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16. Juni 2012

Nirgendwo nur flüchtiger Gast

Der Blick von innen: Der ethnologische Filmemacher Hermann Schlenker aus Schwennigen wird heute 80 Jahre alt.

  1. Bei den Makiritare ließ sich Hermann Schlenker in der Kunst des Herstellens von Blasrohren und Pfeilen unterweisen. Foto: Michael J.H. Zimmrmann

Als Altmeister des ethnologischen Films hat er international Maßstäbe gesetzt, ist als Größe in der "Encyclopaedia Cinematographica" geführt, wird in Ausstellungen rund um den Globus gewürdigt: Gut vierhundert Filme für Fernsehen, Forschung und Wissenschaft hat Hermann Schlenker in allen Kontinenten gedreht. Heute feiert der Schwenninger "Ethnograph mit der Kamera" seinen 80. Geburtstag,.

Mit Filmvorträgen über das seinerzeit gesperrte Grönland erregte Schlenker vor einem halben Jahrhundert die Aufmerksamkeit der Stuttgarter Ethnologen. Mit ihnen brach er auf zu den Bergvölkern im Hindukusch, wo er seine Lebensaufgabe fand: das bedrohte Andere mit der Kamera erlebbar zu machen. Selbst zum Forscher wurde er, eignete sich völkerkundliches Wissen und viele Sprachen an, gründete eine Firma – und drehte Film um Film: in Afghanistan, Pakistan und Malaysia. Bergstämme im Norden Thailands teilten mit ihm das Mahl aus Reis, Mais, Ameiseneiern, rohem Hundefleisch. Ein Schamane der Akha hätte ihn als Schwiegersohn gern behalten.

In Mali erforschte Schlenker die Peulh mit ihrem strengen Sittenkodex, die vom Fischfang sich nährenden Bozo, die verführerisch fremde Welt der Dogon mit ihrer Maskenkunst, ihren Tänzen für die Toten. In Südamerika lebte er mit den friedfertigen Arhuaco zusammen, mit den Makiritare – und mit den Yanomámi, die an den Quellflüssen des Orinoco ihre Pfeile in Curare tauchen. In Papua-Neuguinea lebte er ein halbes Jahr mit den Iatmul, zeichnete das Mannbarkeitsritual auf, durchlitt die schweren Prüfungen der Jünglinge.

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Schlenker gewann vielerorts Vertrauen: Man gewährte ihm den Blick von innen – fern aller oberflächlichen Ethnofilmerei. In Afghanistan begleitete er die Nomaden des Pamir, bei im Exil lebenden Tibetern in Indien erkundete er den Lamaismus mit seiner tiefen Gläubigkeit und erwarb die fortdauernde Freundschaft des Dalai Lama. Im Ladakh als dem "Land des Lächelns" war er Gast der Königin Parvati Devi Deskit Wangmo. Im Inselmeer der Südsee lebte er mit den 170 Bewohnern des Nuguria-Atolls, an dem zweimal nur im Jahr ein Schiff anlegt.

Kunst, Kult, Medizin und Magie des Geheimbunds der Tikar hielt er im Grasland Kameruns fest. Den Ova Himba, Verwandten der Herero im Nordwesten Namibias, setzte er ein Denkmal. Nirgendwo auf der Welt war Hermann Schlenker, der aufbrach, um heimzukehren, nur flüchtiger Gast.

So erklärt sich sein gewaltiges Lebenswerk, das ein Millionenpublikum fand. Er drehte für das Göttinger Institut für Medien in der Wissenschaft, für die International Film Foundation in New York, für die BBC in London, das ZDF in Mainz, den WDR in Köln, den SWF in Baden-Baden. In die Welt fremder Völker, wie sie zuvor nie gezeigt wurde, führt Schlenker, der früh die Frage aufwarf, ob der von außen diktierte Kulturwandel nicht mehr Fluch als Segen bedeute. "Klüger ist die Welt durch meine Arbeit vielleicht geworden, besser leider nicht", zieht er Bilanz. Selbst am äußersten Rand des Erdkreises aber habe er die Insel der Seligen nicht entdeckt.

Auch nicht, wenn er sich seiner Heimat annimmt, mit Freiburger Volkskundlern versinkendem Brauch und vergessenem Handwerk nachspürt, die dank der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" so exotisch anmuten mögen wie räumlich ferne Lebenswelten. Dass er dabei auf einen Sprecher weitgehend verzichtet, die Akteure selbst in ihrer verschwindenden Mundart zu Wort kommen lässt, kennzeichnet seinen Stil, der manchen Professoren staunen machte.

Autor: Michael J. H. Zimmermann