von den etwa 40 Besuchern für Lore Seichter-Murath, die im Juli 2011 auch im neuen Depot K in Freiburg auftreten wird.

Die szenischen Lesungen sind auch als CD erhältlich! Näheres: http://www.lore-seichter-murath.de.

Autor: Nicola Gastiger